Ramy: Review der Pilotepisode

Ramy: Review der Pilotepisode

Ramy Hassan wächst in einer muslimischen Gemeinschaft in New Jersey heran. Die Dramedy Ramy erzählt die Suche des Protagonisten nach einer eigenen Identität auf humorvolle und zugleich ernsthafte Art und Weise.

„Ramy“ (c) Hulu
„Ramy“ (c) Hulu
© ??Ramy“ (c) Hulu

Bereits die erste Szene der neuen Hulu-Dramedy Ramy zeigt auf, worum es im Großen und Ganzen gehen wird. Ramy Hassan (Ramy Youssef) sitzt mit seiner Mutter im Auto und das Gespräch entwickelt sich in eine Diskussion über sein Dasein als Single. Ramy schließt mit den Worten „I'm just figuring it out.“ Und das ist auch, was er tut. Nicht nur im Hinblick auf Frauen, sondern auf sein gesamtes Leben als Moslem in einer amerikanischen Stadt. Seine Familie lebt in New Jersey und Ramy ist zwiegespalten zwischen der alteingesessenen Tradition seines Glaubens und den fortschrittlichen Idealen einer neuen Generation. Wie viele andere in seinem Alter versucht er, seinen Weg mit dem Islam zu finden, während ihm die Älteren sagen, es gäbe nur einen richtigen Weg. „Ramy“ ist eine von nur wenigen Serien, die eine muslimische Familie in ihrem Alltag zeigt. Und nicht nur das macht sie besonders. Youssef, Produzent, Regisseur und Schöpfer, erzählt Ramys Geschichte und gleichzeitig die all derer in seinem Umfeld mit der nötigen Tiefe und Ernsthaftigkeit, vergisst dabei aber auch nicht, humoristische Pointen zu setzen.

Die erste Folge gibt uns zunächst einen kleinen Einblick in das religiöse Leben und die privaten Vergnügen der Hauptfigur Ramy Hassan. Schon die erste Auseinandersetzung mit einem älteren Moslem in der Moschee ist ein Paradebeispiel für alle folgenden Konflikte im Zusammenhang mit Glauben und Religion. Da Ramy schon ein wenig spät dran ist für das Gebet, stürzt er aus der Menschenschlange auf dem Weg zur Reinigung. Kurzerhand begibt er sich zu den Waschbecken im Keller und führt die Säuberung zügig durch. Dabei wird er von einem älteren Gemeindemitglied erwischt, der ihm lang und breit erklärt, wie die korrekte Waschung auszusehen hat. Während der Diskussion springt Ramy ständig zwischen der arabischen und englischen Sprache hin und her, was sinnbildlich für seine innere Zerrissenheit steht. Auf der einen Seite liebt er das Amerika, in dem er aufgewachsen ist. Auf der anderen Seite liebt er seinen Gott. Doch all die Verbote, Reglementierungen und Bestrafungen seiner Religion lassen ihn des Öfteren hadern. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Vorstellung der Welt (auch außerhalb der Moschee) und den Bedingungen innerhalb der muslimischen Gemeinde. Es ist schwer für ihn, Dinge, die er selbst als unschuldig empfindet, die aber für fromme Gläubiger absolut verboten sind, moralisch zu messen und für sich abzulehnen, wie es eigentlich seine Pflicht wäre.

Besonders präsent wird sein innerer Konflikt, wenn er Frauen kennenlernt. Schon seit einer Weile trifft er Chloe (Anna Konkle). Nach dem Sex schleicht er sich ins Bad, füllt das Kondom mit Wasser und kontrolliert, ob irgendwo kleine Löcher den Spermien den Weg nach außen ermöglichen. Eines Nachts wird er von Chloe erwischt, für die seine Religion keine Rolle spielt - die Tatsache, dass er sie anlügt, allerdings sehr wohl. Denn, während des spätabendlichen Gesprächs erfährt sie auch, dass er keinen Alkohol trinkt, das allerdings immer verbirgt. Kurze Zeit nach dem Streit mit Chloe beschließt Ramy eines Abends zu Tisch, seinen Eltern und seiner Schwester zu offenbaren, dass er sich wünscht, mit einer muslimischen Frau verkuppelt zu werden. Was bei seiner Mutter sofort in glücklicher Euphorie endet, stößt bei Ramys Schwester Dena (May Calamawy) auf Unverständnis und Wut, da seine Entscheidung auch ihre Zukunft nachhaltig beeinflusst. Trotz Bedenken hat er ein Date mit einer Auserwählten, die sich zunächst ruhig und zurückhaltend präsentiert. Als Ramy sie zum Auto begleitet, entpuppt sie sich als wild und fordernd und zieht ihn förmlich zum Sex ins Auto. Von dieser Situation überrascht, stoppt Ramy sein Gegenüber mit den Worten, er hätte das von dieser Art Frau nicht erwartet. Entsetzt darüber, in die Schublade einer „typischen" muslimischen Frau gesteckt worden zu sein, wirft sie Ramy aus dem Auto. In diesem Moment wird ihm klar, dass er die Vorstellungen und Vorurteile seiner Religion, die er selbst verabscheut, schon längst auch in sich trägt. Genau das ist der Punkt mit jeder Kultur. Die Werte, die man von außen betrachtet nicht vertreten kann und will, sind teilweise doch in einem verfestigt und so leicht wird man sie eben nicht los.

Die Dramedy „Ramy“ ist sehr erfrischend. Zum einen, weil sie sich mit einem Thema befasst, welches noch nicht bis zur Unkenntlichkeit auseinandergenommen wurde. Und zum anderen, weil sie es versteht, die universalen inneren Kämpfe zu individuellen Kämpfen der einzelnen Figuren zu machen. Das Gesagte ist nicht allgemeingültig, aber es ist ehrlich. Ramy und seine Familie stehen nicht für eine gesamte muslimische Gruppe, sondern alles, was sie erfahren, ist speziell ihr Erlebtes. Und das macht es so sympathisch. „Ramy“ hat nicht den Anspruch, jedem gerecht zu werden, spricht aber genau deshalb jeden an. Man kann über das Gesehene diskutieren und das macht es so real. Sich über kontroverse Sichtweisen über den Inhalt auszutauschen, macht eine Serie lebendig und verknüpft sie mit Emotionen. Und dieses Potential hat „Ramy“. Ich hoffe sehr, dass Denas Innenleben in den folgenden Episoden intensiver beleuchtet wird, um die Sicht einer Frau der gleichen Generation der Ramys gegenüberzustellen. Auch, wenn das Timing der Pointen ab und an ein wenig holprig wirkt, vergebe ich vier von fünf Sternen für eine durchaus gelungene Dramedy.

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