NOS4A2: Review der Pilotepisode

© achary Quinto in „NOS4A2“ (c) AMC
Eine mysteriöse Gestalt und ihr Diener entführen im Auftakt The Shorter Way ein Kind aus dessen Elternhaus und nehmen es in ihrem Wagen auf eine Reise mit. Gleichzeitig nimmt die übernatürlich begabte Maggie Leigh (Jahkara Smith) die Verfolgung auf und stellt Nachforschungen an, während die 18-Jährige Vic McQueen (Ashleigh Cummings) entdeckt, dass hinter einer eigentlich zerstörten Brücke mehr als nur eine Halluzination steckt.
Was geschieht im Auftakt von „NOS4A2"?
Der unheimliche vampirische Greis stellt sich dem Jungen als Charlie Manx vor, der diesen mit Geschenken und der Versprechung lockt, mit ihm ins große Kinderparadies „Christmasland“ zu fahren. Auf der Fahrt unterwegs entsorgt er noch seinen Lakaien Ives (Michael Maize), dessen dilettantisches Hinterlassen von Spuren am Tatort ihn eher weniger amüsierte. Während die Kräfte des Jungen schwinden und er dem Fahrer des Oldtimers zunehmend ähnelt, scheint dieser nach und nach jünger zu werden. Bevor er seinen kleinen Fahrgast an dessen Bestimmungsort abliefert, erzählt er diesem, dass sein nächstes Ziel das Örtchen Haverhill im Bundesstaat Massachusetts ist.
Dort wohnt Vic McQueen mit ihrer Familie, die sich eigentlich mit ganz anderen, eher alltäglichen Problemen herumschlägt: Sie würde bald gerne aufs College gehen, hat jedoch mit der Finanzierung Probleme, denn die eingeschränkten Mittel ihrer Eltern erschweren ihr den Zugang und sorgen auch für eine Kluft zwischen ihr und der Clique ihrer besser betuchten Freundin aus Kindertagen.
Darüber hinaus fliegen regelmäßig zwischen ihren Eltern die Fetzen und während ihr Vater (Ebon Moss-Bachrach) zu ihr selbst liebevoll ist, bekommt ihre Mutter Linda (Virginia Kull) schon mal dessen Aussetzer zu spüren, wenn seine Trunkenheit in häusliche Gewalt eskaliert. Um vor dieser Atmosphäre zu flüchten, schwingt sich Vic auf ihr Motorrad und braust durch den Wald. Dabei gelang sie nun zweimal nacheinander an eine baufällige Holzbrücke, die laut der Anwohner und ihrer Eltern nicht existieren dürfte, da diese längst abgerissen wurde. Nach dem Überqueren findet sie nach schriftlichen Hinweisen an verschiedenen Orten Gegenstände, die ihre Eltern eigentlich verloren hatten.
Was auch immer da vor sich geht, es setzt ihr offenbar zu, denn sie kollabiert kurz nach ihrer Rückkehr und findet sich Zuhause wieder, wo sich ihr Vater um sie kümmert. Kurz darauf ist dieser allerdings verschwunden, da er laut ihrer Mutter die beiden nun für eine Geliebte verlassen hat. Vic setzt sich folglich noch einmal auf ihr Motorrad und wagt ein Experiment, in dessen Zügen sie feststellt, dass sie über die finstere Brücke nicht nur Zugang zu verlorenen Gegenständen findet...
Sn00zeferatu
NOS4A2 basiert auf einem Roman von Joe Hill, dem Sohn von Horrorkoryphäe Stephen King. Der ungewöhnliche Name repräsentiert hierbei das Nummernschild des übernatürlichen Wagens, mit dem der düstere Antagonist sich fortbewegt, und wird „Nosferatu“ als Anleihe an den klassischen Blutsauger ausgesprochen. Die Serie driftet jedoch direkt und auch recht weit von der Vorlage ab.
Es beginnt dabei durchaus vielversprechend mit dem ersten Auftritt von Charlie Manx (zunächst unter einer großen Schicht Make-up: Zachary Quinto), in dem das gruselige Charakterdesign des Antagonisten verbunden mit der Darbietung von Quinto eine atmosphärische Einführung bietet. Besagte Atmosphäre verfliegt jedoch schnell, zumal wir ihn in der circa 55-minütigen Episode nur noch ein paar Mal in Kurzfassung erleben - wobei sich dort der Grusel auch schon wieder in Grenzen hält...
Hauptsächlich beschäftigt sich der Auftakt nach der kurzen Etablierung von Maggie Leigh (Jahkara Smith) als Wahrsagerin mit Scrabble-Kräften, voll und ganz mit Protagonistin Vic McQueen (Ashleigh Cummings) und ihrer Familie, wodurch die Gewichtung deutlich mehr in Richtung Coming-of-Age-Drama als in Richtung Horror driftet. Auffällig bei der Charakterisierung der Familie ist vor allem, dass Vater Chris (Ebon Moss-Bachrach) irritierenderweise wesentlich sympathischer und herzlicher dargestellt wird als seine eher anstrengend launige Frau Linda (Virginia Kull), obwohl er diese regelmäßig schlägt. Dies wird wiederum nicht gezeigt, was dann den subjektiven Eindruck zu seinen Gunsten noch verstärkt...

Der Fokus auf die Familie und das sehr gemächliche Tempo lassen die erste Folge ziemlich zäh wirken, denn Spannung will in der Auftaktstunde nicht richtig aufkommen. Dabei bin ich ganz und gar jemand, der subtilen Spannungsaufbau und ausführliche Charakterzeichnung zu schätzen weiß, so hatte beispielsweise Outcast in der Vergangenheit gezeigt, dass eine Mischung von Horror und Drama sowie ein subtiler, aber kontinuierlicher Spannungsaufbau und ein ruhiges Erzähltempo auch harmonisch Hand in Hand gehen und funktionieren können. In diesem Fall kommt dafür aber einfach zu wenig aus der Grusel- und Spannungsabteilung und wir bekommen bisher lediglich ein paar kleine Rätsel aufgetischt, deren Lösungen und Antworten vor allem in Bezug auf die Fähigkeiten und Kräfte der Figuren jedoch absehbar erscheinen. Der springende Punkt ist dabei jedoch vor allem, dass derzeit keinerlei dramatische Dringlichkeit existiert beziehungsweise geschaffen wird, da keine direkte Bedrohung besteht, die unsere Figuren zum Handeln zwingt. Auch optisch mag man sich zwar auf einem soliden Niveau einordnen, doch verpasst bei der Thematik von Halluzinationen beziehungsweise anderen Welten und exzentrischen Figuren bisher auch die Möglichkeit, ein wenig mehr zu wagen und bleibende Eindrücke zu hinterlassen. An der Performance von Ashleigh Cummings als Vic scheitert das Ganze jedoch nicht, denn diese macht bisher das Beste aus dem ihr gegebenen Material und ist der Lichtblick des Starts.
Fazit
Bisher wird NOS4A2 seiner beliebten Romanvorlage noch nicht gerecht, denn es herrscht fast über die gesamte Länge von The Shorter Way Spannungsarmut. Zachary Quintos Auftritte sind zeitlich noch zu spärlich angelegt gewesen, um so richtig aussagekräftig zu sein, während Ashleigh Cummings einen guten Eindruck als Protagonistin abliefert. Wer knisterndes Drama oder Gänsehauthorror erwartet, wird leider enttäuscht, denn bisher wird mehr die Sparte des Coming-of-Age-Dramas bedient. Das ist aber ebenfalls in seinem breit abgedeckten Themenbereich noch zu oberflächlich, um richtig zu packen, dafür zeigt es allerdings bessere Ansätze. Mit dem zu subtilen Ansatz wirkt die Umsetzung bisher zu unentschlossen, denn, um wirklich gut unterhalten zu können, müsste man noch einiges mehr wagen und in vielerlei Hinsicht aufdrehen. Man spürt auf beinahe frustrierende Art und Weise die Möglichkeiten und das Potential der Vorlage - abgeschöpft wird es im Auftakt leider nicht. Wer der Serie also etwas abgewinnen möchte, der kann sich zumindest darauf vorbereiten, viel Geduld mitbringen zu müssen.
Der Trailer zu „NOS4A2":