On Becoming a God in Central Florida 1x01

© irsten Dunst beweist sich in On Becoming a God in Central Florida als taffe Self-Made-Woman... (c) Showtime
Das zutiefst verletzliche Ego des angeblich stärkeren Geschlechts zerstört seit Anbeginn der Menschheit Familien, Unternehmen oder sogar ganze Königreiche. Fast jeder Konflikt - sei es im Kleinen oder Großen - ist darauf zurückzuführen, dass irgendein Mann neidisch war auf irgendwas, das einem anderen Mann gehörte. Oder man hat selbst schon alles und will trotzdem immer mehr. Oft wird der Wunsch, Frau und Kinder zu versorgen, vorgeschoben, obwohl eigentlich nur der eigene Stolz gefüttert werden will. Es geht darum, ein „Alphatier“ zu sein und „an der Spitze der Nahrungskette“ zu stehen.
Tatsächlich alles zu haben, gelingt natürlich nur den wenigsten. Trotzdem funktioniert der Kapitalismus, da scheinbar selbst die geringste Aussicht auf Erfolg noch ausreicht, um uns bei der Stange zu halten. Einige, die sich für besonders clever halten, glauben an Abkürzungen zum Wohlstand. Leute, die es bereits geschafft haben, trichtern ihnen ein, dass auch sie es schaffen können, wenn sie ihnen nur ein kleines bisschen Geld geben, um die ganz, ganz großen Geheimtipps zu erfahren.
Vor allem in den Vereinigten Staaten wurde der American Dream von solchen Rattenfängern pervertiert. Donald Trump baute seine gesamte Laufbahn darauf auf, dem „kleinen Mann“ zu zeigen, wie er vermeintlich ein ganz Großer werden kann. Hierzulande kommt einem als Pendant der Rapper Kollegah in den Sinn, der neuerdings seine besonders blauäugigen Fans zu sogenannten „Alpha Mentorings“ lockt. Das System an sich ist aber selbstverständlich schon viel älter. Und es steckt so viel Tragikomik darin, dass der Kabelsender Showtime mit der Gesellschaftssatire On Becoming a God in Central Florida nun eine ganze Serie dazu gedreht hat. Dank der wunderbaren Kirsten Dunst (Fargo) geht das Ponzi-Schema auf...
Go-getters go get
Kreiert wurde die düstere Dramedy, die in ihrer Auftaktstaffel zunächst zehn Episoden umfassen soll, von Robert Funke und Matt Lutsky (hierzulande hat sie übrigens noch keinen offiziellen Abnehmer). Für die Regie der Pilotepisode mit dem schönen Titel The Stinker Thinker war anfangs der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos („The Favourite“) vorgesehen, der dann aber durch Charlie McDowell („The One I Love“) ausgetauscht wurde. Ebenfalls zum Cast gehören Ted Levine (Monk), Théodore Pellerin („Der verlorene Sohn“), Mel Rodriguez (The Last Man on Earth) und Popstar Beth Ditto.
Stilistisch lässt sich die Serie irgendwo zwischen der Sommerkomödie Lodge 49 und dem TNT-Drama Claws verorten. In der Tat gelingt es dem Maestro McDowell gleich in der ersten Folge, eine packende Atmosphäre heraufzubeschwören, die On Becoming a God in Central Florida auch dann noch trägt, wenn die Handlung in der schwülen Hitze hin und wieder einschläft. Doch auch die Darbietung von Dunst dürfte die Zuschauerinnen und Zuschauer bei Laune halten - vor allem, wenn sie schon an ihrem fantastischen Auftritt in der zweiten Staffel von Fargo Freude hatten.

Dunst spielt die Protagonistin Krystal Gill, die in der ersten Episode allerdings noch als Nebenfigur zu sehen ist. Stattdessen steht ihr Mann Travis (Alexander Skarsgard) im Zentrum, der einer dieser Männer ist, die unzufrieden mit sich sind und sich daher ins Chaos stürzen und ihre Familie gleich mitreißen. Vom jungen Möchtegern-Entrepreneur Cody (Pellerin) lässt er sich dazu bequatschen, seinen sicheren „J.O.B.“ bei einer Versicherung zu kündigen, um bei einem dubiosen Schneeballsystem namens „FAM“ einzusteigen. Doch auch Cody, der die Gill-Sippe damit verdammt, steht nicht an der Spitze der Betrugspyramide. Auch er ist nur ein verblendeter Mitläufer, der vom obersten Boss ausgequetscht wird.
Besagter Boss heißt Obie und wird gespielt von Levine, der mit seinem mächtigen Schnurrbart perfekt in die Rolle passt. Er ist der Einzige, für den sich das erfolgsversprechende Geschäftsmodell tatsächlich auszahlt. Sein Charme schwankt dabei zwischen Südstaaten-Gentleman und Sektenführer. Doch selbst er verblasst, als die anfangs so schüchterne Krystal voller Wut im Bauch allmählich anfängt, ihr gesamtes Potential abzurufen. Wofür ihr Mann zu dumm oder schwach war, schafft sie nun im Alleingang - und das auch noch als Mutter eines Babys, das den passenden Namen Destinee trägt.
In den kommenden Folgen wird Dunsts Alter Ego in On Becoming a God in Central Florida wohl eine Wandlung durchmachen, die die Serie, die interessanterweise ursprünglich für YouTube produziert werden sollte, auch zum Titel „Breaking Badass“ legitimiert hätte. Ihre Zahnspange tauscht sie gegen Kippen ein. Und statt des Busses nimmt sie nun ein Quadbike zur Arbeit - wobei fraglich ist, wie lange sie sich noch mit dem Mindestlohn zufriedengeben wird, den sie im Wasserpark verdient. Warum den ehrlichen Weg nehmen, wenn der zwielichtige Weg so gut ausgeleuchtet ist?
Fazit
In der Showtime-Serie On Becoming a God in Central Florida kommt viel Gutes zusammen: eine wie gewohnt großartig aufgelegte Kirsten Dunst, ein stimmungsvoller und noch nicht allzu sehr ausgelutschter Handlungsort, ein schwarzer Sinn für Humor, der fast schon an die Filme der Coen-Brüder erinnert, und jede Menge zeitgemäße Kapitalismuskritik.
Vermutlich sind die meisten in ihrem privaten oder professionellen Umfeld irgendwann schon mal mit einer Person in Kontakt gekommen, die auf unangenehme Weise versucht hat, an Geld zu kommen - und zwar mit dem windigen Versprechen, dass es sich für einen selbst früher oder später sicherlich auszahlen werde. In der Serie werden ebenjene Leute als die tragischen Verlierer dargestellt, die sie sind, während zugleich ein interessanter Einblick in ihre Psyche geboten wird. Daumen hoch!
Trailer zur Showtime-Serie On Becoming a God in Central Florida:
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 26. August 2019On Becoming a God in Central Florida 1x01 Trailer
(On Becoming a God in Central Florida 1x01)
Schauspieler in der Episode On Becoming a God in Central Florida 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?