Im Amazon-Piloten One Mississippi versammelt Comedian Tig Notaro eine illustre Produzentenschar, um eine persönlich angehauchte Familiengeschichte zu erzählen. Wie schon bei Transparent fällt die Einordnung schwer - die Grenze zwischen Comedy und Drama ist fließend.

Tig (Tig Notaro) verabschiedet sich von ihrer Mutter. / (c) Amazon
Tig (Tig Notaro) verabschiedet sich von ihrer Mutter. / (c) Amazon

Die Liste berühmter Namen im Stab der Executive Producer des neuen Amazon-Piloten One Mississippi ist lang: Indie-Ikone Nicole Holofcener führte Regie, „Juno“-Autorin Diablo Cody schrieb zusammen mit Tig Notaro das Drehbuch und kein Geringerer als Comedyveteran Louis C.K. verlieh sein Know-How als Produzent. Heraus kommt eine nachdenkliche halbstündige Dramödie, die nur manchmal richtig lustig ist, viel öfter aber mit warmherzigen, leicht skurrilen Momenten überzeugt.

No feet, no hands, no problem

Notaro, eine Standup-Comedian, die sehr öffentlich mit ihrem Krebsleiden und der damit einhergehenden Brustamputation umgeht, spielt darin eine Version ihrer selbst. Zu Beginn erzählt sie in einem Aufnahmestudio die Geschichte ihrer früheren Faszination für Kuscheltiere. Die Geschichte scheint mit der folgenden Handlung nichts gemein zu haben, gibt uns aber doch eine erste Charakterisierung dieser gebeutelten, starken Frau. Schon als Kind hatte sie einen starken Gerechtigkeitssinn - in ihrem erträumten Restaurant durften sämtliche Stofftiere Platz nehmen.

Dann reist Tig in ihre Heimatstadt New Orleans. An ihrem Gang und der schnellen Erschöpfung lässt sich unschwer erkennen, dass sie immer noch sehr krank ist. Ihre flache Brust, die sie in ein weites Holzfällerhemd hüllt, lässt erahnen, dass sich auch ihre Figur einer Mastektomie unterziehen musste. Am Flughafen wird sie von Bruder Remy (Noah Harpster) und Stiefvater Bill (John Rothman) abgeholt - beide Figuren werden fortan mit ihrer Gemütlichkeit respektive Unbeholfenheit für die meisten witzigen Einlagen sorgen.

Zunächst widmen sie sich jedoch einer äußerst traurigen Angelegenheit. Nachdem sie zusammen entschieden haben, das Beatmungsgerät ihrer Mutter abschalten zu lassen, wohnen sie dieser Prozedur bei. Überrascht stellen sie fest, dass es danach mehrere Tage dauern kann, bis ein Mensch seinen letzten Lebenshauch von sich gibt. Weil Bill daheim die Katzen füttern muss und eine Mitfahrgelegenheit braucht, ist es Tig, die bis zum Ende bei ihrer Mutter bleibt. Die Szene ihres Todes ist äußerst bewegend, weil sehr lebensnah dargestellt, und wird von Tigs witzigem Tagtraum humoresk aufgearbeitet: „What happens now? Do I just leave?

Die Familie bei der Beerdigung von Mutter und Ehefrau © Amazon
Die Familie bei der Beerdigung von Mutter und Ehefrau © Amazon

Bill will hernach eilig zur Organisation von Totennachlass und Beerdigung übergehen. Er ist so überkorrekt, dass er die schwache Tig auffordert, all die Möbel ihrer Mutter aus seinem Haus auszuräumen, weil er fürchtet, sie könne ihn deswegen eines Tages verklagen: „Is that your first joke ever?“ Er überlässt seiner Stieftochter den roten Sportwagen seiner verstorbenen Ehefrau, den sie sogleich nutzt, um ihre überraschend aus Los Angeles angereiste Freundin Brooke (Casey Wilson) vom Flughafen abzuholen.

I don't know how to leave

Ihr gegenüber ist Tig angesichts ihres derzeitigen Befindens äußerst ehrlich: „I'm just not happy.“ Brooke versucht die miese Stimmung aufzuhellen, indem sie Witze über die amputierten Brüste ihrer Freundin macht: „I'm picturing your tits in a dumpster in some back alley in Hollywood.“ Das ist tatsächlich ziemlich lustig - vor allem auch, weil Tig auf den Witz anspringt: „Could you please stop flirting with me right now?“ Anschließend wünschen sie sich jedoch eine „bad night“, denn „every day, from now on, will be smaller.

Schon zuvor konnten wir erahnen, wie stark die Bindung zwischen Mutter und Tochter gewesen sein muss. Nun jedoch ist klar, dass es sich um eine ganz besonders enge Beziehung gehandelt hat. Das verdeutlicht auch die nicht abgerufene Sprachnachricht der Mutter, die Tig auf ihrem Handy mit sich herumträgt, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, diesen letzten Gruß abzuhören. Am Ende der Auftaktepisode ist es so weit. Auf der Trauerfeier stellt sie Brooke zunächst ihre Verwandtschaft inklusive entfremdetem Vater vor, bevor sie in einem leisen Moment zum Handy greift und die Nachricht anhört.

Wir Zuschauer dürfen an diesem intimen Augenblick nicht teilnehmen, sondern können nur das Ergebnis betrachten - eine lächelnde Tig. Diese kurze Szene beschreibt die Tonlage von One Mississippi vielleicht am besten. Hier geht es nicht um himmelschreiende Comedy oder tieftrauriges Drama, sondern um die Zwischenräume, die das Leben ausmachen, oftmals aber als zu uninteressant eingestuft werden, um es ins Fernsehen zu schaffen. Amazon hat bereits mit Transparent - einer Schwester im Geiste, bei der Notaro zwei Gastauftritte absolvierte - bewiesen, dass es den Mut für solch unbequeme Formate aufbringen kann.

Anders als bei der Transgender-Serie fehlt hier jedoch ebenjener hook, weshalb es das Format im eigentümlichen und nicht ganz durchsichtigen Pilot-Prozess von Amazon schwer haben könnte. Ich würde mich dennoch freuen, bekäme diese ungewöhnlich ehrliche Erzählweise eine Chance.

Wertung: 4 von 5 Sterne

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