Vor allem in ihren stillen Momenten kann die Pilotepisode von Queen of the South überzeugen. Leider gibt es davon nicht allzu viele. Die meisten anderen Szenen werden nämlich wahlweise durch unnötiges Voice-over oder hölzerne Dialogarbeit erdrückt.

Ob und wann El Guero (Jon-Michael Ecker) in die Geschichte zurückkehrt? / (c) USA Network
Ob und wann El Guero (Jon-Michael Ecker) in die Geschichte zurückkehrt? / (c) USA Network

Im Gegensatz zur kürzlich gestarteten TNT-Dramaserie Animal Kingdom, deren Pilotepisode ich mit derselben Wertung bedachte wie den Auftakt von Queen of the South, werde ich letztgenanntes Format weiterschauen. Das liegt vor allem an der zweiten Hälfte der Debütepisode, die weniger Exposition beinhaltet und dafür mehr Emotion. Gemein haben die beiden qualitativ unterschiedlichen Abschnitte die Verfolgungsjagden und Actionsequenzen, von denen Teresa Mendoza (Alice Braga) mehrere überstehen muss.

All I saw was myself

Ihr Schicksal scheint schon im cold open besiegelt zu sein. Da hat sie den Aufstieg zur mächtigsten Drogenbaronin im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet längst absolviert, was sie zu folgendem schnöden Fazit veranlasst: „Rich is better.“ Der eigenen Schmuggelware ist sie ganz offensichtlich auch in dieser erhöhten Position nicht abgeneigt, womit sie eine eherne Regel missachtet, die Generationen erfolgreicher Drogendealer ihrem Nachwuchs beizubringen versuchen: „Don't get high on your own supply.

Die Quittung dafür - und wahrscheinlich für viele weitere Missetaten - erhält Teresa postwendend. Eine Gewehrsalve erwischt nicht nur ihre private Kokainschatulle, sondern streckt auch sie nieder. Wenngleich wir uns darüber nicht sicher sein können, sieht es angesichts des Bluts, das ihr aus dem Mund läuft, danach aus, als wäre sie tot. Ganz ähnlich wie in der ersten Staffel von Bloodline wird hier also vorweggenommen, was am Ende der Serie passieren könnte. Ganz ähnlich wie bei „Bloodline“ halte ich diesen dramaturgischen Kniff für keine gute Idee.

Es geht mir nicht um einen eventuellen Überraschungsmoment in einem halben bis fünf Jahren, sondern um den Aufbau eines Spannungsbogens, den sich Autorin Elisa Lomnitz Climent, die hierfür den Roman „La Reina del Sur“ von Arturo Pérez-Reverte adaptierte, unnötig erschwert. Ein anderes Element dieser Vorschautechnik gehört indes zum Besten, was die Pilotepisode hervorbringt. In kniffligen Situationen bekommt Teresa nämlich Besuch von ihrem erfolgreichen Selbst aus der Zukunft. Von ihm wird sie dazu angehalten, in kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen.

In der Pilotepisode sind einige visuelle Höhepunkte zu finden. © USA Network
In der Pilotepisode sind einige visuelle Höhepunkte zu finden. © USA Network

Den Einstieg ins Drogengeschäft macht Teresa dank des Texaners El Guero (Jon-Michael Ecker), den sie kennenlernt, während sie auf dem Devisenschwarzmarkt Sinaloas arbeitet. Schnell verlieben sich die beiden und feiern gemeinsam kommerzielle Erfolge, sind sich aber auch bewusst, auf welch gefährlichem Geschäftsfeld sie operieren. Teresa findet bald Gefallen an diesem Thrill und will lernen, wie man eine Waffe benutzt. Überdies hat sie in ihrem Freund endlich jemanden gefunden, dem sie vertrauen kann - wobei wir nicht erfahren, woher ihre Bindungsängste kommen.

Welcome to America

Es dauert nicht lange, bis das Tschechow'sche Totentelefon klingelt, womit Teresa signalisiert wird, dass El Guero ermordet wurde und sie schleunigst die Flucht ergreifen sollte. Es bleibt gerade genug Zeit, zwei Mitglieder einer befreundeten Drogendealerfamilie zu retten, bevor sie doch in die Fänge ihrer Verfolger gerät. Dieses Muster wiederholt sich insgesamt drei Mal, weshalb ich mir die Erwähnung jedes einzelnen Dilemmas ersparen werde. Die Odyssee endet für Teresa jedenfalls in Dallas, Texas, wo sie von der örtlichen Drogengroßhändlerin Camila (Veronica Falcón) willkommen geheißen wird.

Die wiederum ist die Ehefrau des ehemaligen Drogenschmugglers und angehenden Berufspolitikers Epifanio Varga (Joaquim de Almeida), der das schmutzige Geschäft eigentlich hinter sich lassen will, daran von Camila aber gehindert wird. Weil Teresa ein Notizbuch besitzt, das ihr von El Guero vor dessen Tod - besser: angeblichen Tod, haben wir seine Leiche doch nicht gesehen - als Absicherung ausgehändigt worden war, versucht Epifanio, sie umzubringen. Sie kann das mit viel Entschlossenheit und zwei plötzlich auftauchenden Handfeuerwaffen verhindern, wird aber mit weiteren Anschlägen rechnen müssen.

Die Auftaktepisode von Queen of the South ist vollgestopft mit plötzlichen Wendungen und hektischen Actionszenen, denen angesichts der Vorblenden viel Kraft geraubt wird. Überhaupt funktionieren die Szenen besser, in denen nicht gesprochen wird und in denen vor allem kein Voice-over das erklärt, was wir uns auch ohne hätten erschließen können. Die Dialogarbeit ist die große Schwäche des Piloten, während Alice Braga in der Hauptrolle eine sehr gute Leistung abliefert. Auch die visuelle Umsetzung durch Regisseurin Charlotte Sieling - man höre und staune: ein rein weibliches Führungstrio - kann überzeugen, stellenweise sogar begeistern.

Das nächste Breaking Bad ist diese Serie nicht, auf niedrigem Niveau anspruchsvolle Sommerkost aber durchaus.

Trailer zu Episode 1x02 der US-Serie „Queen of the South“, „Cuarenta Minutos“:

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