Perry Mason: Kritik zum HBO-Krimi mit Matthew Rhys

Perry Mason: Kritik zum HBO-Krimi mit Matthew Rhys

Nach The Night Of 2016 und Sharp Objects 2018 heißt der große HBO-Sommerkrimi 2020 Perry Mason. Lohnt sich die Miniserie mit Matthew Rhys? Ebenfalls im Cast: Tatiana Maslany und John Lithgow. Robert Downey Jr. produziert.

Matthew Rhys als Perry Mason (c) HBO
Matthew Rhys als Perry Mason (c) HBO
© atthew Rhys als Perry Mason (c) HBO

Alle paar Jahre schüttelt der amerikanische Kabelsender HBO stimmungsvolle Krimiserien aus dem Ärmel, die uns durch die schlaflosen Sommernächte begleiten. Vor vier Jahren war es wie gesagt The Night Of mit Riz Ahmed und John Turturro. Und vor zwei Jahren dann Sharp Objects mit Amy Adams. Theoretisch könnte man auch Big Little Lies oder True Detective dazuzählen, wobei diese beiden streng genommen im Frühling liefen. Besser passt dafür nun der Neustart Perry Mason ins Schema, der am gestrigen Sonntag, den 21. Juni - also pünktlich zum kalendarischen Sommeranfang - auf Sendung ging. Hierzulande muss man sich aber leider noch bis zum 31. Juli gedulden, bis Sky Atlantic HD die Serie zeigt.

Perry Mason“ gilt als eine der solidesten amerikanischen Institutionen des 20. Jahrhunderts - er ist der Sherlock Holmes der Vereinigten Staaten. Kreiert wurde der Charakter 1933 vom Autor Erle Stanley Gardner. In mehr als 80 Romanen trat der kriegstraumatisierte Anwalt und Privatermittler über die Jahrzehnte auf. Dazu kommen noch knapp halb so viele Film- und Fernsehadaptionen, darunter auch zwei Serien. Die erste entstand 1957 mit Raymond Burr als Hauptdarsteller. 1973 erschien dann „The New Perry Mason“ mit Monte Markham. In der jüngsten Version von HBO spielt der walisische Emmypreisträger Matthew Rhys (The Americans) die Titelrolle. Ursprünglich war übrigens Robert Downey Jr. („Iron Man“) für den Part vorgesehen. Dieser begnügte sich dann mit einem Produzentenposten. War das wirklich eine kluge Entscheidung?

Geschrieben wurde der neue Achtteiler Perry Mason von Rolin Jones und Ron Fitzgerald, die gemeinsam vorher an Serien wie Friday Night Lights und Weeds kooperierten. Jones war außerdem am period piece Boardwalk Empire beteiligt, das seinem jüngsten Projekt thematisch und auch stilistisch sehr nahe kommt. Dort lernte der Autor damals auch den Regisseur Tim Van Patten kennen, der nun die drei ersten Episoden inszenieren durfte. Man kennt ihn ebenfalls für seine Arbeit an anderen HBO-Hits wie Game of Thrones, Deadwood, The Wire und The Sopranos. Der Sender schmeißt also wirklich alles in die Waagschale, was er zu bieten hat. Zumal mit Tatiana Maslany (Orphan Black) und John Lithgow (The Crown) noch zwei weitere Emmy-prämierte Schauspieler im vordersten Ensemble sind. Und das ist noch nicht alles...

Worum geht's?

So viel zu den bereits überaus beeindruckenden Eckdaten dieser Serie. Doch worum geht es in Perry Mason inhaltlich? Die Geschichte spielt 1932 in Los Angeles. Ein merkwürdiges Jahr für die kalifornische Traumstadt, denn, während der Rest des Landes unter der Großen Depression leidet, floriert die Pazifikmetropole schamlos vor sich hin. Ein Ölboom und das immer wichtiger werdende Filmgeschäft halten die Wirtschaftskrise fern. Diesen Sommer finden hier sogar die Olympischen Spiele statt. Aber nicht alle Einwohner haben Grund zur Freude: Der abgewrackte Rechtsanwalt Perry Mason, ein Veteran des Ersten Weltkrieges - den man da noch naiv als „Krieg, der alle Kriege beendet“ bezeichnete -, hat durch besorgniserregende Eskapaden seine eigene Familie vertrieben und verdingt sich nun als billiger Privatdetektiv. Zu seinem Tagesgeschäft gehören die Affären dicker, reicher Männer. Doch dann stolpert er über einen Fall, der wieder Bedeutung in sein Leben bringt.

Tatiana Maslany in Perry Mason
Tatiana Maslany in Perry Mason - © HBO

Das Verbrechen, um das es geht, ist ungeheuerlich: Ein Baby wurde entführt und anschließend ermordet und entstellt. Für die sonst so sorglose Stadtbevölkerung endlich ein Gesprächsthema, auf das sich alle genüsslich lästernd stürzen können. Perry wird von seinem alten Mentor E. B. Jonathan (Lithgow) auf den Fall angesetzt, der wiederum vom Milliardär Herman Baggerly (Robert Patrick) beauftragt wurde. Die Umstände für dessen Mandat sind genauso mysteriös wie alles andere am Tod des kleinen Charlie Dodson. Bald steht sogar die Mutter, gespielt vom glänzenden GLOW-Star Gayle Rankin, unter Verdacht. Perry und E. B. wollen unbedingt verhindern, dass der in ihren Augen unschuldigen Frau die Sache angehängt wird. Was sie zwangsläufig auf dieselbe Seite bringt wie die Predigerin Sister Alice (Maslany), die sich ebenfalls für Emily Dodson einsetzt.

Und das ganze Geflecht wird noch komplizierter, als der korrupte Polizist Detective Ennis (Andrew Howard) die angeblichen Täter aufspürt und umbringt. Nur sie hätten sagen können, wie groß das Verschwörungsnetzwerk hinter dem Verbrechen wirklich ist. Perry und seine rechte Hand Pete Strickland (Shea Whigham), genauso wie E. B. und dessen mutige Sekretärin Della Street (Juliet Rylance) müssen bei ihren Nachforschungen nun überaus vorsichtig sein, denn mächtige Männer wollen offenbar verhindern, dass die Wahrheit jemals ans Licht kommt. Parallel nimmt auch der rechtschaffene Gesetzeshüter Paul Drake die Ermittlungen auf, der dank dem Gotham-Alumnus Chris Chalk erstmals von einer Person of Color gespielt wird. Seine Story verläuft leider etwas abseits von allem, was zum vielleicht größten Kritikpunkt an der Serie überleitet...

Fazit

Kurzum: Die neue HBO-Miniserie Perry Mason will einfach zu viel - zu viele Handlungsstränge, zu viele Mysterien und viel zu viele Figuren. Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Serienschöpfer Rolin Jones und Ron Fitzgerald den Fans der Vorlage zuliebe möglichst viele Buchcharaktere einbringen wollten, aber am Ende leidet vor allem einer darunter: Perry Mason. Falls tatsächlich Robert Downey Jr. die Hauptrolle gespielt hätte, wäre das vermutlich nicht passiert. Ein Filmstar wie er hätte seine Screentime sicher besser verteidigen können als Matthew Rhys, der - weil wir in einer ungerechten Welt leben - leider nicht so bekannt ist. Trotzdem kann man froh sein, dass am Ende er den Part bekam, denn seine Tom Hanks-artige natürliche Bescheidenheit passt sehr viel besser zum Protagonisten als Robert Downeys extravagante Robert-Downey-Art.

Auch die Atmosphäre leidet unter der Überladenheit des Achtteilers - und für einen Sommernachtskrimi gibt es nichts Wichtigeres als eine dichte und düstere Atmosphäre, die einen vollends einsaugt. Zwar hat Tim Van Patten als routinierter Regisseur großartige Arbeit geleistet, die 30er Jahre pulsierend zum Leben zu erwecken, doch je undurchsichtiger sich die Geschichte zuspitzt, desto weniger kann sie unsere Sinne fesseln. Am ehesten hätte man die Szenen von Sister Alice und Paul Drake streichen können. Doch wer würde schon Tatiana Maslany und Chris Chalk von Bord werfen wollen?

Es wäre also noch etwas mehr beziehungsweise weniger drin gewesen, aber trotz der Kritik lässt sich der HBO-Produktion eine klare Empfehlung aussprechen. Ohnehin ist es schön, dass Perry Mason wieder da ist. Interessanterweise scheint er immer dann aufzutauchen, wenn sich Amerika in einer tiefen Identitätskrise befindet und innerlich zerrissen ist. Denn auch er selbst ist innerlich zerrissen, liegt oft am Boden, macht Fehler, aber versucht es dann wieder gut und besser zu machen.

Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur neuen HBO-Miniserie Perry Mason:

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