NCIS: Los Angeles 2x14

Wir Menschen brauchen Drama in unserem Leben. Unwiderstehliches Verlangen nach Drama treibt uns an. Aus diesem Grunde lieben wir Geschichten, die uns mit Drama versorgen! Kurt Vonnegut - meiner Meinung nach einer der gröĂten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten - lieferte hierfĂŒr vor ein paar Jahren eine scherzhafte ErklĂ€rung: die Menschen seien der Auffassung, das Leben mĂŒsse wie diese Geschichten sein... und genau darin liege das Problem!
Anhand eines Diagramms beleuchtete Vonnegut das VerhĂ€ltnis zwischen dem menschlichen Leben und fiktionalen Geschichten: Unsere Lebenszeit verlĂ€uft von links nach rechts, das emotionale Befinden von unten nach oben: von Depression bis GlĂŒck. Im Vergleich zu fiktionalen ErzĂ€hlungen, die dramatisch-emotionale Höhepunkte und weltbewegende Ereignisse vor unsere Augen bringen - Vonneguts Beispiele reichen von Aschenputtel bis zum Katastrophenfilm -, ereignen sich in unserem dahin flieĂenden Leben... normale Dinge. Nichts Weltbewegendes eben.
Unser Leben verlĂ€uft um die Mitte dieser Skala, ohne groĂe SprĂŒnge nach oben oder unten. In den seltensten FĂ€llen ereignet sich etwas, wovon die menschliche Geschichte berichten wird. Aber: laut Vonnegut sind wir durch die dramatischen Geschichten in BĂŒchern und Filmen geneigt zu glauben, auch unser Leben mĂŒsste dramatische Höhen und Tiefen aufweisen!
Da dem in aller Regel nicht so ist, tĂ€uschen wir entweder Drama vor, wo es keines gibt - oder sind und bleiben sĂŒchtig nach... noch mehr Geschichten, mit deren Hilfe wir unsere eigene Bedeutungslosigkeit verdrĂ€ngen können.
Auch mit diesen einleitenden Anmerkungen ist nichts Weltbewegendes geleistet: aber sie fĂŒhren uns zu dem Punkt, an dem die neue Showtime-Serie ansetzt. Sie erzĂ€hlt von der Mitte der Skala, von der Bewegung des Lebens - ohne groĂes Drama. Die kleinen Höhen und Tiefen, die Details stehen hier im Brennpunkt. Man könnte denken, es handele sich um eine Tragödie: denn letztendlich ist Bedeutungslosigkeit tragisch. Doch ebenso wie bei der frisch eingestellten FX-Serie Terriers - die aus diesem Grund nur wenige Zuschauer fand - handelt sich nicht um eine Tragödie, sondern um eine Farce.
Marx schrieb ĂŒber die Ereignisse unserer Geschichte, dass sich Dinge zuerst als Tragödie ereignen, um sich spĂ€ter als Farce zu wiederholen. Wir sprechen hier nicht auf politischer, sondern auf rein menschlicher Ebene: Shameless wird warmherzig und liebevoll erzĂ€hlt und groĂartig gespielt und gefilmt. Die cinematische QualitĂ€t der US-Serie besticht gerade durch ihre UnauffĂ€lligkeit. Man wird in die Geschichte der mehrköpfigen Gallagher-Familie hinein gesaugt, ohne es zu merken.
Shameless basiert auf der gleichnamigen britischen Serie, kreiert von Paul Abbott. Mit dem als Mitarbeiter an seiner Seite hĂ€lt sich John Wells, ausfĂŒhrender Produzent der US-Variante, ziemlich getreu an das Original. Das behaupten jedenfalls die Kenner des britischen Shameless, zu welchen ich leider nicht gehöre! Nichtsdestotrotz kann ich die in einem von Chicagos Multi-Kulti-Arbeitervierteln situierte ErzĂ€hlung durchaus genieĂen.
Seit „Fargo“ bin ich ein Fan von William H. Macy, und obwohl er im Piloten als Gallagher-Familienoberhaupt nicht viel zu tun bekommt, halte ich ihn fĂŒr die perfekte Besetzung - zwar verschlĂ€ft er einen GroĂteil seiner Screentime betrunken auf dem FuĂboden, aber eben sehr ĂŒberzeugend! Eine ganze Woche lang hat Frank Gallagher einen Job in einem GeflĂŒgelverarbeitungsbetrieb gehabt, aber seit einem Unfall mit einem fliegenden kopflosen Huhn ist er, wie er sagt, arbeitsunfĂ€hig. Zwar wird das von den Behörden in Frage gestellt, aber Frank kĂŒmmert's nicht: Er trinkt - und schlĂ€ft auf dem FuĂboden.
Ansonsten hören wir am Anfang der Episode sein Voice Over liebevoll von seiner Familie erzĂ€hlen: von der Ă€lteren Tochter Fiona (Emmy Rossum), die die Familie zusammenhĂ€lt, von den Teenager-Söhnen Lip (Jeremy Allen White) und Ian (Cameron Monaghan) und von den Kleinen - Debbie (Emma Kenney), Carl (Ethan Cutkosky) und Liam. Die sexsĂŒchtigen Nachbarn, Krankenschwester Veronica (Shanola Hampton) und Barmann Kev (Steve Howey), sind im Grunde auch Teil der Gallagher-Familie: immer hilfs- und party-bereit.
Franks Arbeitsunfall bildet eine schöne Metapher ĂŒber ihn selbst als Kopf der Familie. Kopfloses Huhn - kopflose Familie... Um Franks An/Abwesenheit herum ist das Familienleben aufgebaut - wortwörtlich: der Tag beginnt damit, dass alle um Frank herumgehen, der auf dem FuĂboden schlĂ€ft. Liebevoll legt die kleine Debbie ein Kissen unter Franks Kopf.
Fiona ist diejenige, die den neuen Kopf der Familie bildet. Sie hĂ€lt sie zusammen und kommt nicht dazu, sich selbst zu bemitleiden. Das Leben muss weiter gelebt werden - und in Shameless bleibt sowieso kaum jemandem Zeit, sich mit sich selbst zu beschĂ€ftigen. Wozu auch? Es ist, wie es ist! Im Piloten verliert auch Fiona den Kopf. Aber dafĂŒr ist Steve verantwortlich, den sie in der Disco kennen lernt. Wird er der Lichtblick in ihrem Leben sein, der dramatische Höhepunkt? Genau davor hat Fiona Angst...
Wovor wir keine Angst haben mĂŒssen: bei Shameless reinzuschauen und enttĂ€uscht zu werden. Am besten legt man sich (mit einem Kissen unter dem Kopf) auf den FuĂboden, schaltet ein und genieĂt das Herz erwĂ€rmende und schmunzeln machende ErzĂ€hlen der neuen Showtime-Serie. Dann nĂ€mlich befindet man sich ganz oben auf Vonneguts Skala - wenigstens fĂŒr eine Stunde!
Verfasser: Vladislav Tinchev am Dienstag, 11. Januar 2011(NCIS: Los Angeles 2x14)
Schauspieler in der Episode NCIS: Los Angeles 2x14
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