Quarry 1x01

Eine besonders komplizierte Geschichte will die neue Cinemax-Serie Quarry nicht erzählen, so viel steht nach der überlangen Pilotepisode You Don't Miss Your Water fest. Viel eher will das von Graham Gordy und Michael D. Fuller ersonnene Format, für das sie die gleichnamige Buchreihe von Max Allan Collins adaptierten, das Psychogramm eines Vietnam-Heimkehrers zeichnen, der in eine teilweise erzwungene, teilweise selbst verschuldete, tödliche Zwickmühle gerät.
Goodbye cruel world
Eingebettet ist dieser Versuch in eine bestechende visuelle Umsetzung, für die Banshee-Produzent Greg Yaitanes verantwortlich ist. So wenig überraschend der Plot dieser Auftaktepisode auch sein mag, so ungewöhnlich ist doch die technische und dramaturgische Herangehensweise des Kreativteams - zumindest, wenn man die Tradition des Senders miteinbezieht, für den sie arbeiten. Der HBO-Ableger Cinemax hat sich in der Vergangenheit mit Formaten wie Strike Back oder dem genannten „Banshee“ den Spitznamen „Skinemax“ verdient.
Yaitanes' neue Serie kommt indes nachdenklicher daher. Nur einmal zeigen zwei Hauptdarsteller nackte Haut, wobei Logan Marshall-Green sogar komplett blankzieht - so sehen kleine Fortschritte in Sachen Repräsentation im Fernsehgeschäft aus. Bei anderen Gesichtspunkten schneidet das Format dann zwar wieder durchschnittlicher ab, was das Lob für diesen Gleichstellungshöhepunkt aber nicht schmälern soll. Jedenfalls dauert es bis zum letzten Drittel der Episode, bis Kugeln und Fäuste fliegen. Davor verbringt die Kamera von Pepe Avila del Pino viel Zeit mit Mac Conway (Green) und seiner posttraumatischen Belastungsstörung.
Wie es genau dazu kam, wissen wir auch nach 75 Minuten noch nicht. Hierzu wird es sicherlich in den kommenden Episoden weitere Rückblenden geben, die sein Abgleiten erhellen. Wir erfahren, dass er vermutlich am - fiktionalen - Massaker von Quang Thang beteiligt war, weshalb er nach seiner Ankunft am Flughafen von Memphis auch von einer wütenden Menschenmenge empfangen wird. Seinem Freund und Kameraden Arthur (Jamie Hector), dessen Ehefrau Ruth (Nikki Amuka-Bird) und ihm selbst gelingt es nur mit größter Mühe, dem wütenden Mob zu entkommen.

Seine Freundin Joni (Jodi Balfour) hat einen Tag später mit seiner Ankunft gerechnet, weshalb die geplante Überraschung voll aufgeht. Hier unterminiert das Autorenteam geschickt unsere Erwartungen, wonach eine solche Überraschung nur in den seltensten Fällen einen guten Ausgang nimmt. Später jedoch wird auch das wieder auf den Kopf gestellt, was zumindest mich völlig unvorbereitet getroffen und deswegen stärkere Wirkung erzielt hat. Unheil kündigt sich indes schon während der ersten Wiedersehensfreude des Pärchens an - sie werden von einem Typen beschattet, der sich später als durchgeknallter Popfan Buddy (Damon Herriman) herausstellen wird.
Hollowed out inside
Er arbeitet für jemanden, der sich selbst nur als „The Broker“ vorstellt. Der taucht zu einem - je nach Sichtweise - äußerst günstigen beziehungsweise ungünstigen Zeitpunkt in Macs Leben auf. Die Freude darüber, dem Krieg lebend entronnen und zu Haus und Familie zurückgekehrt zu sein, weicht nämlich bald den Alltagssorgen. Während Präsidentschaftskandidat McGovern im Fernsehen den sofortigen Abzug aus Vietnam verspricht, sollte er gewählt werden, entstehen Mac viel unmittelbarere Probleme. Wegen seiner angeblichen Beteiligung am genannten Massaker will außer den engsten Verwandten und Freunden kaum noch jemand etwas mit ihm zu tun haben.
Das hat sehr reale Konsequenzen für ihn. Eigentlich war ihm ein Job als Assistenztrainer des örtlichen Highschoolschwimmteams angeboten worden, wovon der neue Chefcoach aber nichts mehr wissen will. Das Haus seines Vaters Lloyd (Skipp Sudduth) darf er indes nicht mehr betreten, weil er von dessen neuer Freundin als Kriegsverbrecher eingestuft wird - eine Haltung, die der eigene Vater eher achselzuckend hinnimmt, statt ihr aktiv zu widersprechen. Der Griff zur Flasche ist in dieser Hierarchie des Abstiegs nur der nächste logische Schritt.
Diese kritische Lage will der Broker (Peter Mullan) nun für sich und seine sinistren Geschäfte ausnutzen, über deren Hintergründe wir nichts erfahren. Mit Waffengewalt nutzt er seinen ersten Überraschungsbesuch bei Mac dazu, sein Geschäftsmodell vorzustellen. Er vermittle Auftragsmörder an Drittparteien, was ein bombensicheres Ding sei, da es außer ihm keine Verbindung zwischen den Geschäftspartnern gebe. Überdies bindet er seine Dienstleister mit einem einfachen Trick an sich: Statt sie auftragsweise zu bezahlen, bietet er eine hohe Vorauszahlung an, die sie dann leichenweise abtragen müssen.

Weil Mac da noch über ausreichend Selbstachtung und moralische Integrität verfügt, lehnt er das Angebot vehement ab. Einfacher hat es der Broker allerdings bei Arthur, der statt dem erhofften Managementjob in einer Möbelfirma nur an die Werkbank darf. Er hat sich längst vielfältige Rechtfertigungsargumente zurechtgelegt, um sich und Mac davon zu überzeugen, dass sie mit dem Töten ihnen unbekannter Dritter keine ethischen Grenzen überschritten, was natürlich grandioser Quatsch ist. Für Mac jedoch reicht der Vortrag zumindest dazu, seinem Kumpel beim ersten Job unter die Arme zu greifen.
Have you met a human being lately?
Wegen unzureichender Vorbereitung, möglicherweise aber auch der Manipulation durch den Broker, geht das schief - mit tödlichen Folgen für Arthur. Mac schafft es noch, seinen Freund zu rächen, denkt dabei aber nicht daran, welcher Strick ihm daraus gedreht werden könnte. Beim nächsten Treffen mit dem Broker wird ihm das schmerzlich bewusst. Der setzt sein Wissen über die verhängnisvolle Mordnacht ein, um Mac zur Teilnahme an seiner makabren Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu zwingen. Weil ebenjenes Treffen in einem ausrangierten Steinbruch stattfindet, bekommt Mac sogleich seinen Nom de Guerre: Quarry.
Am Ende darf er einen Auftrag ausführen, der unmittelbare, äußerst schmerzliche Konsequenzen für sein Privatleben hat. Der Broker setzt ihn auf den Typen an, der mit Joni - also doch - eine Affäre unterhält. Die moralischen Bedenken scheinen plötzlich verflogen, so dass Quarry gar die Weitsicht hat, den Mord wie einen Unfall aussehen zu lassen. Ob Joni allerdings ruhig bleiben wird, darf bezweifelt werden. Sie weiß angesichts der laufenden Musik genau, wo ihr problembehafteter, nun wieder rauchender Freund herkommt.
Anhand ihrer Figur wird sich in den kommenden Episoden zeigen, ob das neue Format wirklich so fortschrittlich ist, wie die Nacktszenen vermuten lassen. Sie läuft jetzt schon Gefahr, in die Skyler-Falle aus Breaking Bad zu tappen und nur noch auf die Rolle der wimmernden Hausfrau reduziert zu werden. Die Dudebros unter den Zuschauern, die ohne Zweifel auftauchen werden, um Quarry bei seinen abscheulichen Taten anzufeuern, hätten somit ein neues Hassobjekt. Noch hat sich die Serie aber nicht entschieden, in welche Richtung sie sich entwickeln will, ob eher „Bad“ oder doch „Deer Hunter“.
Mit beiden hat Quarry bereits die exquisite visuelle Umsetzung - es wird on location in Louisiana gedreht - und ein bis in die Nebenrollen sehr gut besetztes Ensemble gemeinsam. Hoffnung für ein Gelingen spendet überdies die einfache Tatsache, dass die erste Staffel lediglich acht Episoden umfasst. Daraus kann etwas werden.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 10. September 2016Quarry 1x01 Trailer
(Quarry 1x01)
Schauspieler in der Episode Quarry 1x01
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