Almost Family: Review der Pilotepisode

Almost Family: Review der Pilotepisode

In der Serie Almost Family wird der bekannte Fruchtbarkeitsexperte Leon Bechley enttarnt. Über Jahrzehnte hat er seine eigenen Spermien statt die anonymer Spender genutzt. Das wirft seine Tochter Julia ebenso aus der Bahn wie ihre mehrere Dutzend potentieller Halbgeschwister. Kann das US-Remake mit dem australischen Original mithalten?

Almost Family (c) FOX
Almost Family (c) FOX
© lmost Family (c) FOX

Mit Almost Family bringt FOX eine amerikanisierte Version der australischen Erfolgsserie Sisters auf die Mattscheibe. Es geht um drei Frauen, die im Erwachsenenalter herausfinden, dass sie Halbschwestern sind - und außerdem ein paar Dutzend Brüder haben.

Worum es geht

Julia Bechley (Brittany Snow, „Pitch Perfect“) hat einen starken Bridget-Jones-Vibe und mit dem sucht sie einen Sexpartner. Das sollte ziemlich schnell gehen, denn sie muss zu der Preisverleihung, bei der ihr Vater für sein Lebenswerk geehrt wird. Dr. Leon Bechley (Timothy Hutton, American Crime, Leverage) ist ein anerkannter Fruchtbarkeitsexperte. Doch noch auf dem Weg aus der Veranstaltung wird er von einer Journalistin mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Er soll über die Jahrzehnte immer wieder seine eigenen Spermien statt die von anonymen Samenspendern benutzt haben. Julias Glaube an ihren Vater, mit dem sie auch zusammenarbeitet, ist jedoch ungebrochen. Bis zu dem Moment an dem er ihr kurz vor seiner Herzoperation sagt, sie sei diejenige, die sie sei die einzige sei, die besonders ist.

Während Julia um das Leben ihres Vaters im Krankenhaus bangt, schlagen die Neuigkeiten in den Nachrichten hohe Wellen und erreichen auch zwei potentielle Bechley-Halbschwestern.

Eine davon ist Edie (Megalyn Echikunwoke, The 4400, 90210), eine ehrgeizige Anwältin. Sie arbeitet erfolgreich gemeinsam mit ihrem Mann Tim (Mo McRae, Sons of Anarchy, Empire), doch privat stecken die beiden in einer Krise. Das könnte daran liegen, dass Edie eigentlich gerade entdeckt, dass sie Gefühle für jemand anderen haben könnte, nämlich eine attraktive Staatsanwältin Amanda Doherty (Victoria Cartagena, Gotham). Als sie von ihrer Hippie-Mutter erfährt, dass sie eines der Bechley-Babys sein könnte, ist sie nicht gerade begeistert. Die Familien kennen sich seit Jahrzehnten, es gab gemeinsam gefeierte Feiertage und Julia und Edie waren einst beste Freundinnen. Doch das gehört der Vergangenheit an seit Edie Julias Highschool-Sweetheart geheiratet hat.

Die dritte Schwester im Bunde ist der ehemalige Kinderstar Roxy (Emily Osment, Young & Hungry). Sie kämpft mit Medikamentensucht, Wutproblemen und Eltern, die sie als einzige Einnahmequelle ausbeuten. Sie stürzt sich auf die Chance, eine neue Familie zu finden.

Noch während ihr Vater im Operationssaal ist, ruft Julia potentielle Bechley-Kinder in die Klinik und verteilt DNA-Kits um die Wahrheit offen zu legen. Davon ist ihr Vater nun gar nicht begeistert und weist Julia an, einen Laptop mit belastendem Material verschwinden zu lassen. Nach kurzem Versuch, den Vater zu retten, gibt Julia auf und liefert das Material an die Polizei aus. Schließlich hat sie festgestellt, dass sie am Vorabend der großen Offenbarung unerkannterweise mit ihrem Halbbruder ins Bett gestiegen ist.

Roxy zerstreitet sich mit ihren Eltern, Edie weiß nicht mehr weiter und so landen beide bei Julia, wo eine große Verbindung beginnt, die größer als Freundschaft scheint.

Doch zwischen ihnen und dem Familienglück stehen noch die kriminellen Anklagen, wegen denen Leon direkt aus dem Krankenhaus abgeführt wird.

Wie kommt es rüber?

Wem sollte man das Review eines Remakes besser anvertrauen, jemandem, der das Original gesehen hat oder jemandem, der mit frischen Augen an die Sache geht. In diesem Fall seid ihr bei jemandem gelandet, der sich für das australische Original begeistern konnte. Ich versuche, dem Remake eine faire Chance zu geben.

Die australische Originalserie Sisters ist eine Geschichter über die Schwesternschaft zwischen ungleichen Frauen. Das haben auch die Macher des FOX-Remakes sich auf die Blaupause gezeichnet. Darüber hinaus verfolgen sie auch das Grundkonstrukt der Story, nehmen sich aber auch ein paar Freiheiten heraus. Die sind nicht gravierend und auch nicht ausschlaggebend, gewissen Charme haben beide Serien. Das liegt an einem soliden Drehbuch und guten Darstellern. Doch in beiderlei Hinsicht rundet das US-Team die Story soweit ab, dass viele interessante Ecken und Kanten leider verschwinden.

So fällt natürlich - wie in den USA üblich - schnell auf, dass alle Darsteller überdurchschnittliche Schönheiten sind. Wo man in Australien auf Charisma setzt, bleibt man in Hollywood der manchmal recht oberflächlichen Attraktivität treu. Alles wird einmal aufgehübscht. Aus der düster-historischen Villa voller Bücher auf den Treppenstufen eines vielleicht verrückten Genies wird ein Luxushaus. Aus einer verschrobenen Klinik, in der Großes und Furchtbares vollbracht wird, entsteht in den USA eine chromgebürstete Praxis mit anonymer Empfangshalle. Julia selbst wird von einer selbstbewussten, aber komplizierten Frau mit Mut zum Anderssein zum Bridget-Jones-Typ. Alles wird eine Spur niedlicher, heller, glänzender und damit leider auch unweigerlich oberflächlicher. Besonders ärgerlich ist das bei den Charakteren, die sich in der US-Version direkt in der Pilotepisode in ihrer vollen Komplexität zeigen wollen. Das führt zu unerträglich-offensichtlichen Dialogen wie die, in denen die gerade ihre Sexualität erkundende Edie mehrmals in verschiedenen Zusammenhängen gefragt wird, in welchem Team sie denn spiele. Schon der Grund der Offenbarungen wird weichgespült. In Sisters schickt der im Sterben liegende Nobelpreisträger Leon selbst einen Brief an die Zeitung um sich im letzten Moment reinzuwaschen und gratuliert seinen Angestellten dazu, sich in der Zeitung entrüstet zu zeigen um das Institut zu bewahren. In der US-Version wird das Geheimnis offenbar durch Investigativ-Journalismus aufgelöst, der Arzt kämpft mit allen Mitteln dagegen, entdeckt zu werden und erpresst selbst seine Tochter. Schon in der ersten Stunde wird alles auf den Tisch gelegt, was man wissen muss und kann über die Figuren und die Situation. Im Original lassen die Autoren sich Zeit damit. Sie wissen, dass zum Beispiel Julias Reise durch die Ehe- und Lebenskrise sich nach und nach entwickeln sollte, dass der Zuschauer die Facetten nach und nach entdeckt. Das US-Drehbuch serviert das Thema schön zusammengefasst innerhalb einer Episode: Edie hat eine etwas exzentrische Mutter und sehnt sich seit ihrer Kindheit nach einer idyllischen Familie, wie Julia sie hatte. Also heiratet sie Julias Freund, einen herzensguten Mann, um genau das zu bekommen, stellt jedoch nach ein paar Jahren fest, dass sie sich nicht eingestehen konnte, sich eigentlich zu Frauen hingezogen zu fühlen. Viele Pilotepisoden der großen Networks fühlen sich an wie ein sehr langer Rückblick auf alles, was bereits passiert ist und am Ende fällt die Startklappe. Darin ist die Serie Almost Family keine Ausnahme.

Wie das australische Original zeigt, geht es auch anders. Man muss dem Zuschauer nicht alles hinterhertragen und vor allem nicht sofort um die Ohren hauen.

Dazu kommt, dass zumindest in der US-Pilotepisode der Kern der Story, nämlich die künstliche Befruchtung unter falschen Angaben, ziemlich reingewaschen daher kommt. Der Aufschrei kommt vor allem von außen, durch die Medien, die breite Öffentlichkeit und die Justiz. Die Empörung hat in der Serie kein Gesicht. In Australien fließt in all das persönliche Drama, das sich um Julia entspinnt, auch immer ein ethischer Gesichtspunkt ein. Wut, besonders weibliche Wut, ist Teil der Story. Zumindest in der Pilotepisode wirken die drei Hauptfiguren der US-Version eher wie zahnlose Tiger, die sich bitte mit privaten Problemen befassen sollen statt zu erkennen, was hier grundlegend falsch läuft.

Fazit

Das Beste an der US-Version sind die Puzzleteile, die sie aus dem Original übernommen hat. Die Pilotepisode der US-Serie Almost Family erfüllt viele der schlechten Klischees, die über Remakes aus Hollywood so kursieren. Alles ist glänzender, hübscher und glatter. Die Serie gleitet damit zwischen Oberflächlichkeit und Vorhersehbarkeit in die Belanglosigkeit. Wer das Thema interessant findet, der kann ziemlich einfach herausfinden, wie man es facettenreicher umsetzen kann. Die australische Serie Sisters findet sich im englischen Original, wahlweise mit deutschen Untertiteln, im Netflix-Katalog.

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