Eigentlich ist es im Sommer zu warm, um mit der Decke vor den Augen vor dem Fernseher zu sitzen. Doch Robert Kirkmans Horror-Thriller Outcast schickt sich trotzdem an, uns das Fürchten zu lehren. Ob das gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Pilotreview.

Patrick Fugit in „Outcast“ / (c) Cinemax
Patrick Fugit in „Outcast“ / (c) Cinemax

Die Pilotepisode A Darkness Surrounds Him der Serie Outcast führt uns in das kleine amerikanische Städtchen Rome. Dort lernen wir Kyle Barnes (Patrick Fugit) kennen, der im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben lang mit Dämonen zu kämpfen hatte. Als er erfährt, dass ein kleiner Junge (Gabriel Bateman) Symptome zeigt, die ihn an schmerzhafte Ereignisse in seiner Vergangenheit erinnern, erwacht er aus seiner Lethargie und ist bereit zu helfen.

Worum geht es?

Kyles Leben ist sicherlich kein Ponyhof. Als kleiner Junge wurde er Opfer der exzessiven Gewaltausbrüche seiner Mutter, deren dunkle Stimmungsschwankungen keinen Seltenheitswert hatten. Doch eines Tages entschied sich Kyle, sich zu wehren, woraufhin seine Mutter unter ominösen Umständen in einen vegetativen Zustand verfiel und der Junge in einer Pflegefamilie landete.

Viele Jahre später scheint er zunehmend befreit von den traumatischen Ereignissen, denn er ist glücklich verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Doch die Vergangenheit droht sich zu wiederholen, denn bei seiner Frau Allison (Kate Lyn Sheil) scheinen sich ähnliche Anzeichen einer psychischen Erkrankung mit gewalttätigen Tendenzen zu manifestieren. Da sie eine akute Gefahr für sich und andere darstellt, beschließt Kyle auch hier einzugreifen.

Der Sprung in die Gegenwart zeigt uns, dass all diese Geschehnisse deutliche Spuren an Kyle hinterlassen haben. Er lebt alleine im alten Haus seiner Eltern, dessen desolater Zustand die mentale Verfassung des Protagonisten deutlich widerspiegelt. Einzig seine Adoptivschwester Megan (Wrenn Schmidt) kümmert sich noch um ihn und versucht stetig ihn zu integrieren und zu unterstützen.

Als Kyle erfährt, dass Reverend Anderson, (Philip Glenister) der örtliche Priester, sich mit dem kleinen Jungen Joshua befasst, der Symptome aufweist, die ihm nur allzu bekannt vorkommen, beschließt er sich die Sache aus der Nähe anzuschauen. Waren seine Mutter und seine Ehefrau einfach nur krank, oder steckt mehr hinter dem Ganzen? Was er gemeinsam mit Anderson im Haus von Joshua erlebt, stellt seine Welt vollends auf den Kopf: Es scheint sich tatsächlich etwas Übernatürliches im Körper des Jungen zu befinden und es kennt Kyle, in dem ein ungeahntes Potential schlummert, sich den dunklen Kräften entgegenzustellen.

Die Story

Die Pilotepisode von Outcast lässt keinen Zweifel an Robert Kirkmans Präferenz, seine Geschichten in einem gemächlichen Erzähltempo vorzutragen, denn man nimmt sich die Zeit, die Grundstrukturen der Serie zu etablieren, ohne dabei zu hetzen. Während andere Serien ihre Prämisse dem Zuschauer bereits nach 5-10 Minuten vor Augen führen, verteilt sich dieser Prozess der Comicadaption über die gesamte Folge.

Das resultiert allerdings streckenweise in einer gewissen Langatmigkeit der ca. 54-minütigen Pilotepisode, für die der Zuschauer ein wenig Geduld mitbringen muss. Doch das lohnt sich, denn obwohl zunächst viele Fragen aufgeworfen werden, bekommen wir genug Puzzlestücke und Fortschritt zum Ende hin geliefert, um Interesse an den kommenden Geschehnissen zu wecken.

Bisher unterscheidet sich die Story jedoch noch nicht sonderlich von den zahlreichen Filmen, die sich rund um das Thema „Exorzismus“ drehen. Wir werden sehen, was der Schöpfer von The Walking Dead noch alles parat hat, um seine Geschichte und sein Setting von den anderen Genrevertretern zu unterscheiden.

Kirkmans Comicvorlage ist momentan noch kein zuverlässiger Indikator um herauszufinden, wohin die Reise gehen wird, da der dritte Sammelband mit wenig Vorsprung in den USA im Juli erscheint und die Comics somit mehr oder weniger parallel zur Serie veröffentlicht werden. Ob Kyle und Reverend Anderson jede Woche von Fall zu Fall ziehen oder die Struktur der Story sich hauptsächlich auf folgenübergreifende Handlung konzentriert, werden wir bald feststellen.

Kyle (Patrick Fugit) wird zur Zielscheibe für die Dämonen.
Kyle (Patrick Fugit) wird zur Zielscheibe für die Dämonen.

Der Cast

Die Darsteller von Outcast erweisen sich als relativ unverbrauchte Gesichter. Protagonist Kyle wird durch Patrick Fugit verkörpert, bei dem es sich zeigen wird, ob er eine Dramaserie dieses Kalibers tragen kann. Bisher macht er einen durchaus fähigen Eindruck.

An seiner Seite sehen wir den Briten Philip Glenister, der über reichlich Erfahrung im Serienbereich in England verfügt, auf dem amerikanischen Markt jedoch noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist.

Wrenn Schmidt als Kyles Adoptivschwester Megan spielte bereits in kleinen Rollen in bekannten Produktionen wie The Americans, Boardwalk Empire oder Person of Interest mit.

Die schauspielerischen Leistungen in der Pilotepisode sind durchaus anständig, wobei man noch lobend Gabriel Bateman erwähnen sollte, der es schafft, den von Dämonen besessenen kleinen Jungen Joshua mit einem nicht unerheblichen Gänsehautfaktor rüber zu bringen.

Die Technik

Die stilisierte Introsequenz kündigt bereits an, dass „Production Value“ bei Outcast groß geschrieben wird. Thematisch passend sind die Aufnahmen in vielen Grautönen mit geringer Farbsättigung gehalten. Das Setting in der Kleinstadt klingt zwar nicht spektakulär, doch die simplen, teils trostlosen Aufnahmen, fangen auf wunderbare Weise die Stimmung der Serie ein.

Die kurzen Actionsequenzen wirken wuchtig und das Zusammenspiel von Kameraaufnahmen und Schnitt funktioniert auch hier sehr effektiv. Ähnlich gute Qualität lässt sich auch den unterstreichend bedrohlichen Tonaufnahmen attestieren. Es wird schnell klar, dass das gesamten Produktionsteam Experten auf ihren jeweiligen Gebieten aufbieten kann.

Für die Inszenierung von A Darkness Surrounds Him nahm Adam Wingard im Regiestuhl Platz, der im Horrorgenre bereits durch Filme wie „You're Next“ Erfahrung sammeln konnte und demnächst für die Realfilmadaption des Anime-Kultklassikers Death Note verantwortlich zeichnen wird.

Welchen Eindruck vermittelt die Pilotepisode?

Outcast wurde von Cinemax bereits vor der Premiere der ersten Episode um eine zweite Staffel verlängert. Das ist natürlich ein enormer Vertrauensvorschuss für Robert Kirkman und sein Team. Die Serie besticht bereits jetzt durch eine extrem dichte Atmosphäre und könnte frischen Wind in das angestaubte Konzept des Exorzisus-Horrors bringen.

Die Handschrift des Schöpfers von The Walking Dead zeigt sich nicht nur im Erzähltempo, sondern auch in der schonungslosen Gewaltdarstellung. Zwar halten sich die Gore-Effekte in Grenzen, doch Protagonist Kyle geht mit dem besessenen Joshua alles andere als zimperlich um, so dass dieser seine Milchzähne nach dem Kampf neu sortieren muss.

Eine gute Balance aus aufkommen Fragen und genügend Antwortfragmenten liefert ausreichend Motivation, weiteren Episoden eine Chance zu geben. Protagonist Kyle ist eine angeschlagene Figur auf dem Tiefpunkt ihres Lebens, deren Lebensmut aufgebraucht zu sein scheint. Simple Konversationen oder die direkte Ehrlichkeit eines Kindes können die tiefen Wunden in ihm jederzeit erneut aufreißen. Er ist ein introvertierter, fragiler Charakter, der durch die Geschehnisse neue Lebenskraft schöpfen und einen Platz in der Welt finden könnte. Es werden bereits zahlreiche komplexe Nuancen aufgebaut, die ihn zu einer interessanten Hauptfigur machen werden.

Die Bewohner von Rome im US-Bundestaat West Virginia sprechen mit einem für die Appalachen typischen Akzent, der das Gefühl, sich in einer Kleinstadt zu befinden, unterstreicht. Wie stark Glaube und Religion als ein zentrales Thema dargestellt werden, bleibt abzuwarten, mit Reverend Anderson haben wir zumindest einen desillusionierten Priester vor uns, der für einen Geistlichen einige Laster sein Eigen nennt, was ihn aber nahbarer und durchaus sympathisch wirken lässt.

Fazit

A Darkness Surrounds Him ist ein gelungener, atmosphärischer Einstand mit kleinen Längen. Technisch bewegt sich Outcast auf höchstem Niveau und lässt auf diesem Gebiet bisher keine Wünsche offen. Der unverbrauchte Cast sowie vielschichtige Charaktere bergen definitiv Potential. Diverse gruslige Momente und düstere Stimmung machen Lust auf mehr. Es bleibt nur zu hoffen, dass es den Machern um Robert Kirkman gelingt, die generische Exorzismus-Prämisse genug aufzuwerten, damit die Serie sich nicht im Schatten eines angestaubten Untergenres verliert. Wem die Mischung aus Drama, Mystery und Horror grundsätzlich zusagt, für den lohnt es sich auf jeden Fall, einen Blick zu riskieren.

Der Trailer zur ersten Staffel von „Outcast“:

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