Painkiller 1x01

© Netflix
SchĂ€tzungsweise bis zu einer halben Million Menschen sind in den Vereinigten Staaten binnen der letzten 20 Jahre aufgrund einer Schmerzmittelsucht gestorben. Das entspricht einer ganzen Metropole in der GröĂenordnung von Kansas City, Missouri, die durch die Tragödie verloren ging. Obwohl die Opioidkrise nicht nur eine Tragödie ist, sondern auch ein Verbrechen. Denn, wie mehrfach geurteilt wurde, haben Pharmakonzerne Patient:innen absichtlich sĂŒchtig gemacht, um Profite zu erhöhen.
Das bekannteste Beispiel bietet Purdue Pharma mit ihrem CEO Richard Sackler, der vor zwei Jahren schon zum Schurken im Hulu-Drama Dopesick wurde (da noch gespielt von Michael Stuhlbarg). In der neuen Netflix-Miniserie Painkiller ĂŒbernimmt nun Achtziger-Ikone Matthew Broderick („Ferris macht blau“) den Part. WĂ€hrend die dreifache EmmypreistrĂ€gerin Uzo Aduba (In Treatment, Orange Is the New Black) in der Heldinnenrolle auftritt. Als Ermittlerin Edie will sie fĂŒr Gerechtigkeit sorgen...
Hinter dem Format steht das Autorenduo Micah Fitzerman-Blue und Noah Harpster, das zuletzt die DrehbĂŒcher zu den Filmen „Maleficent: MĂ€chte der Finsternis“ und „Der wunderbare Mr. Rogers“ geschrieben hat, einst aber auch an der preisgekrönten Amazon-Serie Transparent beteiligt war. Als Vorlagen fungierten der New-Yorker-Artikel „The Family That Built an Empire of Pain“ von Patrick Radden Keefe sowie das Sachbuch „Pain Killer“ von Barry Meier.
Der Dreh zum Sechsteiler fand von FrĂŒhling bis Herbst 2021 im kanadischen Toronto statt. Die Inszenierung ĂŒbernahm dabei der frĂŒhere Friday Night Lights-Schöpfer Peter Berg (auch bekannt fĂŒr Kinostreifen wie „Deepwater Horizon“ oder „Boston“). Als Produzenten haben Alex Gibney („Dirty Money - Geld regiert die Welt“) und Eric Newman (Narcos) mitgemischt.
Im erweiterten Ensemble finden sich: Sam Anderson, Tyler Ritter, Carolina Bartczak, John Ales, Ron Lea, Ana Cruz Kayne, West Duchovny, Jack Mulhern, Dina Shihabi, John Rothman und John Murphy. Co-Creator Harpster spielt auch einen Part.
Worum geht's?
Hatte sich „Dopesick“ zum Vergleich vor allem auf den Blick an die Front der Krise konzentriert, also auf die Ărzt:innen, die das Medikament verschreiben und die Familien, die dadurch kaputtgehen, steigt „Painkiller“ direkt in der Kommandozentrale ein. In straffen ErklĂ€rszenen, wie man sie aus „The Big Short“ kennt, macht man das Publikum mit der Firmengeschichte von Purdue vertraut.
AuĂerdem kriegt man schnell ein GefĂŒhl fĂŒr Sackler, der sowohl als unsouverĂ€n bis peinlich im Auftreten als auch als kĂŒhl und brillant im Denken portrĂ€tiert wird. Ob Broderick diese beiden entgegensetzten Facetten zusammenbringt, muss sich im weiteren Verlauf noch zeigen.

Dass Aduba eine tolle Identifikationsfigur abgibt, steht nach der einstĂŒndigen Pilotepisode namens Die Erste und die Letzte dafĂŒr schon ohne Zweifel fest. Sie wirkt zu Beginn verbittert, weil sie sich zu hĂ€ufig am System die ZĂ€hne ausgebissen hat. Doch dann schöpft sie neue Hoffnung, Sackler und Co vielleicht noch dranzukriegen. Ăbrigens verliert Painkiller trotz des gröĂeren Fokus auf die TĂ€terseite die Opfer nicht aus dem Blick. Hier stellt man uns die fiktive Familie Kryger vor.
Bei deren EinfĂŒhrung scheinen die Serienmacher sehr darauf bedacht zu sein, den Zuschauer:innen klarzumachen, dass es jede:n treffen könnte. Das Ehepaar Glen (Kitsch) und Lily (Bartczak) steht fest im Leben, als sich ein wirklich dummer Unfall am Arbeitsplatz ereignet. ZunĂ€chst verlĂ€uft die Notoperation des schwerverletzten Mechanikers völlig problemlos. Erst durch die spĂ€ter verschriebenen Schmerzmedikamente nimmt das wahre UnglĂŒck seinen Lauf.
Parallel springen wir dann immer wieder zu Sackler (Broderick), der als neuer CEO von Purdue das Opioid OxyContin als Gelddruckmaschine mit teuflischen Nebenwirkungen in Stellung bringt. Die Serie will, dass niemand missversteht, wie viel KalkĂŒl in den damaligen GeschĂ€ftsentscheidungen gesteckt haben soll. Man könnte ihr natĂŒrlich den Vorwurf der Schwarz-WeiĂ-Malerei machen (böser Kapitalist vs. hilflose Arbeiterfamilie), aber tatsĂ€chlich sind manche Wirtschaftsverbrechen einfach unmoralisch ohne die geringsten Graustufen.
Wenigstens die RĂ€dchen im Getriebe unter Sackler nimmt man teilweise in Schutz. So wird aufgezeigt, wie Mediziner:innen von Purdue durch gezielte Lobby-Arbeit getĂ€uscht worden sein sollen. Und wir sehen, wie die Wissenschaftler:innen im Labor des Pharmariesen womöglich unter Druck gesetzt wurden. Die KomplexitĂ€t solcher Ungerechtigkeiten zu verdeutlichen, ist ein nobler Ansatz. Gleichzeitig lĂ€uft eine Serie dabei Gefahr, ein bisschen zu sehr „on the nose“ zu wirken...
Wie ist es?
Als Fazit zum Auftakt des Netflix-Sechsteilers „Painkiller“ kann man sagen: Die Geschichte bietet sich mit dem hier gewĂ€hlten Fokus auf die Chefetage nicht optimal als Serienstoff an. Die Showrunner Fitzerman-Blue und Harpster scheinen sich selbst nicht ganz entscheiden zu können, ob sie Purdue-Boss Richard Sackler nun lĂ€cherlich machen oder ihn als teuflisches Genie darstellen wollen. Wobei Matthew Broderick als Besetzung durchaus einen solchen Spagat schaffen könnte.
Sein Co-Star Uzo Aduba ist eine mehr als nur wĂŒrdige Gegenspielerin. Sie schafft es mit ihrem Charisma auch die Szenen zu verkaufen, in denen die Serie nicht einmal SubtilitĂ€t vorzuspielen versucht. Ist die Niedertracht der Bösewichte so eindeutig, ist eine fiktionalisierte ErzĂ€hlform vielleicht nicht das Richtige. Dieses Problem hatten schon The Dropout oder WeCrashed, ganz Ă€hnliche True-Crime-Formate aus dem Business-Bereich (wobei die nicht so „kĂŒhn“ waren, gleich zu Beginn eine reale Betroffene zu Wort kommen zu lassen).
Kurzum: Wer sich fĂŒr die Opioidkrise interessiert, ist bei einem Buch oder einer Dokumentation vermutlich besser aufgehoben (objektiver sein mĂŒssen die natĂŒrlich auch nicht). Aber auch die Zwillingsserie „Dopesick“ von Hulu hat den besseren Ansatz, weil sie sich auf die emotionalen Folgen des Falls konzentriert statt auf technische Sachverhalte. Drei von fĂŒnf Sternen.
Hier abschlieĂend noch der Trailer zur Miniserie âPainkillerâ:
Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 10. August 2023Painkiller 1x01 Trailer
(Painkiller 1x01)
Schauspieler in der Episode Painkiller 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?