Die neue Comicadaption Powers ist die erste Eigenproduktion des Playstation Networks. Dabei wird eine Copserie in eine von Superhelden bevölkerte Stadt verpflanzt und das Ganze in einem Rahmen für den erwachsenen Zuschauer präsentiert.

Der Cast aus „Powers“ / (c) Sony TV
Der Cast aus „Powers“ / (c) Sony TV

Brian Michael Bendis ist schon seit Jahren einer der profiliertesten und beliebtesten Autoren beim amerikanischen Comicverlag Marvel Comics. Neben und vor seiner Arbeit als work for hire-Autor bei Avengers X-Men- oder Spider-Man-Titeln, hat er eigene Comicmarken geschaffen (creator owned comics), die zunächst hauptsächlich im Crimegenre (Jinx, Goldfish, Fire, Torso) angesiedelt waren. Ab 2000 erschien dann ein Mix aus beiden - Powers war geboren.

Im Mittelpunkt steht die Polizeiarbeit in einer nicht näher benannten Stadt, in der Superwesen leben, die Menschen schützen oder Verbrechen begehen. Schon ab der zweiten Ausgabe wurde die Comicvorlage von Sony TV optioniert und sollte zunächst bei FX auf Sendung gehen. Nach einem bereits gedrehten Serienpiloten, der beim anspruchsvollen Kabelsender und dessen Präsidenten John Landgraf nicht zur Serienbestellung führte, übernahm Sony selbst das Ruder und überraschte mit der Ankündigung, Powers als erste Eigenproduktion des PSN einsetzen zu wollen. Nun, mit Roman- und Comicautor Charlie Huston als Showrunner feiert die Superhelden-Crime-Serie also ihre Premiere.

Als Leser der Comics freut es mich für den Autor, dass nach so langer Zeit sein Traum zur Realität geworden ist und etwas, was er von Grund auf erschaffen hat, ins Fernsehen kommt. Nimmt man es genau, ist Bendis auch für Figuren wie Jessica Jones oder Maria Hill verantwortlich, aber die sind eben nur ein Spielzeug von vielen im großen Marvel-Sandkasten. Die Welt von Powers gehört genuin ihm und seinem Zeichner- und Autorenpartner Michael Avon Oeming.

Worum geht es in „Powers“?

Im Zentrum der Erzählung steht Christian Walker (Sharlto Copley), ein Detective in der Powers-Division der Polizei, der einen ganz schlechten Tag erwischt hat. Als der mit Superkräften ausgestattete Verbrecher Iron Impact mit der falschen Dosis Beruhigungsmittel behandelt wird und anschließend Walkers Partner Stockley tötet, wird das zum Thema in den Nachrichten. Walker ist am Boden zerstört, hat aber auch mit einem inneren Konflikt zu kämpfen: Früher hatte er selbst Superkräfte und war als Held Diamond bekannt, doch die Gabe hat er auf tragische Weise verloren und muss nun mit den Nachwirkungen des vergangenen Ruhms leben - und dem Gefühl, nicht mehr wie früher eingreifen zu können, wenn Kräfte im Spiel sind.

Als neue Partnerin wird ihm Deena Pilgrim (Susan Heyward) zugeteilt, die keinerlei Kräfte besitzt und deswegen als neutrale Beobachterin einiges Neues kennenlernen kann - genau wie der Zuschauer. Doch Walkers Begrüßung fällt ernüchternd und kalt aus, denn er ist es, der der Familie seines Partners dessen Schreibtischinhalt vorbeibringen muss. Es könnte also besser laufen.

Damit nicht genug: Walkers neuer Fall ist der Mord an dem Superhelden Olympian, dessen Herz beim Sex mit einer jungen Frau namens Calista (Olesya Rulin) explodiert zu sein scheint - oder steckt mehr dahinter? Calista ist ein rätselhaftes junges Mädchen, das noch keine Kräfte hat, sich aber welche wünscht. Beim Verhör wird sie von Johnny Royalle (Noah Taylor) aus dem Polizeireview teleportiert. Royalle nutzt diese Fähigkeit an anderer Stelle schon, um einer anderen Person den Kopf weg zu teleportieren und sie so zu töten

So handelt der Rest der Pilotpisode von der Suche nach Calista, die eine Hauptverdächtige ist. Die beiden neuen Partner finden ihren Weg zu Royalle und später sogar zum Big Bad Wolfe (Eddie Izzard), dem Mentor von Royalle und Walker, der in einem Hochsicherheitsgefängnis mehrere hundert Meter unter der Erde verwahrt wird und Hinweise auf den Fall geben soll. Dabei wird klar, dass er es ist, der in Walkers Kopf Spuren hinterlassen hat, als er hunderte von Menschen getötet und Walker seine Kräfte genommen hat.

Später taucht Calista auf dem Dach des Heldenhauptquartiers auf. Sie will herausfinden, ob die womöglich in ihr schlummernden Kräfte wie bei Walker durch einen Sturz zum Vorschein kommen. Doch das scheint nicht der Fall zu sein, und obwohl Walker ihr nachspringt, kommen seine Kräfte dadurch nicht wieder. Gut, dass Retro Girl (Michelle Forbes) in der Nähe war und beide rettet.

Hinter dem Mord scheint also Royalle zu stecken, der gemeinsam mit dem Glatzkopf, der sich vervielfachen kann, Anschläge auf die bekannten Superwesen plant und dabei einen nach dem anderen ausschalten will.

I've got the power?

Der Cast von %26bdquo;Powers%26ldquo; © Sony TV
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Powers macht keinen Hehl daraus, eine Geschichte für ein älteres Publikum zu erzählen - schon in den ersten Momenten spritzt Blut. Dabei bin ich unentschlossen, was ich von der stilisierten Gewalt halten soll. Hierbei will ich gar nicht die raue Gangart kritisieren, sondern nur deren visuelle Umsetzung. Vor allem zum Episodenbeginn wirken die Effekte etwas unausgegoren und recht green-screen-mäßig. Ähnliches kann man für den Sprung vom Wolkenkratzer sagen, der gut aussehen soll, mich aber wegen der Effekte aus dem großen Moment der Episode gerissen hat.

Auch die zunächst sparsam eingesetzten Superkräfte wirken eher wie ein Live-Action-Cartoon oder ein aus dem Zusammenhang gerissenes Videosspiel als wie eine glaubhafte Darstellung. Der Kampf zwischen den Wolkenkratzern erscheint dabei wie ein Fremdkörper, was aber auch am Schnitt liegt, der bewusst beide Welten trennt und deswegen etwas unglücklich geriet. Für eine Pilotfolge und eine erste Eigenproduktion sind die Effekte zweckmäßig, aber es gibt noch Luft nach oben. Dabei stößt Regisseur David Slade (Hannibal, „30 Days of Night“) sicherlich auch an die Budgetgrenzen, die Sony vorgegeben hat. Am besten funktionieren die vermeintlich einfachen Effekte: das Teleportieren etwa oder die multiplen Versionen des Glatzkopfes Simons (Aaron Farb. Die Atmosphäre des Piloten ist im Großen und Ganzen gelungen.

The power of sperm?

Erfolgreich sind die Autoren der Episode beim Anreißen und Etablieren der Grenzüberschreitungen in der Serienwelt: Hier geht es um den Umgang mit dem Ruhm, um den Einsatz der Kräfte für das Gute und um die Vergänglichkeit von Ruhm, Egalisierungsprozesse durch Drogenkonsum oder durch Sex mit Superhelden (Sperma sorgt für temporäre Flugfähigkeiten, Superheldengroupies), Generationenunterschiede (Powers Kids filmen sich lieber und ernten den Ruhm, statt mit ihren Kräften zu patrouillieren) - und natürlich werden auch die Schattenseiten und die dunklen Ecken der Macht thematisiert.

Neben dem Gewaltfaktor sind auch sprachliche Freiheiten zu nennen, die die PSN-Produktion ausmachen. Ähnlich wie bei Serien aus dem Premium-Bereich (HBO, Showtime, Starz, Netflix) fallen hier auch „Fucks“ und ähnliche explizite Schimpfworte. Insgesamt glänzt der Pilot durch Freizügigkeiten, die bei Networks (wie in Gotham bei FOX) undenkbar wären. Anders sind es die Leser der Comicvorlage allerdings auch gar nicht gewohnt. Denn besonders die Dialogarbeit und die kreative Sprache machen „Powers“ so unglaublich lesenswert. Legendär bleibt etwa die Frage „What's a Clitoris?“.

In der Pilotfolge erkennt man Ansätze davon in einigen der Dialogzeilen (Nice Face Pubes), doch etwas mehr Dynamik in manche Szenen würde dem Ganzen gut tun. Dass der Pilot eine Lauflänge von über 50 Minuten hat, ist okay, eine leichte Verknappung würde in den kommenden Folgen allerdings nicht unbedingt schaden. Das soll nicht heißen, dass Langeweile aufgekommen ist, doch tighteres Storytelling hat noch nie geschadet.

Wunderbar ist der Einsatz von Oemings Zeichnungen etwa bei Calistas Shirt, Postern im Hintergrund oder den Spielkarten von Royalle. Der minimale Zeichenstil Oemings, der an Bruce Timm oder Alex Toth erinnert, machen „Powers“ auch als Comic besonders und geben aufmerksamen Fans ein nettes Schmankerl.

Belustigend wirken hingegen die offensichtlichen Product Placements von Sony.

The power of performance

Im Vorfeld wurde kritisiert, dass vor allem die Hauptfiguren Walker und Pilgrim optisch recht weit entfernt von ihrer Comicvorlage sind. Allerdings stört das beim finalen Piloten gar nicht. Klar ist Walker im Comic deutlich breiter und kantiger als sein Comic-Pendant und Pilgrim ist eine weiße, blonde Frau - das ändert aber nichts daran, dass die Essenz der Figuren eingefangen wird. Man hätte natürlich auch die vorhandene Enki Sunrise als Figur nutzen können, aber am Ende das Tages ist das herzlich egal. Beide machen ihren Job gut, Copley („Elysium“, „Chappie“) bringt etwas Star-Power zur Serie, und noch kennen wir Pilgrim nicht so genau. Die Figuren können also wie eine Leinwand mit Farbe und Leben gefüllt werden.

Eddie Izzard in %26bdquo;Powers%26ldquo; © Sony TV
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Wer den Piloten bereits jetzt mit Leben füllt, ist Eddie Izzard, dessen Präsenz elektrisierend ist. Jede Sekunde, die er sich auf dem Bildschirm befindet, ist ganz großes Kino. Als an Hannibal Lecter erinnernde bedrohlich Figur sorgt er direkt ab der ersten Folge für eine Bedrohung, die man erst nehmen sollte. Die Lobotomie-Sequenzen unterstreichen dabei, mit was für einem Kaliber von Schurken man es hier zu tun hat, und das Trauma Walkers und seine Erzählung zu seinem brutalen Massenmord tun ihr Übriges dazu, ein dreidimensionales, angsteinflößendes Bild zu zeichnen.

Olesya Rulin („High School Musical“) gibt eine ordentliche Mischung aus Fangirl, gelangweilter junger Frau und Möchtegern-Superheldin ab und bringt mit ihrer Darstellung den schmalen Grat zwischen Unschuld und Verruchtheit treffend herüber. Zora (Logan Browning) darf als Vintage-Superhelden-Verehrerin auch einige nette Dialogzeilen von sich geben und wirkt sympathisch, während man von Forbes als Retro Girl noch mehr sehen muss, um sich ein Urteil bilden zu können. Alles in allem weiß die Besetzung also zu gefallen.

Fazit

Hinter Powers steckt gewaltiges Potenzial und eine Mischung aus Superhelden- und Crime-Serie, die wir so im Fernsehen noch nicht gesehen haben. Manche Stilelemente (etwa Superheldenkämpfe) funktionieren mit dem endlosen Budget eines Comics besser als als Serienfolge, aber die bereits angeschnittenen Elemente machen bereits Lust auf mehr.

Wenn die Autoren den folgenden Episoden noch etwas mehr Dynamik, Wortwitz und noch etwas ausgeklügeltere Dialoge verpassen, kann daraus ganz schnell eine großartige Adaption werden. Zudem wirkt es so, als hätten wir es hier mit einer eigenständigen Interpretation zu tun, was ich für positiv halte, denn so muss man sich nicht sklavisch an die Vorlage halten. Die Prämisse ist gleich, aber die Elemente aus dem Comic können frei kombiniert und neu angeordnet werden, sodass wohl noch einige Überraschungen auf die Zuschauer zukommen werden.

In gewisser Weise ist Powers die Serie, die Gotham aus vielerlei Gründen (Zeit und Kontinutität, Network-Korsett, Kinofilme, die Vorrang haben) nicht sein kann: eine (fast) grenzenlose Comicadaption, in der Superhelden und Superkräfte nicht nur Randerscheinungen sind, sondern Konsequenzen für die Welt haben und aus allen möglichen Perspektiven untersucht werden, was spannend zu werden verspricht.

Ich bin mir bewusst, dass ich Gotham damals mehr Sterne gegeben habe (was ich im Nachhinein wohl ändern würde), dennoch ist Powers vielleicht sogar stärker - auch wenn sich das nicht unbedingt in meiner Wertung äußert. Der Trailer auf die folgenden Episoden lässt mich jedenfalls gespannt in die Zukunft blicken.

Trailer zum Rest der ersten .„Powers“-Staffel:

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