In Kanada wurde das Spin-off Primeval: New World zur eigentlich britischen Serie Primeval hergestellt. Der Auftakt zum Serienableger weiß zu gefallen, macht es sich aber bisweilen doch arg einfach.

Der Cast der Serie „Primeval: New World“: Sara Canning, Crystal Lowe, Niall Matter, Geoff Gustafson, Miranda Frigon und Danny Rahim / (c) SPACE
Der Cast der Serie „Primeval: New World“: Sara Canning, Crystal Lowe, Niall Matter, Geoff Gustafson, Miranda Frigon und Danny Rahim / (c) SPACE

Vielen Serienfans ist der Name Primeval bekannt: In Großbritannien hatte die Serie eine wechselhafte, über vier Staffeln dauernde Geschichte. Nun ist in Kanada beim Sender Space der Ableger Primeval: New World an den Start gegangen, dem der schwierige Spagat bevorstand, einerseits Fans des bestehenden Serienuniversums einzufangen, andererseits zahlreiche neue Fans von Science-Fiction als Neuzuschauer anzusprechen. Ob ersteres gelungen ist, hängt wohl von den Erwartungen jedes einzelnen Fans ab. Und da die neue Serie bisher nur in Kanada läuft, ist eine Analyse von Zahlen noch nicht möglich. Das Ansprechen neuer Fans sollte hingegen mit dem Seirenpiloten, der Episode The New World, gelungen sein.

Worum geht es in Primeval: New World

Mit dem Namen „Primeval“ kommt eine Vorgeschichte, die dem Zuschauer im Serienauftakt von Primeval: New World wie folgt vermittelt wird: Es gibt auf natürliche Art entstehende Anomalien, die als kurzfristige Verbindung von Gegenwart und anderen Zeiten fungieren - sie entstehen, bleiben eine unbestimmte Zeit offen und schließen sich dann wieder. Da sich im Serienauftakt die graue Vorzeit am anderen Ende der Zeitverbindung befindet, „verirren“ sich „kleinere“ Dinosaurier durch diese Anomalien nach Vancouver.

Natürlich muss in unserer Gegenwart jemand dafür Sorge tragen, dass diese Saurier nicht allzu viel Schaden anrichten, sprich: Menschenleben kosten. Andererseits können die Saurier auch nicht einfach „abgeknallt“ werden - denn wer mag sagen, dass nicht ausgerechnet dieses eine Geschöpf für die „Weltgeschichte als solche“ eine größere Bewandtnis hat - der Schmetterlingseffekt, nur eben durch die Zeit.

Bringing the Band together

Der Serienpilot zu Primeval: New World beschäftigt sich zunächst damit, dass die Gruppe, die in nächster Zeit Vancouver in Sachen Anomalien vor Unheil schützen soll, sich findet.

Treibende Kraft ist der abenteuerlustige Erfinder und Visionär Evan Cross (Niall Matter). Er hat die Firma Cross Photonics aufgebaut. Aber seitdem er auf das Geheimnis der Anomalien gestoßen ist, verwendet er seine Zeit und viel zu viel von seinen Firmenressourcen auf die Jagd nach diesen spontan entstehenden, flüchtigen Phänomenen. An seiner Seite: der in die Jahre gekommene Drake (Tom Butler), seines Zeichens Chef der städtischen Behörde für Raubtiere - Wildtiere wie Bären oder Raubkatzen, die auf Nahrungssuche dem Menschen zu nahe gekommen sind. Im Verlauf der Folge kommt Drakes Untergebene Dylan Weir (Sara Canning) mit Cross in Kontakt, und in seinem Schatten stolpert sie direkt in Cross' ersten zählbaren Erfolg: Endlich hat er eine geortete Anomalie rechtzeitig vor deren Zusammenbruch erreicht.

Cross' langjährige Geschäftspartnerin Ange Finch (Miranda Frigon) hält ihm den Rücken frei, indem sie sich um das Unternehmen kümmert. Dabei weiß sie, dass Cross das eigentliche Genie ist und die Firma ihn und seine Aufmerksamkeit braucht. Toby Nance (Crystal Lowe) arbeitet für Cross und ist sein persönliches Technikwunderkind, das er für sein Lieblingsprojekt abgestellt hat. Aus dem Angestelltenpool von Cross Photonics wurde ebenfalls der lebensfrohe Sicherheitsspezialisten Mac Rendell (Danny Rahim), der sich schon vorher mit seinem Boss allmorgendlich ein Rennen zum Büro lieferte, frisch für das Projekt rekrutiert.

Glanzstück der Figuren-Einführungen im Serienpiloten ist Lieutenant Ken Leeds (Geoff Gustafson) - er gehört einer kanadischen Bundesbehörde an, die 1950 gegründet wurde, und die sich, grob gesagt, mit dem Unbekannten befassen soll. Dumm nur, dass besagte Behörde ihren geheimen Gründungszweck bereits 1954 erfüllt hat, und sich eigentlich nur noch niemand die Mühe gemacht hat, sie zu schließen.

So ist der Lieutenant anscheinend deren einziger Angestellter, sitzt in einem eher zugemüllten Kellerbüro und hat noch ein Diensttelefon mit Wählscheibe - neben dem sein privater BlackBerry liegt. Die Überflüssigkeit seiner Dienststelle ignoriert Leeds geflissentlich, und so hat er auch schon auf Cross' Aktivitäten ein Auge geworfen gehabt. Weil seine Aufgabe aber vollkommen bürokratisch ist, ist Leeds nicht über oberflächliche bürokratische Informationen hinausgekommen. Und es wird deutlich, dass er immer gehofft hat, dass eines Tages die Sichtung von waschechten Aliens auf seinem Schreibtisch landet. Aber Dinosaurier sind besser als nichts.

Insgesamt stellt die erste Episoden von Primeval: New World den Zuschauern grob die aus Primeval bekannten Gegebenheiten vor, sorgt für die Zusammenstellung des späteren Teams und liefert nebenbei dessen ersten Fall. Daneben gibt es noch die für Neuzuschauer eher mysteriös erscheinende Handlung um einen spionierenden Mann in merkwürdiger Uniform, der Cross orakelnde Ratschläge und Informationen gibt - Fans von Primeval erkennen darin Connor Temple (Andrew Lee Potts).

Die Atemberaubenden ersten zehn Minuten

Bei allem, was später kritisch zu bemerken sein wird: Mit den ersten zehn Minuten der Auftaktepisode hat sich das Produktionsteam Mühe gegeben. Es beginnt mit einem schönen Location-Shot des in Zeitraffer nächtlich werdenden Vancouver, zwei Basejumpern, einem vergnüglichen Wettrennen mit kleineren Motorrad-Stunteilagen und schließt mit einer erstaunlichen, 80 Sekunden langen und schnittlosen Sequenz, die Cross, Nance und Rendell bei ihrem Weg durch das in einer mittelgroßen Fabrikhalle untergebrachten Hauptquartier von Cross' Spezialprojekt zeigt.

Gerade letzteres erfreut das Serienfan-Herz, weil Aufnahmen mit Kamera-Kränen - oder wie hier gar einem Aufzug - und über mehrere Etagen gehende, hallenartige Kulissen aus Kosten- und Effizienzgründen eher selten sind. Anscheinend hat Primeval: New World hier wie einst Dollhouse von der Tatsache Gebrauch gemacht, dass man direct to serien bestellt wurde, also nicht zunächst einen Serienpiloten drehen musste: Man wusste, man ist für 13 Episoden da - da kann man sich das Hauptquartier schon etwas schöner einrichten.

Dinos!

Bei einer Serie wie Primeval: New World sind natürlich die Special-Effects und die CGIs sehr prominent. Obwohl die Saurier - wir begegnen einem paar menschengroßer Raubechsen, einem ebenso großen Flugsaurier und kurz auch einem T-Rex - durchaus einen ordentlichen Eindruck machen, überzeugen sie nicht hundertprozentig. Letztendlich merkte dieser Rezensent ihnen halt zu deutlich an, dass ihre Bewegungen ohne die Fesseln der Schwerkraft generiert wurden.

Danach: Die Luft geht langsam aus

Nach den sehr gut und mitreißend gestalteten ersten zehn Minuten geht dem Serienpiloten zu Primeval: New World ein wenig die Luft aus. Abgesehen vom kleinen Höhepunkt der Einführung von Lieutenant Ken Leeds mitsamt Arbeitsplatz sowie dem Finale, das einiges mehr über Cross enthüllt, fließt die Folge eher routiniert vor sich hin.

Das Team umfasst die typischen Charaktere, die man in solch einer Serie erwartet: Draufgängerischer Chef, besonnene Expertin, spitzbübischer Technogeek und unbekümmerter Adrenalienjunkie, dazu als Ratgeberin des „Helden“ diesmal ausnahmsweise eine mütterliche beste Freundin - und dann eben der klassische fish out of water Lieutenant Ken Leeds, der sprichwörtlich ein „neues Element“ erobern muss.

Mit ihrer Teamgestaltung erfinden die Macher von Primeval: New World das Rad definitiv nicht neu, aber es gelingt ihnen, aus dem Altbekannten noch ein paar gute Meilen heraus zu holen - und das ist für jede Genreserie erfreulich, denn das Team ist ja die Konstante der Serie, die den Zuschauer dauerhaft zum Einschalten bewegen soll.

Meckerecke

Mit Klischees wird im Serienauftakt von Primeval: New World leider nicht gespart. Wer ankündigt, nicht mehr mithalten zu können, der kündigt damit seinen Tod an. Auch die Szene zwischen Drake und dem Raubsaurier im Kellergang wollen wir lieber mal als Hommage an den Filmklassiker „Jurassic Park“ werten, als hier Einfallslosigkeit zu untertstellen.

Auch, wenn es bei Primeval: New World zum Serienübergang notwendig ist: Es gibt viel zu viele Serien, in denen der auf Informationen brennende Protagonist einen anscheinend im Besitz aller Informationen befindlichen Gegenüber einfach weggehen lässt: Nachdem Cross zehn Millionen und fünf Jahre in die Erforschung von Anomalien versenkt hat und gerademal einen ersten Erfolg vorweisen kann, lässt er Temple einfach so gehen? Auch eine anwesende Menschenmasse sollte ihn eigentlich nicht hindern, mehr erfahren zu wollen.

Einige, für Genreserien leider typische Ungereimtheiten leistet sich der Serienpilot zudem: Wohin genau sind die Biker verschwunden, deren angenagte Helme gefunden wurden - auch jenseits der Anomalie waren sie nicht. Und nachdem das Team gerade erfahren hat, dass man Dinos gefälligst für die Integrität der Zeitlinie unbeschädigt zurück zu bringen hat, zerfleischen sich zwei Urzeitviecher in Vancouver. Da macht es dann auch nichts mehr, sie im Kühlraum einzulagern. Und schließlich die Dämlichkeit des Helden beim Retten: Wenn ich einen Jungen vor einem Flugsaurier rette, laufe ich auch noch die extra zehn Meter aus der unmittelbaren Reichweite des Raubsauriers und bleibe nicht - gerade mal jenseits seines Schnabels - einfach stehen. Und sein wir ehrlich: Der Junge hätte seine Verschleppung ins „Nest“ des Raubsauriers gar nicht erst überleben dürfen.

Fazit

Mit einigen sehr schönen Aufnahmen weiß Primeval: New World den Zuschauer in den ersten Minuten vom Abschalten abzuhalten. Die Handlung des Serienauftakts und insbesondere die Aufstellung des Team wissen zu gefallen. Leider kann sich der Serienpilot ein paar Griffe in die Klischeekiste nicht verkneifen.

Insgesamt ist die Folge The New World als Serienpilot einer Genreserie auf einem Kabelsender deutlich überdurchschnittlich: Entweder man hat dem Piloten trotz bereits existierender Serienbestellung ein deutlich höheres Budget gegeben oder man bekommt in Kanada besonders viel für sein Geld.

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