SerienBiz: ProSiebenSat.1 schrumpft, Colbert geht, IMAX zum Verkauf
SerienBiz: ProSiebenSat.1 schrumpft, Colbert geht, IMAX zum Verkauf
In dieser Woche bewegen sich auf einmal mehrere strukturelle Hebel der internationalen TV-Branche gleichzeitig. In München legt der neue Konzernchef von ProSiebenSat.1 das Tempo der Schrumpfkur fest, in New York zieht Stephen Colbert nach einem Jahrzehnt unfreiwillig den Stecker, an der Wall Street wird über einen Verkauf von IMAX spekuliert, in Ottawa zwingt die Regulierungsbehörde alle US-Streamer zu Milliardeninvestitionen und in Washington stellt sich Paramount mit einem Star-Anwalt für den Warner-Bros.-Deal auf. Eine SerienBiz-Woche, die zeigt, wie eng Hollywood, Streaming und das TV-Geschäft inzwischen miteinander verflochten sind.
ProSiebenSat.1 unter Giordani: Schlanker und profitabler solls werden
ProSiebenSat.1-CEO Marco Giordani hat bei seinen ersten Investorenpräsentationen nach der Übernahme durch Media for Europe die Marschrichtung gezeigt. Er kündigte ein „kleineres Unternehmen mit höherer Profitabilität“ an und schloss Akquisitionen in Deutschland aus. Die Gruppe will sich auf das Entertainment-Geschäft konzentrieren, den Börsenstatus halten und ihren Aufsichtsrat verkleinern, wie DWDL berichtet. Mit RTL Deutschland spricht der Konzern parallel über gegenseitige Verbreitungsfragen. Während Giordani in Unterföhring umbaut, hat sich ein anderer ProSiebenSat.1-Veteran in einer Videobotschaft öffentlich um den Chefposten beim ORF beworben. Markus Breitenecker, früher COO der Gruppe und Architekt der österreichischen Privat-TV-Landschaft, will den ORF unter dem Slogan „Vom Marktführer zum Marktmotor“ neu aufstellen. Die Entscheidung fällt am 11. Juni 2026 im Stiftungsrat.
Colberts „Late Show” geht mit Rekord-Quote zu Ende
Das Ende einer Ära fiel am Donnerstagabend in den USA. Die Finalfolge der „Late Show with Stephen Colbert“ erreichte laut Variety 6,74 Millionen Zuschauer und damit die höchste Werktags-Quote in der Geschichte der Show, mehr als das Doppelte des Q1-Schnitts von 2,69 Millionen. Paul McCartney sang mit Colbert „Hello Goodbye“ im Ed Sullivan Theater (in dem früher McCartneys Band The Beatles aufgetreten waren), Elvis Costello, Jon Stewart, Bruce Springsteen, Robert De Niro und ein gutes Dutzend weiterer Stars schauten in den letzten beiden Wochen vorbei. CBS hatte die Cancellation offiziell als rein finanzielle Entscheidung verkauft. Das Timing fiel jedoch mit Paramounts Mergerverfahren von Trump-Verbündeten und der Skydance/Ellison-Übernahme zusammen. Parallel schließt CBS News Radio nach Jahrzehnten. Netflix besetzt die Lücke im täglichen Late-Night-Geschäft mit dem ersten Daily-Live-Format des Streamers, einer Adaption des Radio-Talks „The Breakfast Club“ von Charlamagne tha God.
IMAX prüft Verkauf, Wall Street rechnet mit Bietergefecht
Mitten in der Hollywood-Konsolidierungswelle sondiert IMAX einen Verkauf. Die Aktie des börsennotierten Premium-Kino-Spezialisten sprang am Donnerstag zweistellig nach oben, nachdem THR über strategische Optionen einschließlich eines kompletten Verkaufs berichtet hatte. An der Wall Street werden Apollo, Disney+, Sony und Amazon Prime Video als potentielle Bieter gehandelt. IMAX hat zuletzt von einer Mischung aus Theatrical-Blockbustern und Vereinbarungen mit Streamern wie Apple TV und Netflix profitiert. So läuft etwa David Finchers „Cliff Booth“ zwei Wochen lang exklusiv in IMAX, bevor der Film auf Netflix zum Streamen angeboten wird. Genau diese Doppelrolle als Streaming-Showcase und Studio-Partner macht das Unternehmen zu einem attraktiven Übernahmeziel. Sollten Paramount und Warner Bros. Discovery tatsächlich verschmelzen, würde IMAX zur kritischen Schaltstelle im Kino-Geschäft werden.
Kanada zwingt US-Streamer zu 15 Prozent Lokalinvest
Die kanadische Regulierungsbehörde CRTC hat einen Beschluss verabschiedet, der in Washington und Hollywood gleichermaßen für Aufruhr sorgt. Künftig müssen Online Broadcaster mit jährlichen Einnahmen über 25 Millionen kanadische Dollar 15 Prozent ihres Umsatzes in heimische Produktionen, indigene Inhalte, französischsprachiges Programm und News investieren. Das ist eine Verdreifachung gegenüber den ursprünglich vorgesehenen fünf Prozent aus dem Online Streaming Act von 2023. Die Motion Picture Association unter Charles Rivkin verurteilt die Entscheidung scharf als „beispiellos, unnötig und diskriminierend“ und sieht laut THR einen Verstoß gegen das USMCA-Freihandelsabkommen, das gerade neu verhandelt wird. Auch die Streaming Innovation Alliance schrieb an den republikanischen Vorsitzenden des House Ways and Means Committee, Jason Smith, und drängte auf Gegenmaßnahmen über den Protecting American Streaming and Innovation Act. Der Streit reiht sich in den breiteren transatlantischen Tarifkrieg ein, in dem Kanada bereits 2025 eine Digitalsteuer für US-Tech-Riesen wieder kassieren musste.
Alle SerienBiz-Kolumnen im Überblick
Paramount ist nur noch Junk
In Washington verstärkt Paramount sein Anwaltsteam mit Jeffrey Kessler. Der Antitrust-Spezialist soll laut THR den 110 Milliarden Dollar schweren Megadeal mit Warner Bros. Discovery verteidigen und insbesondere die erste Verbraucherklage gegen den Zusammenschluss abwehren. Parallel kündigte S&P Global eine weitere Herabstufung der Paramount-Bonität an. Der Deal bringe „erhebliche anhaltende Unsicherheiten“ mit sich, weshalb Paramount tiefer in den Junk-Bereich rutsche. Senat-Demokraten unter Edward Markey schrieben unterdessen an FCC-Chairman Brendan Carr und forderten eine besonders gründliche Prüfung, weil saudisches und chinesisches Geld über die Ellison-Familie an dem Deal beteiligt sei. Das Closing wird, ziemlich sportlich, bereits für Juli 2026 angepeilt.
Personalkarussell
Auf den Chefsesseln rotiert es in dieser Woche besonders heftig. Caterina Preti wechselt zum 1. Juni von der WOW-Spitze in München an die Geschäftsführung von Sky Österreich, bei welcher sie WOW im Herbst neben dem bisherigen Sky X ebenfalls einführen soll. Bei der BBC hat der ehemalige Google-EMEA-Chef Matt Brittin als neuer Director General übernommen und seine Belegschaft mit der Botschaft begrüßt, dass „schwierige Entscheidungen unvermeidlich sind“. Marvel-Studios bündelt Television, Animation, Comics und Franchise-Management unter Brad Winderbaum, Courtney A. Kemp vom „Power”-Franchise unterschrieb einen Overall Deal bei Apple TV und Ryan Condal verlängerte als Showrunner von „House of the Dragon“ seinen Overall Deal mit HBO über die vierte Staffel hinaus.
Tom Hardy, zuletzt für die zweite Staffel von „Taboo“ angekündigt, verlässt „MobLand“ nach Staffel zwei, Paramount+ peilt trotzdem eine dritte Runde ohne ihn an. Starz beendet „Spartacus: House of Ashur“ und in Deutschland trauert die Branche zugleich um Werbe-Legende Willi Schalk, der mit 86 Jahren starb, sowie um die Schauspieler Alexander Held und Luna Jordan.