
Es ist üblicherweise kein gutes Zeichen, wenn ein Sender entscheidet, die ursprüngliche Pilotepisode einer neuen Serie - nach deren Sichtung die Verantwortlichen sich ja zu einer Bestellung dieser Serie entschieden hatten -, nicht als Auftaktepisode des neuen Hoffnungsträgers zu verwenden. So geschehen bei Rake, der neuen FOX-Dramedy mit Greg Kinnear in der Hauptrolle. Die ehemals als Pilotepisode geplante Folge wird nun mitten in der ersten Staffel ausgestrahlt werden. Als Auftakt muss Serial Killer herhalten.
Where's your dignity?
Kinnear spielt darin den abgehalfterten Rechtsanwalt Keegan Deane. Der leidet an Spielsucht und generell daran, ein ziemliches Arschloch zu sein. Nachdem er in der Toilette einer Bar vom Prügelknaben seines Buchmachers eine letzte Mahnung über ausstehende Spielschulden erhalten hat, schnappt er sich ein Flittchen und zieht mit ihr weiter. Auf einer Party versucht sie erfolglos, ihn zum Tanzen zu animieren. Keegan jedoch hat nur Augen für die Pokerrunde, die im Nebenraum stattfindet. Die ganze Nacht zockt er durch, das leichte Mädchen wartet geduldig darauf, dass er sie am Morgen doch noch abschleppen darf.
Er nimmt sie jedoch nicht mit in die eigene Wohnung, sondern ins Haus seiner Freunde Ben (John Ortiz) und Scarlett (Necar Zadegan). Spätestens da - wenn nicht schon mehrere Male zuvor - fragt man sich als Zuschauer, was das Mädel an diesem Kerl findet? Sollen wir der Serie ernsthaft abnehmen, dass dieser zerfledderte Typ nichts weiter zu tun braucht, als nett zu lächeln, um irgendein beliebiges Mädchen rumzukriegen? Dieser Typ, der keine eigene Wohnung hat und sofort das Weite sucht, wenn Alkohol oder Glücksspiel rufen?
In dieser unglaubwürdigen Charakterzeichnung manifestiert sich ein erstes Problem der neuen Serie. Im Angesicht der Tatsache, dass die wirklich mutigen und innovativen Dramaserien heutzutage im Pay-TV laufen, sehen die Networks - in diesem Falle FOX - ihre Felle davonschwimmen. Was ist also das einfachste Mittel, um ein ähnlich kontroverses Serienprodukt in die eigenen Reihen zu bekommen? Man kopiert einfach von den Besseren. In diesem Falle hat FOX also gesehen, dass das Konzept des Antihelden sehr gut aufgeht - und bestellte mit Rake seine eigene Antiheldenserie.

Leider bestätigt die Auftaktepisode lediglich, dass dieses Rezept ein zu simples ist. Zum einen muss dem Antihelden ein vernünftiges und glaubwürdiges Umfeld verliehen werden. Das ist in Rake nicht der Fall. Keegan Deane schafft es zwar, sämtliche seiner Freunde zu entfremden - dies hat jedoch keinerlei Konsequenzen. Ben und Scarlett lassen ihn weiterhin bei sich wohnen, Prügelknabe Roy (Omar J. Dorsey) gesteht ihm gegen ein kostenloses Abendessen mehr Zeit zu, um seine Schulden zu begleichen, und auch seine Stammprostituierte Mikki (Bojana Novakovic) kann nicht lange sauer auf ihn sein. Das alles schafft er nur mit einem unschuldigen Lächeln und seinem jugendlichen Charme.
We're married, we have children, we're boring
Zum anderen sollte der Antiheld über einige sympathische Charakterzüge verfügen. Bei Tony Soprano (James Gandolfini) und Walter White (Bryan Cranston) ist dies die Liebe zur Familie, bei Don Draper (Jon Hamm) die Liebe zum Beruf. Bei Gregory House (Hugh Laurie) war es die Liebe zur Wissenschaft (mit dessen Serie Rake schon jetzt verglichen wird - wieso, ist mir auch nicht ganz klar. Vielleicht, weil sie beide aus dem Hause FOX stammen?). Keegan Deane hingegen hat keine solche Leidenschaft: Er kümmert sich kaum um seine Freunde und nur halbherzig um seine Familie. Im Mittelpunkt steht meistens er selbst.
Auch in seinem Beruf als Rechtsanwalt kann er keine Ideale vorweisen. Wegen einer nichtbezahlten Pokerschuld stolpert er in einen Fall, der als einfach angepriesen wird, sich jedoch als das genaue Gegenteil herausstellt. Darin soll ein angeblicher neunfacher Mörder (Peter Stormare) vor Gericht ein Geständnis ablegen, um der Todesstrafe zu entgehen. Plötzlich beschließt er jedoch, auf unschuldig zu plädieren. Deene wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Übernahme dieses Falls, da er fürchtet, der Angeklagte könne ihn nicht bezahlen. Erst, als sich wegen der Beschuldigung des Polizeichefs von Los Angeles die Möglichkeit einer Schadensersatzklage in Millionenhöhe ergibt, flackert das innere Feuer Keegans plötzlich auf.
Zu Keegans Spielsucht, Alkoholismus, seinem fragwürdigen Frauenbild und der allgegenwärtigen Überheblichkeit gesellt sich nun also noch Gier und Empathieunfähigkeit. Hieße die hier diskutierte Serie House of Cards, könnte ich daran vielleicht Gefallen finden (obwohl ich auch dort mit der Figurenzeichnung des Frank Underwood große Probleme hatte). Rake will jedoch gleichzeitig lustig und locker sein. Dazu hätte man die Hauptfigur in der Pilotepisode aber weitaus sympathischer modellieren müssen.

An Greg Kinnear liegt es indes nicht, dass es an seiner Figur nichts wirklich Positives hervorzuheben gibt. Er liefert eine solide Leistung ab, sein bubenhafter Charme erinnert an die Großen dieser Kategorie, Tom Hanks etwa oder auch Robert Downey Jr. Die Nebencharaktere sind ebenfalls ordentlich besetzt, John Ortiz spielt eine ähnliche Rolle wie in „Silver Linings Playbook“, in der ich ihn sehr mochte.
This is going to be a conversation
Rake basiert auf der gleichnamigen australischen Serie. Deren Schöpfer Peter Duncan zeichnet auch für die US-Adaption verantwortlich. Außerdem fungiert Peter Tolan als Executive Producer. Der müsste eigentlich wissen, wie man einen liebenswerten Antihelden konzipiert, schließlich hat er mit Tommy Gavin (Denis Leary) in Rescue Me einen der coolsten der Seriengeschichte geschaffen.
In Rake geht das Konzept noch nicht auf, was in Teilen auch daran liegt, dass einzelne Witze zu oft wiederholt werden. Es hätte durchaus genügt, die Thunfischgeschichte etwas weniger prominent zu platzieren - zumal sie sich am Ende als ziemlich überflüssig herausstellt. Andere Witzchen hat man schon einmal gesehen (die Parkschilder bei Louie). Außerdem würde der Serie etwas weniger Schwarz-Weiß-Zeichnung guttun. Keegan muss nicht das absolute Arschloch sein, genau wie Ben nicht der Ehemannprototyp sein muss.
Mit ein bisschen mehr Fantasie und mehr Empathie für die eigenen Figuren könnte es noch gelingen, aus der bislang 13-teiligen ersten Staffel eine amüsante Dramedy zu schustern. So vorhersehbar und wenig innovativ die Auftaktepisode auch war, das Potential schlummert irgendwo in dieser Serie. Hoffentlich finden die Autoren es bald.