Powers 2x10

Vor eineinhalb Jahren ging mit Powers die erste Eigenproduktion des PlayStation-Networks auf Sendung. Die Serie basiert auf der gleichnamigen Comicbuchreihe von Brian Michael Bendis und Michael Avon Oeming und sollte nach deren eigener Aussage eine Art von „Behind the Music“-Blick in die Welt der Superhelden werfen.
Um zu klären, ob man in einer Zeit mit Arrow, The Flash und Supergirl wirklich noch eine andere Serie des selben Genres ansehen muss, haben wir uns einmal die zweite Staffel der Serie zur Brust genommen, deren letzte Folge in der vergangenen Woche über die PlayStations flimmerte.
Die andere Superheldenserie
Und in der Tat schafft es „Powers“, einen wirklich einzigartigen Ton zu haben. Der Vergleich mit dem Blick hinter die Kulissen, den die Autoren anstrebten, passt dabei ganz gut: Denn im Gegensatz zu Formaten wie „Watchmen“ oder Christopher Nolans „Batman“-Filmen, versucht sich „Powers“ nicht an der Lösung komplizierter moralischer Probleme, sondern versucht eher die Frage zu beantworten, wie eine Welt, in der übermenschliche Kräfte zum Alltag gehören, aussehen würde. Dadurch wirkt die Serie zwar irgendwie dark and gritty, aber eben nicht dramatisch überhöht und tragisch, sondern geerdet und ja, irgendwie realistisch.
Und gerade diese Eigenschaft ist es, die in einer Welt voller pseudophilosophischer „Batman v Superman: Dawn of Justice“s („Martha!“), ewig soapiger „Arrows“ („I can't be with you... for some reason!“) und seicht-fröhlicher„ Supergirls“ („Saving the world is fun!“) eine angenehme Abwechslung bietet. Denn anstatt zum x-ten Mal zu fragen, was denn eigentlich gut und was böse ist, fragen sich die Helden hier, wie ihre nächste Actionfigur aussehen soll und ob sie wirklich Werbung für Abführmittel machen sollten. Und dann reißt ihnen irgendein Bösewicht den Kopf ab.

Who Killed Retrogirl?
Die zweite Staffel ist in zwei Fälle für die Powers-Division aufgeteilt und das ist leider auch schon der erste Kritikpunkt: Jeder der beiden Handlungsbögen hätte eigentlich eine ganze Staffel einnehmen können. Das führt dazu, dass manches übereilt und manch anderes etwas uninteressant wirkt, weil nicht genug Zeit auf bestimmte Seitenhandlungen verwendet werden kann. Doch dazu später mehr.
Der zweite Kritikpunkt: Leider, leider, leider ist Johnny Royalle (Noah Taylor) in dieser Staffel nicht mehr mit von der Partie. Er war eine der größten Stärken der ersten Staffel, und man hat es schon geschafft ganz andere Charaktere über Staffeln hinweg mitzuschleifen (Ein Schelm, wer „Arrow“ dabei denkt).
In der ersten Hälfte der Staffel müssen Walker (Sharlto Copley) und Pilgrim (Susan Heyward) den Mord an Walkers Geliebter, Janis (Michelle Forbes) aka Retro Girl aufklären. Dabei ist jedoch das eigentliche Mysterium, nämlich wer Retro Girl ermordet hat und vor allem wie eine der mächtigsten Powers umgebracht werden konnte, nicht halb so interessant wie die Einblicke, die uns dabei in die vergangenen Tage der großen Helden gegeben werden.
Denn trotz der Geschehnisse der Handlung in der Gegenwart wendet die Serie immer wieder melancholisch-wehmütig ihren Blick zurück in die Vergangenheit - in eine verklärte, bessere Zeit. So wie manch einer heute, in einer Welt voller Paparazzi, TMZ und Sequel-Wahn, sehnsüchtig den vergangenen Tagen der großen Rockstars oder des Golden Age of Hollywood hinterher weint, so blicken auch die Charaktere von „Powers“ mit einem weinenden Auge auf Vergangenes zurück.

Uns wird erzählt von den großen Superhelden-Teams der vergangenen Tage - damals, als Böse noch Böse und Gut noch Gut war. Als es nicht nur Werbung, Internet-Fame und Youtube-Klicks waren, die die Helden der damaligen Zeit groß machten. In der heutigen Zeit der Serie hat jeder der Powers - und, wie man in der ersten Staffel sehen konnte, sogar die Bösewichte - eine ganze Marketingmaschinerie hinter sich.
So ist es auch diese Marketingmaschinerie, welche Retro Girls Tod verursachte: Der böse Spielzeugfabrikant Conrad Moody (Wil Wheaton, der quasi den bösen Wil Wheaton aus The Big Bang Theory spielt) hat den Mord in Auftrag gegeben, um mit einer neuen Spielzeugkollektion in Erinnerung an Retro Girl Geld zu verdienen. Während der Weg zu dieser Entdeckung, die man als Zuschauer mindestens schon zwei Episoden vorher kommen sieht, recht unterhaltsam ist, wirkt das folgende plötzliche Ende Moodys leider sehr antiklimaktisch.
Die Geschichte der zweiten Staffelhälfte, ausgelöst durch den Mord an Senator Bailey Brown (Enrico Colantoni, mit einem sehr schlechten Toupet), der einst mit Retro Girl und Super Shock (Michael Madsen) das Superhelden-Team „Unity“ bildete, bringt da doch etwas mehr Tiefgang. Denn während Super Shock seine Nemesis Morrison (Robin Spriggs) hinter dem Mord vermutet, ist er es in Wahrheit selbst, der, im Alter wohl dement geworden, überall eine Verschwörung seines Erzfeindes zu sehen scheint und ihm Wahn seinen Freund umbrachte.
Super Super Shock
Und damit sind wir auch schon zum absolut Besten der gesamten zweiten Staffel gekommen: Michael Madsens Super Shock ist wahrlich eine Offenbarung. Hat man anfangs noch das Gefühl, der alternde Held sei einfach nur müde und distanziert von der Welt, so spielt Madsen hervorragend den langsamen Abstieg und geistigen Verfall des mächtigsten Wesens der Welt.
Denn hier stimmt einfach wirklich alles: Das Kostüm wirkt unpassend, wie aus einer anderen Zeit gegriffen, so als ob sich Adam West noch einmal in sein altes Batman-Kostüm zwängen würde. Die Haare, früher sicher lässig und wild, scheinen fettig und ungepflegt. Und Super Shock schaut wirr und verunsichert, ganz wie ein Mann eben, der von sich selbst verlangt, das Schicksal der Welt auf seinen Schultern zu tragen, aber kaum noch selbst den Weg nach Hause finden kann.
Sowieso: Das Kostümdesign verdient noch einmal ein extra Lob. Die alten Uniformen wirken etwas albern, die neuen gewollt von Marketingstrategen durchgeplant, ganz wie die Outfits unserer Stars eben. Auch die Alltagskleidung - besonders zu beachten sind dabei Christians Outfits - wirkt irgendwie ähnlich, aber doch etwas fremd. Eben so, als ob wir es mit einer ähnlichen, aber doch nicht derselben Welt zu tun hätten.

So spielt „Powers“ raffiniert mit der „The Dark Knight“-Weisheit: „You either die a hero, or live long enough to see yourself become the villain.“ Doch Super Shock möchte weiterhin der Held sein, nur sein eigener Geist macht ihm einen Strich durch die Rechnung.
Umso passender ist es da, dass es seiner Nemesis Morrison ähnlich ging: Es ist allerdings nicht dessen Geist, sondern sein Körper, der ihm einen Strich durch seine Pläne machte. Denn im Alter ließen seine Fähigkeiten einfach irgendwann nach, bis sie ganz verschwanden. Was für ein unglamouröses Ende eines Superschurken. Anstatt einen epischen finalen Kampf zu ermöglichen, könnte der alternde Morrison nun einfach in jeder stinknormalen Zelle eingesperrt werden und wird dadurch völlig demystifiziert.
Und so stellt sich, durch Super Shocks Wahnsinn, am Ende der zweiten Staffel dieselbe Frage, die auch schon Batman in „Batman v Superman“ bewegte: Was tun, wenn das mächtigste Wesen der Erde auf einmal Amok läuft? Denn Super Shock kann nicht aufgehalten werden (nicht einmal durch eine Kryptonit-Lanze). Nur durch einen Trick bringt Christian, der eigentlich seine besten Tage als Superheld Diamond schon hinter sich hatte, seinen alten Freund Patrick aka Super Shock dazu, mit ihm in die Sonne zu fliegen.
The Bad and The Ugly
So gut die bereits genannten Teile der Serie auch funktionieren, so fragwürdig sind doch andere Entscheidungen der Serienmacher. Wie anfangs bereits angedeutet, werden viele der Nebenplots leider vernachlässigt, so auch die Handlung um Calista (Olesya Rulin), ein Charakter, mit dem ich einfach nicht warm werde. Deren Super-Team „New Unity“ würde eigentlich gerne das Zepter der alten Größen übernehmen, spielt aber letztendlich leider lediglich Stichwortgeber und Gelegenheits-Taxi für Christian und die anderen.

Auch die jeweiligen Kräfte der Powers werden oft nur leidlich erklärt. Vor allem als Detective Pilgrim in den letzten Folgen Kräfte bekommt, fragt man sich: What?. Denn die gute Dame kann nicht nur irgendwie Elektrizität beeinflussen, sondern aus irgendeinem Grund auch noch Giftgas aus ihrer Lunge leiten. Sehr zufällig, diese Kräfte. Und sowieso wurde sie erst zur Power, als sie Blut eines Powers-Mordopfers in den Mund bekam. Alle in dieser Welt wollen Kräfte haben, aber keiner hat vorher mal etwas Powers-Blut probiert?
Und warum benötigt man für die jüngeren Versionen der fast ewig Lebenden Helden unbedingt andere Darsteller? Gerade Super Shock, der über 300 Lenzen zählt, ist es schwer abzunehmen, dass er in den 1940ern noch ein vitaler Jüngling war, aber heute verbraucht und kaputt aussieht.
Solche Schwächen leistet sich die Serie leider häufiger, und dadurch verliert „Powers“ ein Stück der Glaubwürdigkeit seiner Welt, die das größte Plus der Serie ist. Insgesamt müsste auch an dem Aufbau der Kriminalfälle selbst und an den teils etwas wirren Wendungen und unüberlegten Details der Serie gearbeitet werden. Und leider gibt es auch das eine oder andere Mal, in denen die Special Effects nicht damit mithalten können, was etwa „Arrow“, „The Flash“ oder „Supergirl“ zur Zeit auf die Fernsehbildschirme zaubern.
Fazit
Doch alles in allem ist „Powers“, zumindest für mich, die momentan beste Superheldenserie, vor allem aufgrund ihrer Einzigartigkeit. Wer die Logiklöcher in Serien des selben Genres ertragen kann, der müsste das eigentlich auch hier schaffen. Belohnt werden wird er dabei mit einer bekannten scheinenden und doch irgendwie fremden Welt, die immer wieder fasziniert. Ich freue mich sehr auf die dritte Staffel, die leider noch nicht offiziell bestätigt wurde.
Verfasser: Benedikt Pichl am Samstag, 30. Juli 2016(Powers 2x10)
Schauspieler in der Episode Powers 2x10
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