Physical 1x01

© oster zur Serie Physical (c) Apple TV+
Die Dramedyserie Physical dreht sich um Sheila Rubin (Rose Byrne), die als Hausfrau und Mutter einer Tochter in den 1980er Jahren in San Diego lebt. Doch als ihr Ehemann Danny (Rory Scovel) seine Anstellung an der Universität verliert und als Lokalpolitiker Karriere machen will, wird Sheila klar, dass sie das gemeinsam gesparte Vermögen ausgegeben hat. Nicht etwa für teuren Schmuck oder andere Luxusgüter, sondern für das Mieten eines Hotelzimmers, in dem sie dann drei Burger-Menüs essen und den verspeisten Inhalt danach ins Klo speien kann. Schnell wird deutlich, dass Sheila nicht nur vom eigenen Selbsthass zerfressen ist, sondern auch ein krankhaftes Selbstbild und einen menschenverachtenden Blick auf die Welt hat. Als ihre Ballettschule schließen muss, findet sie jedoch im neu aufkommenden Trend des Aerobics neuen Halt und bereits am Anfang der Episode wird vorweggenommenen, dass sie damit sehr erfolgreich sein wird.
Du kannst die Serie Physical jetzt sofort bei Apple TV streamen.
Let's get physical
Rose Byrne ist absolut physisch! Körperlich abgemagert und durchtrainiert zugleich zeigt die 41-jährige Australierin, was in ihr steckt. Bereits in Damages, diversen Filmen und zuletzt in Mrs. America hat sie ihr Talent unter Beweis gestellt, welches hier jede Sekunde der fulminanten Pilotepisode trägt. Dabei ist ihr der Schmerz ihrer psychischen Erkrankung ins Gesicht geschrieben, deren Ausmaß in ihren brutalen Gedanken nur schwer zu ertragen ist. Komplementiert wird der wunderbare Cast durch die gutgläubige Greta (Diedra Friel), Aerobic-Trainerin Bunny (Della Saba) und die „aktive“ Studentin Simone (Ashley Liao).
Showrunner der Serie ist die langjährig bekannte Produzentin und Autorin Annie Weisman, die unter anderem bei Desperate Housewives, Suburgatory und zuletzt Almost Family mit an Bord war. Craig Gillespie („Cruella“, „I, Tonya“) ist ebenfalls in der Produktion involviert.
Arschloch-Feminismus?
Seit einiger Zeit werden vermehrt Serien und Filme produziert, in denen die Protagonistinnen durch und durch böse oder zumindest moralisch zweifelhafte Menschen sind. Das ist löblich, dass wir unterschiedliche Arten von weiblichen Charakteren im filmischen Content sehen. Das Recht, ein weiblicher Antiheld zu sein, ist gegeben. Manches Mal werden abgrundtief bösartige Charaktere jedoch mit einer selbstbestimmten, feministischen Agenda gemischt, die es der Zuschauerschaft schwer macht, „das Böse“ neben der feministischen Verehrung zu interpretieren. Die moralisch ambivalente Grundtendenz wird dabei verwässert oder zumindest vermischt. Zuletzt haben wir dieses Phänomen im Netflix-Film „I Care a Lot“ gesehen. Man kommt nicht umhin, Rosamund Pike als Marla Grayson für ihr selbstbestimmtes Leben und ihren Umgang mit Männern in Machtpositionen zu applaudieren, die zugrunde liegende Bösartigkeit droht dabei, in den Hintergrund zu geraten - speziell, wenn die Regie dies untermauert.
Die Serie Physical erweckt bei der Rezensentin ein ähnliches Gefühl. Die Pilotepisode lädt ein zum Feiern von Sheila, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen und aus ihrem eingrenzenden Alltag zu entfliehen. Dass es sich bei ihr um eine psychisch kranke Person mit äußerst asozialem Verhalten handelt, ist zwar in jeder Sekunde offensichtlich, verschwimmt teilweise aber und man neigt dazu, ihr Verhalten zu relativieren.
Permanent muss man sich als Zuschauer oder Zuschauerin vergewissern, dass Sheila keine klassische Heldin ist, auch wenn das Format es einem gerne mal suggeriert. Das Heldentum der weiblichen Selbstbestimmung muss fortwährend differenziert mit ihrem asozialen Verhalten und im Kontext der psychischen Erkrankung gesehen werden. Dieser Umstand ist nicht negativ zu bewerten, es verlangt jedoch eine tiefergehende Analyse und profunde Einordnung des Gesehenen und kann somit abschreckend wirken.
Fazit
„Physical“ ist nicht witzig und in vielen Momenten gar verletzend. Rose Byrne brilliert in allen Szenen als unsympathische Hausfrau mit Essstörungen und einem krass verzerrten Selbstbild. Wir erfahren durch ihre inneren Monologe von ihrem Selbsthass und ihrer abwertenden Einordnung anderer Menschen. Ein permanentes fat shaming ihrer selbst und aller anderer Personen findet dabei statt. Trotzdem will man mehr von dieser unsympathischen und faszinierenden Person erfahren.
Daneben ist Physical aufwändig produziert, die 80er Jahre sahen wohl selten so authentisch aus und die wunderbaren Sets ergänzt ein Soundtrack, dessen Stücke nicht schon hundertmal in Serien und Filmen genutzt wurden. Eine sehr interessante Pilotepisode, die polarisieren wird.
Die zehn Episoden von Physical sind ab dem 18. Juni wöchentlich auf dem Streamingdienst Apple TV+ abzurufen.
Du kannst die Serie Physical jetzt sofort bei Apple TV streamen.
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur Serie „Physical“:
Verfasser: Hanna Huge am Freitag, 18. Juni 2021Physical 1x01 Trailer
(Physical 1x01)
Schauspieler in der Episode Physical 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?