
Es war einmal ein Mädchen namens Schneewittchen (Ginnifer Goodwin), das heiratete einen Prinzen (Josh Dallas). Doch die böse Königin (Lana Parilla) wollte ihr Glück zerstören - und belegte deshalb alle Einwohner des Märchenwalds mit einem Fluch. Sie alle wurden in eine Welt verbannt, in der es kein „Glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ gibt - und in der alle vergessen haben, wer sie eigentlich sind.
Emma Swan (Jennifer Morrison) jagt Kautionsflüchtlinge in Boston. Eines Tages steht ein zehnjähriger Junge, Henry (Jared Gilmore), vor ihrer Tür und behauptet der Sohn zu sein, den sie vor Jahren zur Adoption freigegeben hat. Emma bringt ihn zurück in seinen Heimatort, Storybrooke in Maine, wo die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes stehen geblieben scheint. Henry hofft, dass seine leibliche Mutter dies ändern kann. So erzählt er ihr, dass alle Einwohner des Ortes in Wahrheit verwunschene Märchenfiguren sind. Emma glaubt ihm natürlich kein Wort. Das scheint sich jedoch allmälich zu ändern, als sie Henrys Adoptivmutter kennen lernt...
Once Upon a Time hat von allen Serienneustarts in dieser Season die wohl phantasievollste Prämisse: Märchenfiguren, die vergessen haben, dass sie Märchenfiguren sind, aber nach wie vor die Eigenschaften aus der Märchenwelt besitzen. Auf so etwas muss man erst mal kommen! Andererseits haben die Erfinder der Serie ja durchaus einige Erfahrung mit abseitig erscheinenden Ideen, schließlich haben Adam Horowitz und Edward Kitsis jahrelang für Lost geschrieben.
Ein neues Lost, also eine Serie, welche zu einem ähnlichen Phänomen wie die Abrams-Serie wird, ist auch das, was US-Network ABC bereits seit Jahren sucht. Once Upon a Time kann sicherlich in die Reihe der dahingehenden Bemühungen gestellt werden. Ob der Sender damit Erfolg haben wird, lässt sich - insbesondere angesichts des Sendeplatzes - natürlich nur schwer vorhersagen. Jedoch kann man es ihm nur wünschen.
Denn Once Upon a Time versteht es, die High-Concept-Prämisse mit Leben zu erfüllen: Das Spiel mit den Märchen-Versatzstücken und die fortlaufende Gegenüberstellung von Realität und Märchenwelt setzt ganz auf die mentale Aktivität des Zuschauers, also das Wiedererkennen von Figuren und Motiven sowie das - bisweilen sehr humorige - Wahrnehmen von Differenzen (Rotkäppchen, das Luder!). Der Pilot ist wendungsreich erzählt (zum Beispiel der unerwartete Verlauf, den Emmas Date am Anfang nimmt) und lässt, obwohl er sehr stark expositionsorientiert ist, an keiner Stelle Langeweile aufkommen.
Die vielleicht größte - und unerwartete - Stärke des Piloten liegt jedoch in dem emotionalen Kosmos, den er rund um das Thema von (gestörten) Eltern-Kind-Beziehungen entfaltet - und vor allem an der Figur von Emma festmacht: Sie selbst ist von ihren Eltern ausgesetzt worden, ihr Urvertrauen ist beschädigt und damit auch ihre Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Durch ihre Einsamkeit und Verletzlichkeit weckt Emma fast so etwas wie einen Beschützerinstinkt im Zuschauer. Gleichzeitig hoffen wir darauf, dass sie selbst zur Beschützerin für den kleinen Jungen wird, dem sie sich schon sehr bald - nicht nur durch ihre Schuldgefühle, weil sie ihn zur Adoption freigegeben hat - verbunden fühlt.
Verpackt in eine Fantasygeschichte findet sich in Once Upon a Time das Potential für einige sehr bewegende emotionale Konflikte, die der Serie eine Grundierung geben, durch welche die Frage, ob Emma den Fluch der bösen Königin brechen kann, überhaupt erst relevant und spannend wird. Als Henry sich am Ende der Pilotfolge freut, weil der Zeiger der Kirchturmuhr eine Minute weitergesprungen ist, da freuen wir uns mit ihm - aber nicht nur, weil die Prophezeiung damit wahrgeworden ist, sondern vor allem, weil ein kleiner Junge in diesem Augenblick den Beistand und die Zuwendung seiner Mutter erfährt. Wen könnte das nicht berühren?
Fazit
Episch, farbenprächtig, intelligent und berührend - Once Upon a Time liefert einen äußerst bemerkenswerten Piloten ab, der zumindest beim Rezensenten keinen Zweifel gelassen hat: Von dieser Serie will ich mehr sehen!