Wie „Alias“ die Spionageserie für immer veränderte
Wie „Alias“ die Spionageserie für immer veränderte
Vor 20 Jahren ging mit der 105. Episode von „Alias“ eine der prägendsten Spionageserien der Nullerjahre zu Ende. Jennifer Garner schloss als Doppelagentin Sydney Bristow ein zweigeteiltes Serienfinale ab, das die Rambaldi-Mythologie auflöste und ihrer Figur ein Familienleben mit Vaughn und Kindern bescherte. Was als Spy-Thrillerserie nach dem 11. September begann, wurde fünf Staffeln später zum Prototyp jener serialisierten Erzählkunst, die Bradley Cooper, Victor Garber und viele weitere Beteiligte anschließend auf die ganz große Bühne brachte.
Das Doppelfolgen-Finale auf ABC
Das Serienfinale von „Alias“ lief in den USA als 90-minütiger Doppelblock am 22. Mai 2006 auf ABC. Nach sinkenden Quoten hatte der Sender die fünfte Staffel bereits von ursprünglich geplanten 22 auf 17 Episoden gekürzt und das Ende der Produktion früh festgelegt. Im Schnitt schalteten in dieser letzten Saison noch rund 6,7 Millionen Zuschauer ein, deutlich weniger als die rund 10,3 Millionen aus der vierten Staffel. Würde man die Zahlen mit heute vergleichen, wären sie natürlich ein Kracher. Die Autoren nutzten jedoch den verkürzten Endspurt, um die ausufernde Mythologie um den fiktiven Renaissance-Erfinder Milo Rambaldi auf einen klaren Schlusspunkt zuzuspitzen. Sloanes (Ron Rifkin) Obsession führte ihn in eine Art unsterbliche Verdammnis, während Sydney Bristow und Michael Vaughn (Michael Vartan) endlich zur Ruhe kamen.
Rambaldi, Mythologie und das Erbe für das Mystery-Genre
Der zentrale Handlungsbogen der Serie war die Suche nach Artefakten und Prophezeiungen des erfundenen italienischen Genies Rambaldi. Eine Ampulle machte unsichtbare Manuskriptseiten lesbar, die berüchtigte „Seite 47“ enthielt eine 500 Jahre alte Zeichnung von Sydney Bristow und ein erfundenes Gerät bog die Physik in lebensgefährliche Anomalien. J. J. Abrams nutzte diese Mythologie als roten Faden, der die Spionage-Geschichte mit metaphysischen Fragen verknüpfte und Wissenschaft gegen Glauben spielen ließ. Dieses Erzählmodell aus dichten Cliffhanger-Strukturen, langen Mythologie-Bögen und scheinbar episodischen Missionen schrieb Abrams kurz darauf in „Lost“ zur Reinform fort. Ohne den frühen Mut der „Alias“-Autoren wäre die Mysteryserie-Welle der Nullerjahre kaum in dieser Form denkbar gewesen.
Sydney Bristow als neue Heldin im Network-TV
Mit Sydney Bristow etablierte Jennifer Garner eine Actionheldin, die Verletzlichkeit, akademischen Intellekt und körperliche Härte zugleich verkörperte. Für ihre Darstellung gewann sie 2002 den Golden Globe als beste Dramaserien-Darstellerin und wurde in den Folgejahren mehrfach nominiert. Ihre wöchentlichen Tarnidentitäten in handgeknüpften Echthaar-Perücken, die laut Insidern jeweils rund 20.000 US-Dollar kosteten, wurden zum visuellen Markenzeichen der Serie. Die Verkleidungen waren dabei keine reine Show, sondern pragmatische Überlebenswerkzeuge in einer Welt aus Verrat, Lügen und falschen CIA-Abteilungen. Sydney Bristow wirkt rückblickend wie das Bindeglied zwischen Figuren aus „La Femme Nikita“ oder „Buffy the Vampire Slayer“ und späteren Spionage-Heldinnen bei Streamingdiensten.
Phase One, Network-Druck und der Soft-Reboot
Den waghalsigsten Schritt machte die Serie mit der Episode „Phase One“ in der zweiten Staffel. ABC platzierte sie direkt nach dem Super Bowl XXXVII und nutzte die Reichweite, um die gesamte Doppelagenten-Prämisse zu zerschlagen. Rund 17,4 Millionen Zuschauer sahen, wie Sydney die Allianz der Zwölf und damit SD-6 mitten in der Staffel zerstörte. Nach einer komplizierten dritten Staffel reagierte ABC mit einem harten Eingriff und nahm „Alias“ für den Herbst 2004 komplett aus dem Programm. Die vierte Staffel startete somit erst im Januar 2005 als entschlackter Neuanfang mit einer neuen Einheit namens APO und kürzeren Mission-of-the-week-Geschichten. Ausgerechnet im gleichen Herbst feierte Abrams' nächste Serie „Lost“ Premiere und konnte beweisen, dass dichte Mythologie sehr wohl ein Massenpublikum findet...
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Das deutsche Quotendebakel auf ProSieben
In Deutschland lief die Serie unter dem Titel „Alias - Die Agentin“ und startete am 18. Februar 2003 bei ProSieben dienstags um 20:15 Uhr. Schon nach wenigen Wochen titelten Branchenmagazine wie DWDL über den „ProSieben-Flop des Jahres“, man hielt aber an der Serie fest. An manchen Dienstagen schalteten in der ersten Staffel nur noch 1,31 Millionen Zuschauer ein, der Gesamtmarktanteil sank auf rund vier Prozent, in der Zielgruppe lag er bei mageren 7,7 Prozent. Staffel zwei wanderte schrittweise auf 21:15 und später 22:15 Uhr, die dritte Staffel startete erst im Juni 2007 montags um Mitternacht. Bis Ende Juli 2008 wurden die Staffeln drei bis fünf fast ausschließlich im Nachtprogramm versteckt, so dass das deutsche Free-TV-Finale rund zwei Jahre nach der US-Ausstrahlung in einem für viele Fans kaum zugänglichen Slot lief.
Der Cast 20 Jahre später
Den steilsten Aufstieg nach der Serie legte wohl Bradley Cooper hin, der als Journalist Will Tippin nur in den ersten beiden Staffeln durchgängig dabei war. Heute steht er für „Maestro“ und „A Star Is Born“ als Oscar-nominierter Schauspieler und Regisseur in einer ganz anderen Liga und bereitet aktuell ein „Ocean's 11“-Prequel vor. Jennifer Garner blieb in Hollywood eine feste Größe, spielt die Hauptrolle in der Apple TV-Serie „The Last Thing He Told Me“ und gilt als das soziale Zentrum des Ensembles. Victor Garber ist nach „DC's Legends of Tomorrow“ weiterhin in Film und Fernsehen aktiv, während Ron Rifkin mit „Brothers & Sisters“ eine weitere lange Serienrolle erhielt und sich später weitgehend zurückzog. Carl Lumbly arbeitete zuletzt in „Captain America: Brave New World“, David Anders machte sich in „iZombie“ einen Namen und Michael Vartan hat sich nach „The Arrangement“ fast vollständig aus der Branche verabschiedet.
Verstorbene Gaststars und das popkulturelle Vermächtnis
In der Hauptbesetzung gab es bislang keine Todesfälle, mehrere prominente Gaststars sind allerdings inzwischen verstorben. David Carradine†, der den mysteriösen Conrad spielte, starb 2009 in Bangkok, Sir Roger Moore† trat als Edward Poole in einer Episode auf und verstarb 2017 in der Schweiz. Auch Aharon Ipalé†, der in der ersten Staffel den Waffenhändler Ineni Hassan verkörperte, ist 2016 nach langer Krebserkrankung im Alter von 74 Jahren gestorben.
Heute fühlt sich „Alias“ wie ein Bindeglied zwischen klassischem Network-TV und moderner Streaming-Erzählung an. Gerade im deutschsprachigen Raum, in welchem die Serie zwischen Primetime-Hype und Nachtprogramm zerrieben wurde, lohnt sich zum 20-jährigen Finale eine ruhige Wiederentdeckung mit DVD-Boxen oder als Streaming-Entdeckung auf jeden Fall. Wer „Alias“ streamen mag, findet die Serie bei Prime Video, Disney+ oder Apple TV. (Affiliate-Links).