
Die Welt von Reckless ist nicht so sonnig, wie uns das Wetter in der Stadt Charleston glauben machen will. Verbrechen und Korruption sind keine Ausnahmeerscheinungen. Die sexy Anwältin Jamie Sawyer (Anna Wood, Deception) und der gerissene Staatsanwalt Roy Rayder (Cam Gigandet, The OC, „Easy A“) finden sich dabei auf unterschiedlichen Seiten wieder, verfolgen jedoch die selben Ziele.
Miami mit Kleinstadtflair
Eine hübsche junge Frau (Georgina Haig) wird in ihrem Auto von einem Polizisten angehalten. Die nur leicht Bekleidete teilt ihm mit, sie würde alles tun, um ohne Ticket aus der Sache herauszukommen. Der Vertreter des Gesetzes lässt sie aussteigen, drückt sie an einen Zaun und beginnt sie "abzutasten". Für einen kurzen Moment scheint sie sich wehren zu wollen, doch dann scheint sie das Geschehen zu genießen. Die beiden kennen sich. Willkommen in Charleston!
Es erscheint der kurze Schriftzug mit dem Namen der Serie und das Lied „Fortunate Son“ der Band „Creedence Clearwater Revival“ ertönt, gefolgt von mehreren Establishing-Shots der Stadt. Die Establishing-Shots - sowohl am Tag als auch bei Nacht - assoziieren die Zuschauer dabei sicherlich mit der Stadt Miami und einer Vielzahl beliebter Serien, die bereits dort spielten.
Staatsanwalt Roy Rayder betritt die Bühne. Begleitet von der Musik fährt er stilvoll mit dem Boot zur Arbeit. Unter der Jacke trägt er Anzug und Krawatte und rasiert sich noch eben, während er über den Pier stolziert. Der Beobachter soll keine andere Wahl haben, als ihn für cool zu halten.
Auch sein Konterpart, die hübsche Anwältin Jamie Sawyer, wird mit Tricks wie dem klassischen Zeitlupengang eingeführt, damit keine Zweifel an ihrer Eleganz und Sexyness aufkommen. Überhaupt merkt man sehr schnell, dass bei „Reckless“ sehr viel Wert auf „Eye-Candy“ gelegt wird.

Der eigentliche Fall, bei dem sich die Anwältin und der Staatsanwalt gegenüberstehen, gerät schnell in den Hintergrund. Vielmehr liegt der Fokus auf ihren Gesprächen vor und während der Verhandlung. Die sexuelle Spannung zwischen ihnen wird einem dabei sowohl durch die Dialoge als auch durch die vergleichsweise lange Screentime, die sie miteinander haben, geradezu aufgedrängt.
Auch Terry MacCandless (Shawn Hatosy aus Southland), der Polizist aus der Introsequenz, wird nicht sonderlich subtil als Bösewicht etabliert: Er schikaniert seine Kollegin Lee Anne Marcus (Georgina Haig), die sich als die "ungezogene" Frau aus der Eingangssequenz entpuppt; und als sie die Beziehung beenden will, nachdem er anzügliche Bilder von ihr an seine Kollegen weitergeleitet hat, entgegnet er nur, er würde bestimmen, wann Schluss sei. Anschießend sorgt er dafür, dass sie gefeuert wird, indem er weitere Videos und Fotos von ihr in Umlauf bring. Darüber hinaus schüchtert er auch noch eine Zeugin ein.
Altbewährtes und Klischees
Der Romanze zwischen Jamie und Roy steht zunächst Jamies Freund Detective Preston Cruz (Adam Rodriguez) im Weg. Es wird sehr offensichtlich versucht, ein typisches „Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht“-Szenario aufzubauen. Die Serie weist eine mittlerweile häufig auftretende Struktur mit einem täglichen Fall und einem folgenübergreifenden Handlungsbogen auf. Letzterer formt seine ersten Züge, als die gefeuerte Polizistin Lee Anne Marcus sich an Jamie als Anwältin wendet, um das Department zu verklagen. Im Zuge dessen findet die Anwältin (mit Hilfe von Roy) ein Video, in dem Lee Anne Sex mit mehreren Gesetzeshütern auf der Motorhaube eines Polizeiautos hat. Diese schwört allerdings, sie könne sich nicht daran erinnern und beteuert, sie müsse unter Drogen gesetzt worden sein. Auf dem Video ist unter anderem ihr Ex-Freund Detective MacCandless zu sehen. Roy findet später heraus, dass das Video manipuliert wurde, und entdeckt in einer ungeschnittenen Version am Ende der Folge Jamies Freund Cruz auf dem Band.
Handwerklich einwandfrei
Optisch macht Reckless einen guten Eindruck. Der Drehort im Bundesstaat South Carolina ist malerisch, und die Farbgebung der Bilder erinnert an die CBS-Serie CSI: Miami. Die Auftritte der Figuren sind gut stilisiert, aber grenzwertig dick aufgetragen. Die Chemie zwischen Anna Wood und Cam Gigandet ist in Ordnung, hat aber noch Luft nach oben. Die schauspielerische Leistung der Darsteller ist weitestgehend passabel bis gut. Lediglich Georgina Haig konnte noch nicht ganz überzeugen, was wohl an der sehr naiven Darstellung ihrer Figur liegt.
Crime, Drama oder Soap?
Essentielle Qualitätseinbußen werden jedoch beim Drehbuch deutlich: Man leiht sich etliche Charakteristika von anderen Serien und lässt dabei eine klare Linie vermissen. Ein wenig Castle für die Beziehung von Roy und Jamie, optisch eine Prise CSI: Miami, dazu noch ein bisschen Polizeiskandale und Korruption aus diversen Polizei-und Crimeserien sowie eine Menge sexueller Andeutungen und Spannungen gepaart mit soapähnlicher Melodramatik. Gerade die durchgestylte Sexualisierung fast sämtlicher Charaktere ist zu oft "over the top". Hinzu kommt, dass der Grundton der Serie unentschlossen wirkt. Man springt von lockeren und unbeschwerten Dialogen zwischen Roy und Jamie zur ernsten Gruppenvergewaltigung von Lee Anne. Will man jetzt, dass der Zuschauer gleichzeitig entspannt und nach den Darstellern schmachtet, aber im Anschluss gleich wieder auf Entsetzen umschaltet?
Des Weiteren lässt sich sicherlich auch über das gezeichnete Frauenbild und die zahlreichen Klischees diskutieren. Abgesehen von Anna Woods Hauptfigur sind die Frauen in der Pilotepisode entweder naiv oder leicht einzuschüchtern. Dazu werden gerade die weiblichen Darstellerinnen sowohl charakterlich als auch bildtechnisch stark objektifiziert, was vor allem die Charaktere Jamie Sawyer und Lee Ann Marcus betrifft. Darüber hinaus ist das Bild der taffen Anwältin, die ihre Reize geschickt einsetzt, alles andere als eine neue Erfindung.
Fazit
Bei Reckless ist momentan Potential für Bewegung in Richtung beider Qualitätsspektren vorhanden. Es bleibt abzuwarten, ob man hier eine klarere Linie findet. Momentan hebt die Serie jedoch nichts vom Einheitsbrei der Crimeserien ab. Die Soap-ähnlichen Züge verheißen nicht viel Gutes, und es besteht Gefahr, dass man damit bestenfalls in den „Guilty-Pleasure“-Bereich abrutscht. Ob eine gute Optik, viel „Eye-Candy“ und solide Darsteller reichen, um die Zuschauer weiterhin vor den Bildschirm zu bekommen? Wir werden sehen.