Oderbruch 1x01

Oderbruch 1x01

Mit „Oderbruch“ setzt die ARD weiter auf neue Konzeptideen, um ein jüngeres und genreaffines Publikum zu begeistern. Ausgehend von der Pilotfolge der achtteiligen Crime-Mysteryserie könnte der Plan aufgehen, wie unser Review zur ersten Episode zeigt.

Maggie Kring (Karoline Schuch) in der Serie „Oderbruch“
Maggie Kring (Karoline Schuch) in der Serie „Oderbruch“
© ARD Degeto/Syrreal Dogs GmbH/CBS Studios/Stefan Erhard

Das passiert in der Crime-Mysteryserie „Oderbruch“

Als in der 100-Seelengemeinde Krewlow in der Serie Oderbruch ein Berg mit 100 Leichen und dutzenden Tierkadavern entdeckt wird, wird der aus dem Ort stammende Ermittler Roland Voit (Felix Kramer) in seine alte Heimat beordert, um Befragungen durchzuführen. Die ersten Untersuchungsergebnisse fördern allerdings ebenso mysteriöse wie erschreckende Ergebnisse zutage, denn es handelt es sich samt und sonders um Menschen, die innerhalb der letzten 50 Jahre eines gewaltsamen Todes starben.

Doch was ist das Motiv und wer sind die Täter? Und was hat Voits ehemalige Kollegin Magdalena Kring (Karoline Schuch) und ihr 95-jähriger Vater damit zu tun, den die polnische Polizei bereits 1947 eines Doppelmords verdächtigte und der in den Vernehmungen schweigt? Roland und sein polnischer Kollege Stanislaw Zajak (Lucas Gregorwicz) ahnen noch nicht, dass sie in eine Geschichte voller Rätsel und Mysterien verwickelt sind, die sich erst nach und nach aufklären wird.

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Die Ausgangslage

Arthur Kring (Volkmar Kleinert) und seine Frau Minna (Bettina Wegner) geraten unter Verdacht.
Arthur Kring (Volkmar Kleinert) und seine Frau Minna (Bettina Wegner) geraten unter Verdacht. - © ARD Degeto/Syrreal Dogs GmbH/CBS Studios/Stefan Erhard

Oderbruch“ schreit aus tiefstem Herzen Mystery und führt damit den positiven Trend der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, eigene Genre-Produktionen ins Portfolio aufzunehmen, fort. Im Gegensatz zu den ersten zaghaften Versuchen werden die Produktions-Teams immer mutiger und trauen sich inzwischen was. So auch in der von Arend Remmers, Christian Alvart, Martin Behnke und Ronny Schalk geschriebenen Geschichte, die nicht grundlos in einer der eher dünn besiedelten Landschaften Deutschlands spielt.

Das Oderbruch war der Schauplatz der Schlacht um die Seelower Höhen, in der sich 190.000 deutsche sowie rund eine Million sowjetischer Soldaten gegenüberstanden und die mit über 100.000 Opfern (davon über 40000 Gefallene) die verlustreichste Schlacht auf deutschem Boden markiert. Noch heute finden Anwohner und Forscher von Zeit zu Zeit Überreste von im Kampf getöteter Menschen, die im sumpfigen Boden versanken und immer wieder auf beinahe gespenstische Weise an die Oberfläche kommen.

Diese Tatsache nahmen die Autoren unter anderem als Anlass für eine düstere Geschichte, die von Anfang an darauf abzielt, kein klassischer Thriller zu sein. Zwei Angler wandern im Gebiet der 100-Seelen-Gemeinde Krewlow im Morgengrau über das Bruch und stoßen auf einen grausigen Fund. Eine halb skelettierte Leiche ragt aus dem Boden. Mutet der Anblick zwar schrecklich aber zumindest nicht vollends unbekannt an, so doch aber der, der sich den beiden Wanderern dahinter bietet. Ein riesiger Berg Leichen und Tierkadaver türmt sich vor ihnen auf, den irgendjemand dort aus unbekannten Gründen über Nacht aufgetürmt haben muss.

Der ungewöhnliche Fall ruft in „Oderbruch“ eine Sonderkommission auf den Plan, die sich Hilfe suchend an den aus dem Dorf stammenden Ermittler Roland Voit wendet, der allerdings aufgrund negativer Erlebnisse zur Zeit der großen Oderüberschwemmung im Jahr 1997 nicht erbaut von dem Gedanken ist, in seiner alten Heimat die Einwohner befragen zu müssen. Schnell wird klar, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Leichentuch des Schweigens über Krewlow gelegt hat. Der Körperberg befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Landwirts Kring, dessen Sohn während der Überschwemmung auf tragische Weise starb und dessen Tochter Voits Ex-Kollegin Magdalena ist.

Magdalena glaubt wiederum nicht an einen natürlichen Tod ihres geliebten Bruders, der unter der tyrannischen Herrschaft seines Vaters litt. So offenbart sich dem Publikum ein psychologisch tiefgehendes Familiendrama, das im Verlauf der Serie sicherlich noch eine intensivere Betrachtung erfährt. Andererseits sind die Protagonisten auf die eine oder andere Art in irgendwelche Seilschaften verstrickt, was dazu führt, dass sie dem vor Ort mit einem Großaufgebot ermittelnden deutsch-polnischen Polizeiteam sehr zugeknöpft gegenübertreten. So geht man als Zuschauender schnell dazu über, die dargebotenen spärlichen Fakten zu kombinieren, womit ein gut geschriebener und inszenierter Crime-Faktor ins Spiel kommt. Das steigert das Interesse an der Geschichte, die allerdings aufgrund der Ausgangslage ohnehin bereits genügend Spannungspotential bietet.

Stilmittel

Die Soko Krewlow riegelt den Fundort auf einem brachliegenden Acker ab.
Die Soko Krewlow riegelt den Fundort auf einem brachliegenden Acker ab. - © ARD Degeto/Syrreal Dogs GmbH/CBS Studios/Stefan Erhard

Um das Publikum auf die Fährte der Vergangenheit zu führen und erläuternd in den Plot einzugreifen, bedient sich das Autoren-Team einer asynchronen Erzählweise, die neben den Geschehnissen der Gegenwart auch die der Vergangenheit in Form von Flashbacks beinhaltet. Sicherlich ist dies eine in modernen Narrativen häufig und bisweilen auch inflationär eingesetzte Technik, doch Alvart und seine Kollegen haben sich zur Auflockerung durchaus etwas einfallen lassen. Sie lassen Magdalena die Erinnerungen zumindest zum Teil in Form von fast wahnhaft lebendigen Erinnerungen erleben. So sieht sie etwa die Leichen zweier Jugendlicher auf dem Weg liegen, als sie sich dem Fund des Leichenberges nähert und Ähnliches.

Das alles passt gut zur düsteren und geheimnisvollen Stimmung der Geschichte von Oderbruch, die uns zudem offenbart, dass Magdalenas Vater in den Fund verwickelt sein könnte. Denn er selbst war 1947 des Mordes an zwei auf seinem Land beschäftigten Landarbeitern verdächtig, wobei ihm die polnische Polizei seinerzeit nichts nachweisen konnte. Noch mysteriöser wird die Geschichte, als die Forensiker herausfinden, dass die rund 100 Leichen innerhalb der letzten 50 Jahre ermordet und mehreren von ihnen literweise Blut entnommen wurde.

Damit steht die Frage nach Ritualmorden durch eine gefährliche Sekte im Raum, die in Krewlow ihr Unwesen treibt und deren Mitglieder seit Generationen ihr Unwesen treiben. Inwieweit uns der von einem Kollegen Voits geäußerte Verdacht in die Irre führt oder sich verdichtet, zeigt sich in den kommenden sieben Episoden von Oderbruch. Doch die Vermutung liegt nahe, dass es nicht einfach nur um einen Serienmörder geht, den Voit und sein Kollege Zajak in schlichter Krimimanier zur Strecke bringen. Dafür ist der Mantel des Schweigens der Dorfgemeinschaft zu dick und die Figuren in charakterlicher Hinsicht zu seltsam gestrickt.

Fazit

Die Pilotfolge von „Oderbruch“ weist auf ein komplexes Story-Telling, eine starke Bildsprache und eine routinierte Inszenierung hin. Drohnenbilder, die die ungewöhnliche Landschaft atmosphärisch von oben einfangen, Over-the-Shoulder- und Ego-Perspektive-Shots für ein SEK-Kommando, in Dialogen eingesetzte Nahe und Halbnahe sowie das vor allem am Tatort auffallend lange Draufhalten auf den Leichenberg, ein Schockmoment zum Ende. All dies macht durch Spannungsaufbau Lust auf mehr.

Wenn man eine Kritik anbringen möchte, dann dass die Pilotfolge noch nicht klar herausarbeitet, wohin die Reise mit Voit und Zajak geht. Die Chemie zwischen den beiden Figuren lässt sich nicht gerade als funkensprühend definieren und die beiden Protagonisten begegnen sich mit einer für das Publikum unbequemen Kühle, die entweder auf die falsche Wahl des einen oder anderen Hauptdarstellers oder einen beabsichtigten narrativen Kniff hinweisen könnte. Denn es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sowohl der deutsche als auch der polnische Ermittler persönlich in den Fall involviert sind, auch wenn die Pilotfolge den Gedanken nicht kommuniziert.

Allerdings gibt sich der gesamte Cast überaus introvertiert, so dass man davon ausgehen kann, dass die mangelnde Sympathie für die Protagonisten beabsichtigt ist, was zum Stil von Christian Alvart durchaus passen würde. Dass eine solche Figurenzeichnung aber nicht jedermanns und jedefraus Sache ist, ist offensichtlich. Insofern ist es durchaus mutig, die Geschichte auf figürlicher Ebene auf diese Art anzugehen, wobei sich nicht verleugnen lässt, dass das Gesamtbild gut zusammenpasst und neugierig macht.

Vier von fünf Punkten

Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 19. Januar 2024
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Oderbruch 1x01)
Titel der Episode im Original
Alte Geister
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 19. Januar 2024 (Das Erste)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Freitag, 19. Januar 2024
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 19. Januar 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 19. Januar 2024

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