Mit der Titelrolle in Olive Kitteridge hat sich Frances McDormand selbst übertroffen. Die vierteilige Miniserie erzählt die Geschichte einer verbitterten Frau, die mit ihrer Einsamkeit konfrontiert wird. Ein packendes Drama zwischen Tragik und Komik.

Frances McDormand als „Olive Kitteridge“ / (c) HBO
Frances McDormand als „Olive Kitteridge“ / (c) HBO

Pharmacy

Die vierteilige Miniserie Olive Kitteridge erzählt die Geschichte der Titelfigur über einen Handlungsstrang, der insgesamt 25 Jahre umspannt. Der erste Teil, Pharmacy, der Adaption des gleichnamigen Bestsellers beginnt mit einer Rahmung, die erst im vierten Teil, Security, wieder aufgegriffen wird. Wir sehen, wie Olive (Frances McDormand) ihren Suizid perfekt zu planen scheint. Doch bevor der Zuschauer erfährt, warum sie sich mit dem Revolver im Wald erschießen will, springt die Handlung ganze 25 Jahre zurück.

25 Jahre zuvor arbeitet Olive als Mathelehrerin in der Hafenstadt Crosby. Ihr Ehemann Henry (Richard Jenkins) führt derweil seine eigene kleine Apotheke. Nachdem überraschend seine Mitarbeiterin stirbt, stellt er Denise (Zoe Kazan) ein, mit der er sich auf Anhieb prächtig versteht. Von Olive spöttisch als „Mouse“ betitelt, stellt sie sich gleichzeitig das genaue Gegenteil von ihr dar. Während Olive selbstbezogen, emotionslos und bestimmend wirkt, ist Denise dagegen liebenswert, aufgeschlossen und äußerst emotional. Diese Charaktereigenschaften passen trotz des erheblichen Altersunterschieds sehr zu Henry, der sich wie ein Vater um Denise kümmert, was vor allem nach dem Tod ihres Ehemanns (Brady Corbet), der ebenfalls Henry heißt, nicht abebbt.

Peter Mullan als Jim O%26#039;Casey und Frances McDormand als Olive Kitteridge. © HBO
Peter Mullan als Jim O%26#039;Casey und Frances McDormand als Olive Kitteridge. © HBO

Während ihr liebevoller Ehemann somit zumindest mental auf Abwegen zu sein scheint, hat auch Olive einen anderen Mann im Auge. Ihr alkoholabhängiger Kollege Jim O'Casey (Peter Mullan) mag zwar nicht den hohen moralischen Ansprüchen von Olive gerecht werden. Jedoch schafft er es mit seiner ebenfalls dem Leben recht abtrünnigen Sichtweise, ihrer oft verbittert wirkenden Miene so manches Lächeln abzuringen. Allerdings wird ihm sein Laster zum Verhängnis, als er sich betrunken in den Tod fährt. Ab diesem Zeitpunkt wird das Verhältnis zwischen Olive und Henry immer kälter.

Dies geht auch nicht an ihrem Sohn Christopher (in Alter von 13 Jahren von Devin Druid dargestellt) nicht vorbei. Er hat es unter der Erziehung seiner Mutter nicht sehr leicht, bekommt sehr viel von den Eheproblemen seiner Eltern mit und kann vor allem nicht verstehen, warum sich seine Mutter um die psychisch erkrankte Rachel Coulson (Rosemarie DeWitt) und dessen Sohn Kevin (John T. Mullen) kümmert. Der erste Teil endet schließlich damit, dass Henry Denise mit Jerry (Jesse Plemons, bekannt als Todd aus Breaking Bad) verkuppelt und sich wieder seiner Ehefrau zuwendet.

Incoming Tide

Der zweite Teil beginnt mit einer Szene zwischen dem jungen Kevin und seiner Mutter Rachel. Diese hat Halluzinationen und jagt damit ihrem Sohn eine massive Angst ein. Die Handlung macht daraufhin einen Zeitsprung: Wir sehen Kevin (nun dargestellt von dem aus Gotham bekannten Cory Michael Smith), wie er als erwachsener Mann zurück nach Crosby gekommen ist und versucht, sich in einem Auto das Leben zu nehmen. Allerdings hat er die Rechnung ohne Olive gemacht, die ihn überrascht und davon abbringt. Dabei werden sie Zeuge, wie Patty Howe (Rachel Brosnahan) von einer Flut erwischt wird. Die beiden können Patty jedoch das Leben retten.

Nebenbei wird auch das Band zwischen Olive und den Coulsons angedeutet, da sie anscheinend eine Affinität zu Charakteren hat, die die Welt anders als andere sehen, was vor allem in einem Dialog mit Christopher (als Erwachsener von John Gallagher Jr. dargestellt) deutlich wird. Christopher steht nämlich kurz vor seiner Hochzeit mit der äußerst oberflächlich wirkenden Suzanne (Libby Winters), was Henry äußerst erfreut, bei Olive jedoch auf Abneigung stößt. Auch mit Suzannes Mutter Joyce (Patricia Kalember) kommt sie nicht zurecht und lässt sie immer wieder auf ihre abgebrühte Art stoßen.

Richard Jenkins als Henry und Frances McDormand als Olive Kitteridge © HBO
Richard Jenkins als Henry und Frances McDormand als Olive Kitteridge © HBO

Olive wird im Zuge dieser perfekt arrangierten Hochzeit mit ihrer Andersartigkeit und ihrem Problem des sozialen Interagierens konfrontiert. Während sie sich mit Kevin gut versteht, stößt sie bei ihrem depressiven Sohn auf taube Ohren. Als sie sich ein bisschen zur Ruhe legen will, hört sie einige verletzende Aussagen von ihrer neuen Schwiegertochter. Diese macht sich über ihr Verhalten und ihr selbst genähtes Kleid lustig. Was folgt, ist eine der wohl prägnantesten Szenen der Miniserie: Olive klaut einen Schuh, einen Ohrring und bemalt heimlich einen von Suzannes Pullovern. Am Ende sehen wir, wie Suzanne auf der Suche nach dem Ohrring ihre Kontrolle verliert und Olive somit ihr Ziel erreicht.

Der Kontrast zwischen Olive und Henry wird so weiter ausgebaut. Während es Olive nicht schafft, ihre Eigenheiten zu überspielen, kommt ihr Henry stets mit Verständnis und Zuneigung entgegen. Er versucht immer wieder vergebens, sie von den positiven Aspekten der Ehe zwischen Christopher und Suzanne zu überzeugen. Jedoch schafft es Richard Jenkins, der den Optimismus Henrys niemals fallen lässt, dass gerade diese Unterschiedlichkeit die beiden umso näher wirken lässt. Sie sind in ihrer Ehe zu zwei Polen geworden, und es bleibt unklar, ob sie sich gegenseitig anziehen oder abstoßen.

A Different Road

Christopher und Suzanne haben es anscheinend nicht in der Nähe von Olive und Henry ausgehalten. So beginnt der dritte Teil, A Different Road damit, wie das Haus der beiden potentiellen Mietern vorgestellt wird. Darüber hinaus scheint sich Olives Prophezeihung, dass die Ehe zwischen Suzanne und Christopher nicht funktioniert, bewahrheitet zu haben, da sie sich scheiden lassen wollen. Während Henry sehr bestürzt darüber ist, nimmt Olive diese Nachricht eher gelassen zur Kenntnis. Ihrer Meinung nach wollte Suzanne immer einen besseren Mann als Christopher.

Allerdings muss sich auch die Ehe von Olive und Henry ziemlich harten Proben unterziehen. Nach einem Abendessen mit Harmon (Ken Cheeseman) und Bonnie Newton (Ann Dowd) bekommt Olive Darmprobleme, woraufhin die beiden das nächste Krankenhaus ansteuern. Doch bevor sie überhaupt untersucht werden kann, betreten zwei maskierte Männer das Krankenhaus und nehmen die beiden als Geiseln. In dieser Stresssituation, die sich für Henry und Olive fernab ihres sonst so tristen Alltags befindet, kommen so manche Emotionen ans Tageslicht. Sie werfen sich gegenseitig ihre potentiellen Affären vor, die sie in Pharmacy beinahe begangen hätten, und stellen fest, dass keiner von beiden es sehr lange damit ausgehalten hätte. Nichtsdestotrotz entscheiden sie sich gegen eine Aufarbeitung der angesprochenen Themen, obwohl Henry noch immer an Denise denkt, was sich darin äußert, dass er eine Schale aus dem von ihr geschenkten Holz schnitzt.

Frances McDormand als Olive und John Gallagher Jr. als Christopher Kitteridge © HBO
Frances McDormand als Olive und John Gallagher Jr. als Christopher Kitteridge © HBO

Ihre Ehe erweist sich dabei als wesentlich belastbarer, als es zuvor den Anschein hatte. Am Ende ihrer 60er angelangt, werden die physischen Belastungen immer größer, was schließlich in einem Schlaganfall mündet. Henry verliert die Fähigkeiten, zu sprechen und sich zu bewegen, und wird deshalb in einem Altenheim untergebracht. Olive wird dabei immer weicher und zutraulicher ihrem Mann gegenüber. Sie besucht ihn jeden Tag, wäscht ihn und scheint nun die Nähe zurückgeben zu können, die sie all die Jahre von ihm bekam. Das fällt Christopher jedoch wesentlich schwerer, der es nicht schafft, mit seinem sonst so lebendigen Vater in dieser neuen Situation umzugehen.

Diese Veränderung und die damit einhergehende Einsamkeit - da sie nun ihren Sohn und ihren Mann gewissermaßen verloren hat - erschüttern Olive in ihren Grundfesten. Das zeigt sich im Besonderen darin, dass sie Louise Larkin (Donna Mitchell) einen Besuch abstattet, da sie von ihr eine Karte der Anteilnahme bekam. Jedoch stößt sie nicht auf Mitgefühl, was in einer Mischung aus Rückblende und Traumsequenz deutlich wird. Am Ende der Episode stellt sich Olive die alles entscheidende Frage: „Who the hell do I think I am?

Security

In Security, dem vierten und letzten Teil von Olive Kitteridge, wird Olive mit ihrer Distanz zu der Moderne konfrontiert. Sie fliegt vier Jahre nach den Ereignissen in A Different Road nach Brooklyn, um Christopher und dessen neue Frau Ann (Audrey Marie Anderson) sowie ihre beiden Kinder zu besuchen. Darüber hinaus ist Ann noch schwanger von Christopher, was Olive erst wesentlich später erfuhr. Neben ihren Bemühungen, mit der neuen Familie ihres Sohnes zurechtzukommen, sind es vor allem die regelmäßigen Anrufe bei Henry, die aufzeigen, wie weit sich Olive emotional geöffnet hat.

Jedoch sind die Welten zwischen ihr und Christopher einfach zu weit voneinander entfernt. Nach einer Konfrontation über die Erziehung eskaliert die Situation. Olive reist ab und bricht daraufhin den Kontakt zu Christopher ab. Als sie jedoch zurück in Crosby ist, muss sie feststellen, dass sie ihren Mann verloren hat. Ihre Trauer tränkt sie dabei wie so oft in Vorwürfe gegenüber dem Personal des Altersheim.

Olive (Frances McDormand) beschließt
Olive (Frances McDormand) beschließt

Sechs Monate später spielt sich ihr Leben in Tristess und Einsamkeit ab. Bei einem Hundespaziergang trifft sie allerdings auf den von Bill Murray gespielten Jack Kennison. Dieser ist genauso müde vom Leben, da er ebenfalls seit kurzem Witwer ist. Ab dem Moment des Zusammentreffens der beiden spielen sich Murray und McDormand dermaßen aneinander hoch, dass es für den Zuschauer ein Genuss ist zu sehen, wie locker Jack mit den Macken Olives umgeht. Sie verabreden sich zum Essen und stellen dabei fest, wie ähnlich sie sich sind. Jack durchschaut dabei Olives raue Fassade, was ihr jedoch Angst macht. Sie verlässt das Restaurant und zahlt ihre Rechnung selbst.

Sie hat schließlich ein klares Ziel vor Augen: Sie wartet auf den Tod ihres Hundes, um sich selbst das Leben nehmen zu können. Daraufhin schließt sich endlich die Rahmung, die in Pharmacy geöffnet wurde. Jedoch wird ihr Suizidversuch, so wie der von Kevin in Incoming Tide, unterbrochen, als ein Paar Kinder ins Spiel kommen. Olive bricht emotional zusammen und findet kein Ende für ihr Leben.

Stattdessen stattet sie Jack einen Besuch ab und öffnet sich ihm. In diesem fulminanten Ende der vierteiligen Miniserie offenbart Frances McDormand die Schwierigkeit ihres Charakters. Die Welt, in der sie lebt, verwirrt sie. Ihre besondere Denkweise ist nicht mit dem um sie herum stattfindenden Leben kompatibel. Dennoch will sie noch nicht aus dem Leben scheiden. Wir sehen die beiden Arm in Arm liegen und bekommen das Gefühl vermittelt, dass sich da zwei Menschen nahekommen, die sich bereits sehr nahe sind.

Fazit

Mit Olive Kitteridge zeigt der US-Sender HBO mal wieder, was er am besten kann: gutes Drama erzählen. Dies liegt zum einen an der Geschichte der renommierten Buchvorlage von Elizabeth Strout, zum anderen an Frances McDormands außergewöhnlichen Charakterdarstellung. Sie zeichnet ihre Olive Kitteridge mit einer Härte aus, die zwar keine Abweichung duldet, jedoch gleichzeitig zu jeder Zeit vermittelt, dass dahinter ein zutiefst verletzbarer Charakter steckt. Dieser Zug wird dabei im Laufe der Geschichte immer deutlicher und gräbt sich seinen Weg ans Tageslicht. Dabei hilft ihr auch auf unfreiwilliger Ebene das Selbstbild, das ihr Sohn Christopher ihr aufzeigt.

Frances McDormand als Olive Kitteridge und Bill Murray als Jack Kennison © HBO
Frances McDormand als Olive Kitteridge und Bill Murray als Jack Kennison © HBO

So sieht sie schließlich ein, dass sie ihren verstorbenen Ehemann bewusst für den Verlust des von ihr begehrten Jim O'Casey hat leiden lassen. Die moralischen Ansprüche, mit denen sie der Welt entgegenging, bauen sich allmählich ab und münden schließlich in der sich aufbauenden Beziehung zu Jack. In ihrer Unfähigkeit zum Glücklichsein sind die beiden vereint und zeigen dabei auf, dass der Tod nicht der einzige Ausweg aus einem einsamen Leben sein muss.

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