Occupied 1x01

Occupied ist eine Serie, die perfekt ins Jahr 2015 passt. Euro- und Flüchtlingskrise haben die Europäische Union auf eine harte Probe gestellt. Wiederholt wurden uns die tiefen Gräben innerhalb Europas vor Augen geführt: Zwischen Nord- und Südeuropa, wenn es um Fragen des Geldes geht. Zwischen West- und Osteuropa, wenn es um die ganz grundlegenden Werte der Mitmenschlichkeit geht. Sogar ein Auseinanderfallen der EU wird von manchen Kommentatoren für möglich gehalten. Die aktuelle Terrorkrise schweißt die europäischen Länder zwar tendenziell wieder zusammen, wie es oft der Fall ist, wenn man sich einem gemeinsamen Feind gegenübersieht. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dieses Zusammenrücken von langer Dauer sein wird.
Occupied passt deshalb so gut in diese Zeit, weil die norwegische Serie den Faden nur ein kleines Stückchen weiterspinnt: Im Anschluss an eine schwere Sturmkatastrophe haben in Norwegen die Grünen die Regierung übernommen. Der neue Ministerpräsident Jesper Berg (Henrik Mestad) sieht den Klimawandel als die größte Bedrohung der Menschheit. Seine Regierung verkündet deshalb den Stopp der gesamten Öl- und Gasproduktion des Landes.
Die EU reagiert auf die Maßnahmen mit Sanktionsdrohungen. Um eine Energiekrise in Europa abzuwenden, geht Brüssel aber sogar noch einen Schritt weiter: Man verbündet sich mit Russland - gegen Norwegen. Russische Truppen besetzen Bohrplattformen und andere Förderanlagen, um die Produktion fossiler Brennstoffe wieder anzukurbeln. Berg empört sich über die Verletzung der norwegischen Souveränität und die Missachtung des demokratischen Willens der Norweger. Er will aber auch ein unnötiges Blutvergießen vermeiden. Deshalb fügt er sich dem Willen der Besatzer. Doch wie wird das Volk reagieren, wenn es merkt, dass es unter Kuratel steht?
Alte Feindbilder?
Die Diskussion um die Serie fokussierte sich bereits vor dem Sendestart in Norwegen sehr stark auf den Aspekt, dass es die Russen sind, welche in Norwegen einfallen. Der russische Botschafter in Norwegen hatte sich deshalb im Vorfeld beschwert - und daran erinnert, dass es Russland gewesen ist, das Norwegen im Zweiten Weltkrieg von der Besatzung der Deutschen befreit hat.
Der Ärger der Russen ist nicht ganz unverständlich. Ja, Occupied ist eine fiktionale Serie. Dessen ungeachtet sind natürlich auch und gerade fiktionale Erzählungen dazu geeignet, Stimmungen für beziehungsweise gegen Länder und Menschen herzurufen. Oder zu verstärken. Und so macht es aus Sicht der Russen die Sache wohl auch kaum besser, dass Occupied bereits vor der Ukraine-Krise entwickelt worden ist. Im Gegenteil: Es signalisiert ihnen, dass sie auch unabhängig von der Ukraine als Feindbild in den Köpfen existieren.
Ökonomische Logik?
Die Argumentation von Ko-Autorin Karianne Lund in unserem Interview, dass man sich für Russland entschieden habe, einfach weil es die Norwegen am nächsten gelegene Großmacht ist (und man der EU offenbar nicht genügend Einigkeit und Entschlusskraft zugetraut hat), ist absolut nachvollziehbar. Trotzdem ist die Rolle Russlands in Occupied der einzige größere Kritikpunkt an der Serie. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass - zumindest in der Pilotfolge - die Russen nichts anderes als Handlager der EU sind. Es ist noch nicht einmal ein großer, böser Putin (oder eine fiktionale Entsprechung des russischen Präsidenten), der da im Hintergrund steht. Stattdessen sind die Russen einfach nur der Dienstleister fürs Grobe.
Das bereitet Bauchschmerzen. Zumal es ja außerdem so ist, dass Russland als großer Öl- und Gaslieferant eigentlich ein überragendes Interesse an genau den hohen Energiepreisen hätte, die ein Ausstieg Norwegens aus der Förderung zur Folge hätte. Würde das Szenario aus Occupied, dass Norwegen der Brennstoffproduktion den Rücken kehrt, jemals Wirklichkeit werden, dann könnte das Land wohl ziemlich sicher darauf vertrauen, dass Russland als Schutzmacht an seiner Seite stünde. Nicht aus altruistischen Motiven, sondern aus purem Eigeninteresse. Ein Konkurrent verlässt den Ölmarkt - da würden in Moskau die (Krim-)Sektkorken knallen.
Globale Dimension
Allein das ist natürlich wiederum ein ganz großer Pluspunkt der Serie: Sie lädt den Zuschauer zum Nachdenken und Diskutieren internationaler Beziehungen ein. So viel von dem, was auf der Welt geschieht, ist globaler Natur. Gleichzeitig gibt es aber nur wenige Serien, die nicht nur die Beziehung zwischen Figuren, sondern auch ganz explizit die Beziehung zwischen Staaten in den Blick nehmen.
Düsteres Bild
Was Occupied so spannend macht, ist nicht zuletzt die aktuelle Relevanz der Themen: Wie ist es eigentlich innerhalb Europas mit der Achtung des demokratischen Willens und der staatlichen Souveränität bestellt? Im Falle Griechenlands hat alle Welt gesehen, was der Wille der griechischen Wähler wert gewesen ist: gar nichts. Mit den Schulden hat Griechenland, wie es scheint, seine demokratischen Rechte verwirkt. Occupied geht noch einen Schritt weiter: zum offenen Raubüberfall. „Du lieferst uns keinen Sprit mehr, Norwegen? Dann holen wir ihn uns. Ob Du willst oder nicht.“
Es ist ein düsteres, ein sehr düsteres Bild, das Occupied vom Zustand Europas zeichnet. Das Erschreckendste daran: dass es allenfalls graduell übertrieben ist.
Kapitulation oder Widerstand?
Vor allem aber handelt Occupied natürlich davon, wie die Norweger nun ihrerseits mit dieser Situation umgehen. Sich fügen, sich mit der Situation arrangieren oder aufbegehren? Kapitulation oder Widerstand? Das ist die grundlegende Frage, vor der die Figuren in der Serie gestellt werden. Auch das ist angesichts der überwältigenden Mächte und Kräfte, die unsere Welt und unser Leben formen und gegen die man oftmals hilflos scheint, eine höchst relevante Frage unserer Zeit.
In vielerlei Hinsicht kommt einem der fiktionale norwegische Ministerpräsident Berg dabei wie eine Öko-Variante des griechischen Premierministers Alexis Tsipras vor. Wie Tsipras glaubt auch Berg aus Verantwortung für sein Land eine 180-Grad-Wende seiner ursprünglich angestrebten Politik vornehmen zu müssen. Er beugt sich der (vermeintlichen?) „Alternativlosigkeit“. Gleichzeitig wächst in der Bevölkerung - mit dem zunehmenden Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung - die Bereitschaft zum Widerstand.
Fazit
Eindrucksvoll zeigt Occupied, wie sich auf spannende Weise Gegenwartsthemen erzählen lassen. Und wie man auch die Zukunft in den Blick nehmen kann, ohne dass aus der Serie daraus automatisch Science Fiction würde. Die Serie leistet, was mit die edelste und vornehmste Aufgabe der Fiktion ist: den Zuschauer durch ein Was-wäre-wenn zum Nachdenken über das Was-ist zu bringen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Donnerstag, 19. November 2015Occupied 1x01 Trailer
(Occupied 1x01)
Schauspieler in der Episode Occupied 1x01
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