Queen Sugar 1x13

Die Finalepisode der ersten Staffel von Queen Sugar eröffnet mit einer atemberaubenden Sexszene. Nachdem sich Ralph Angel (Kofi Siriboe) und Darla (Bianca Lawson) über den gesamten Verlauf der Staffel einander vorsichtig genähert haben, sind beide nun wieder bereit, sich voll aufeinander einzulassen. Regisseurin Tina Mabry lässt uns Zuschauer dabei nur erahnen, was die beiden da unter der Dusche tun - und gerade deswegen ist die Szene so sexy. Wir sehen Schultern und Gesichter, vor allem aber Zärtlichkeit und großes gegenseitiges Vertrauen.
Everybody ain't playing games
Das Cold Open endet mit Ralph Angel, der nach dem freudigen Duschintermezzo nach seinem friedlich schlafenden Sohn Blue (Ethan Hutchison) sieht. Ein Ausdruck tiefer innerer Zufriedenheit huscht über Ralphs Gesicht. Für den Großteil der Episode wird es das aber mit diesem Gefühl gewesen sein, schließlich steht ein großer Geschwisterstreit bevor, der sich ebenfalls seit langem anbahnt. Ralph, der in der Auftaktepisode noch durch einen Rückfall in alte, straffällige Zeiten aufgefallen war, hat es tatsächlich geschafft, sein Leben zum Guten zu wenden.
Er hat dabei so viel persönliches Wachstum hingelegt, dass er nun sogar seiner geschäftstüchtigen - und äußerst gerissenen, wie Give Us This Day beweist - Schwester Charley (Dawn-Lyen Gardner) Konkurrenz macht. Er will sich der Dominanz des örtlichen Zuckerrohrverarbeitungsbetriebs entziehen, indem er Kühllieferwagen damit beauftragt, seine Ernte zu einem weiter entfernten, aber historisch weniger vorbelasteten Betrieb zu transportieren. Dieser Plan steht in direktem Widerspruch zu dem seiner ältesten Schwester, die sich ein weitaus riskanteres, aber auch deutlich erfolgversprechenderes Konzept ausgedacht hat.
Charley muss mehrere Schlüsselfiguren jonglieren, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Mit Frank Rovner (Anthony Marble), dem Besitzer des örtlichen Basketballteams, hat sie einen Deal ausgehandelt, der vorsieht, dass Rovner zum millionenschweren Investor ihrer eigenen Zuckerfabrik wird, sollte es Charley gelingen, ihren Ehemann Davis (Timon Kyle Durrett) und dessen Teamkollegen Felix (Deric Augustine) zu einem Wechsel nach New Orleans zu bewegen. Zunächst versucht sie, Davis die Möglichkeit einer Annäherung vorzuheucheln, was der aber bald enttarnt.

Also geht Charley zu einem drastischeren Schritt über - sie appelliert an das Gewissen und den Stolz ihres Ehemanns: „Thinking you're cool while everyone is quietly laughing behind your back.“ Diese Herangehensweise trägt schließlich Früchte, was ihren Plan aber nur zur Hälfte erfüllt. Nun muss sie noch Felix überreden, wobei ein früherer Erpressungsversuch gegenüber dessen Ehefrau Lena (Khaneshia Smith) erfolglos geblieben ist. Der im Stripclub erwischte Felix ist dafür empfänglicher - auch er stimmt einem Wechsel zu den Stingers zu.
Hell to pay
Selbst dieser Erfolg ist der Powerfrau Charley aber noch nicht genug. Sie würzt ihre Erpressungsansprache mit einer Drohung, wonach sie Felix ruinieren werde, sollte er es noch einmal wagen, eine Frau zu misshandeln. Obendrein kassiert sie von ihm ebenjenen Betrag, den sie eigentlich mit Rovner ausgehandelt hatte. Das erlaubt ihr nicht nur größeren finanziellen Spielraum, sondern auch eine millionenschwere Spende an die real existierende Nichtregierungsorganisation Sex Workers Outreach Program. Sicher, Charley kämpft mit harten Bandagen und unlauteren Methoden - aber genau das macht eine gelungene Charakterzeichnung ja auch aus.
Außerdem bleibt Ralph Angel der einzige Skeptiker, der sich von ihrem Enthusiasmus nicht anstecken lässt. Die Unterstützung ihres neuen Freundes Remy (Dondre Whitfield) ist ihr zumindest in geschäftlicher Hinsicht sicher, hat er doch offensichtlich keine Lust, die Spielchen, die sie mit ihrem Noch-Ehemann Davis spielt, mitzumachen. So bleibt die breite Zustimmung beim Treffen mit den übrigen Farmern des Saint Josephine Parish ein bittersüßer Triumph. Wie lange dieser überhaupt Bestand hat, darf allerdings mit der Enthüllung am Ende der Episode angezweifelt werden.
Ralph Angel, der wegen der fehlenden Unterstützung seiner beiden Schwestern dem Community-Treffen aus Protest ferngeblieben ist, findet da einen Brief seines Vaters, den der erst kurz vor seinem Tod verfasst hatte. In diesem Testament legt er fest, dass sein einziger Sohn der Alleinerbe seines Grundbesitzes ist. Während Ralph Angel die Zeilen liest, hört er die Stimme seines Vaters, der diesen ungewöhnlichen Schritt eindringlich begründet: „You are better than you think.“ Trotz der Verfehlungen seines Sohnes glaubte er, dass aus ihm ein rechtschaffener Mensch werden könne, würde er nur die Chance dazu bekommen.

Die letzte Szene ist dann auch eine schöne Spiegelung zum Ende der Pilotepisode, als es Charley war, die ihren Blick über das weite Zuckerrohrfeld hinter dem Familienanwesen schweifen ließ. Nun muss Ralph Angel entscheiden, was er mit seinem Land anfängt: Lässt er sich auf den Plan seiner Schwester ein oder setzt er sein eigenes Ansinnen durch? Die bereits bestellte zweite Staffel wird diesen Zwiespalt wohl in ihren Mittelpunkt stellen, was angesichts des nur kurz aufrechterhaltenen Zusammenhalts der Geschwister Bordelon schade, im Hinblick auf künftige Konfliktlinien aber äußerst spannend ist.
One of those men
Give Us This Day ist bestimmt von dieser zentralen Auseinandersetzung, wobei die dramatischste Szene der gesamten Episode nicht vergessen werden soll. Nachdem es Nova (Rutina Wesley) gelungen ist, den unschuldig inhaftierten Too Sweet (Isaac White) nicht nur aus dem Gefängnis zu holen, sondern auch dessen Resozialisierung sicherzustellen, versöhnt sie sich mit Calvin (Greg Vaughan). Der hatte aus Liebe zu ihr gar seine Familie verlassen, was nun ein Happy End für das wiedervereinte Liebespaar bedeuten könnte, wären da nicht die Nachwirkungen, die ihre Arbeit als Investigativjournalistin mit sich bringt.
Bei ihrem ersten Date in der Öffentlichkeit treffen die beiden auf einen Kollegen Gregs, der Nova aufs Übelste misshandelt, als er erfährt, wer sie ist. Ihre Tätigkeit wird von ihm nicht als notwendiges Regulativ gegen grassierende, bisweilen rassistische Polizeigewalt verstanden, sondern als Frontalangriff auf die Institutionen staatlicher Strafverfolung. Mit seinem nachfolgenden, verabscheuungswürdigen Verhalten bestätigt er aber nur ebenjenes Bild, das von Reportern wie Nova gezeichnet wird - er glaubt tatsächlich, sie ungehindert erniedrigen, begrapschen und bespucken zu können, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen.
Am Ende bleibt unklar, ob Nova und Calvin noch zusammen sind. Sie verarbeitet das traumatische Geschehen offenbar alleine, wobei sie aber seinen Pulli trägt. Ebenso unklar bleibt, wie es mit Hollywood (Omar J. Dorsey) und Violet (Tina Lifford) weitergehen wird, nachdem er sich für sechs Monate auf die Bohrinsel verabschiedet hat. Weniger kompliziert ist die Feststellung, dass Serienschöpferin Ava DuVernay, die auch das Drehbuch zur Finalepisode schrieb, mit der ersten Staffel von Queen Sugar ein beachtliches Seriendebüt gelungen ist, das sich vor allem durch eine komplexe Charakterzeichnung und eine exquisite visuelle Umsetzung - von einer rein weiblichen Regisseurinnencrew - auszeichnet.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 2. Dezember 2016(Queen Sugar 1x13)
Schauspieler in der Episode Queen Sugar 1x13
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