Pistol 1x01

© zenenfoto aus der Serie Pistol (c) FX
Das musikalische Band-Biopic Pistol wurde heute via FX beim Streamingdienst Hulu veröffentlicht und erzählt in sechs Episoden die Story der britischen Punkband Sex Pistols. Serienschöpfer und Drehbuch-Autor ist Craig Pearce, der zuvor an der Shakespeare-Serie Will beteiligt war und auch das Drehbuch zum kommenden Musikfilm „Elvis“ mitzuverantworten hat. Inszeniert wurde sein Skrpt von UK-Regisseur Danny Boyle, den man für Filme wie „Trainspotting“ und „28 Days Later“, aber auch den The-Beatles-beladenen Streifen „Yesterday“ kennt. Sein letztes Serienprojekt war das Entführungsdrama Trust - ebenfalls bei FX.
In der ersten „Pistol“-Episode mit dem Titel Track 1: The Cloak of Invisibility wird klar, dass die Erfolgsgeschichte der bahnbrechenden Band nicht aus der Perspektive von Frontmann Johnny Rotten erzählt wird, sondern aus der von Gitarrist Steve Jones (Toby Wallace), dessen 2017 erschienenes Buch „Lonely Boy: Tales from a Sex Pistol“ mit Sicherheit den einen oder anderen sachdienlichen Hinweis für die Serie enthielt. Als Sohn einer Arbeiterfamilie aus London hat er nicht die Mittel, sich und seine Band (damals noch The Swankers) mit entsprechendem Equipment auszustatten, weshalb er es kurzerhand in prominent bespielten Konzerthallen klaut.
Musikalisches Talent oder Training haben die Jungs zwar nicht, aber das ist für den Punksound, den sie noch entwickeln werden, natürlich nicht unbedingt notwendig. Zu dieser Zeit orientieren sie sich noch am allgegenwärtigen David Bowie und anderen Rocklegenden, denen sie auf die Finger schauen. Erste Fans beziehungsweise Supporter findet Steve bald auch im Fashion-Geschäft SEX von Vivienne Westwood (Talulah Riley) und Malcolm McLaren (Thomas Brodie-Sangster), die meinen, dass er und seine rebellische Art hervorragend zu ihren revolutionären Sensibilitäten passen.

Eine sich anbahnende Affäre mit (der zukünftigen Singer-Songwriterin und The-Pretenders-Frontfrau) Chrissie Hynde (Sydney Chandler), die in dem Shop voller Latex und Avantgardekleidung arbeitet, fällt allerdings vorerst kurz aus, denn, als Steve doch irgendwann beim Stehlen erwischt wird, droht ihm das Gefängnis. Dank seiner neuen Verbindung zu Malcolm, der aus besserem Hause stammt und vor Gericht eine gute Figur macht, entgeht er jedoch dem Knast und so steht bald das erste Konzert unter neuem Bandnamen an, das zu Steves Enttäuschung leider nicht so läuft, wie es sich die Band oder die wenigen Fans vorgestellt haben...
Viele Momente des im 4:3-Format präsentierten Pistol sind sehr dynamisch geschnitten und mit allerlei Archiv- und Konzertaufnahmen aus dem Vereinigten Königreich der 70er Jahre gespickt. Schnelle Cuts allein machen aber noch keine gut flutschende Erzählung und so wirkt das Ganze in der ersten Stunde leider doch etwas zäh - was bei diesem Thema natürlich eine Katastrophe ist. Man konzentriert sich auf Steves tragische Kindheit und Jugend in einem schwierigen Elternhaus, in welchem er unerwünscht scheint und nichts kennt außer Schelte. Während das zwar alles sehr kompetent und manchmal sogar interessant von Danny Boyle eingefangen ist (und natürlich auf wahren Begebenheiten basiert), macht es das unterm Strich aber auch nicht spannender.
Schuld daran ist aber weder die Regie noch das exzentrische Editing (und nicht einmal das mittelmäßige Schauspiel), sondern vor allem das Drehbuch, über das man sich an manchen Stellen geradezu ärgern könnte. Steve darf kaum von allein richtig rebellisch auftreten, er bekommt es von seinen neuen Bekannten per Dialog attestiert. Als man ihn beim Klamottenklau erwischt, wird er von Vivian und Malcolm zum faszinierenden Produkt von Repression erklärt und als jemand beschrieben, der sonst nichts im Leben hat als seine Authentizität und Musik. Wer redet so?
Gegen Ende der Episode kommt es dann ähnlich prosaisch und aufgesetzt aus Steves eigenem Mund, wenn er sich nach dem gescheiterten Gig selbst analysiert und erkennt, dass er zwar in den Armen vieler Damen lande, sich aber auf der Bühne nicht verstecken könne... Das wiederum wird ihm zu viel und dabei ebenso verbunden mit seiner Kindheitsfantasie von einem Unsichtsbarkeitsumhang. Noch viel ärgerlicher aber wirkt es, wie Steve mit seinen Bandkollegen am Kneipentisch das aufmüpfige, rebellische Punktum mehr oder weniger in einem Absatz als kalkuliertes Image als Gegenpol zu den sauberen Beatles entwirft, anstatt dass es als natürlicher Ausdruck der Bewegung gewachsen wäre.
Wer Frontmann Johnny Rotten (Anson Boon) sehen will, muss sich übrigens bis zu einer späteren Episode gedulden, denn er ist nur der Teaser am Ende des Auftakts, und auch Fans von Game of Thrones-Star Maisie Williams, die hier das Westwood-Model Pamela „Jordan“ Rooke spielen wird, müssen sich noch gedulden.
Fazit
Für eine Serie über die Anfänge der Punkbewegung fehlt Pistol leider komplett die entsprechende Energie, der Drive, der Vibe und die Authentizität. Schnelle Schnitte täuschen nicht über gekünstelte Dialoge, mittelmäßiges Schauspiel und kompetente, aber konventionelle Regie hinweg, die überhaupt nicht mit dem Thema im Einklang zu sein scheinen. Ab und zu könnte man meinen, Boyle will auf eine „A Clockwork Orange“-Anlehnung hinaus, ohne dass er sich wirklich mit vollem Einsatz hineinlehnen würde. Ein knackigerer Film, der nicht ganz so „Band-Biopic der Sorte ,Malen nach Zahlen'“ ist, hätte dem Stoff vermutlich besser getan. Das Ganze mag sich in den folgenden fünf Episoden noch entwickeln, die erste Episode macht aber nicht unbedingt Lust auf mehr und könnte genauso wenig irgendwen zur Rebellion anstiften.
Ein „Pistol“-Deutschlandstart wurde noch nicht angekündigt, wir halten Euch aber diesbezüglich auf dem Laufenden.
Hier abschließend noch mal der Trailer zur Serie „Pistol“, die heute beim US-Sender FX über den Streamingdienst Hulu angelaufen ist:
Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 1. Juni 2022Pistol 1x01 Trailer
(Pistol 1x01)
Schauspieler in der Episode Pistol 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?