Nathan for You 4x07

Nathan for You 4x07

Die Mockumentary Nathan For You ist die wohl beste Serie, die niemand schaut und das Werk eines verrückten Genies namens Nathan Fielder. Mit dem Finale ihrer vierten und vermutlich letzten Staffel bot sie nun eine der schönsten Episoden des Serienjahres.

Anthony Napoli und Nathan Fielder feiern die Highlights aus vier Jahren „Nathan For You“. / (c) Comedy Central
Anthony Napoli und Nathan Fielder feiern die Highlights aus vier Jahren „Nathan For You“. / (c) Comedy Central
© nthony Napoli und Nathan Fielder feiern die Highlights aus vier Jahren „Nathan For You“. / (c) Comedy Central

Sucht man im Lexikon nach dem Wort „unterschätzt“, findet man keinen Eintrag zu Nathan for You - so unterschätzt ist diese Serienperle von Comedy Central. Es grenzt an ein Wunder, dass sie es überhaupt bis zur vierten Staffel geschafft hat; zumal sie auf die denkbar unwirtschaftlichste Art und Weise produziert wird. Jedes Jahr halten Nathan Fielder und Kollegen die Kamera auf alles, was ihnen in die Quere kommt. Und sobald sie etwa tausend Stunden Bildmaterial zusammen haben, verwandeln sie diese irgendwie in kohärente Einzelepisoden - ein Prozess, der sich nur durch Magie erklären lässt.

Doch zurück zum Anfang: Nathan for You ist unterschätzt, sprich: Die Serie ist äußerst sehenswert und wird dennoch kaum beachtet. Viele werden also gar nicht wissen, wovon sie handelt - und um dies zu ändern, hier ein paar Worte der Erklärung: Der Serienschöpfer Nathan Fielder spielt in der Mockumentary eine fiktive - und nach eigene Angaben die ehrlichste - Version seiner selbst. Als Absolvent einer der besten Wirtschaftsschulen Kanadas sieht er sich dazu berufen, strauchelnden Kleinunternehmern unter die Arme zu greifen und sie so zurück auf die Erfolgsspur zu bringen. Nathans größte Gabe ist die Fähigkeit zum „Out of the box“-Denken. Und außerdem hatte er an der Wirtschaftsschule „sehr gute Noten“.

Formuliert man es so sachlich - wie es Fielder auch selbst tun würde -, klingt Nathan for You wahrscheinlich wie die pure Langeweile. Doch über der einfachen Textebene liegen bei dieser außergewöhnlichen Serie noch mindestens zwölf Metaebenen der Ironie. Jede Sekunde fragt man sich, was echt und was gestellt ist. Keiner anderen Mockumentary gelingt es so gut, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen - was nicht zuletzt daran liegt, dass Fielder seine Persona auch außerhalb der Serie aufrechterhält (hier ein Late-Night-Auftritt bei Seth Meyers). Ihn als einfachen Serienstar zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung, denn Nathan Fielder ist eigentlich der geborene Aktionskünstler.

Nathan For You: A Celebration

Viele der Geschäftsideen von Nathan Fielder haben den Sprung aus der Serie in die Außenwelt geschafft und sorgten oft für großes Aufsehen: Im Februar 2014 zog er beispielsweise die Kaffeekette Starbucks durch den Kakao, indem er in Los Angeles den Parodieladen Dumb Starbucks eröffnete. Dort gab es alles, was auch ein normaler Starbucks zu bieten hatte, nur eben mit dem Präfix „Dumb“. Aus einem Latte Macchiato wurde ein Dumb Latte Macchiato und aus den Norah-Jones-CDs am Tresen wurden Dumb Norah-Jones-CDs („Dumb“ bedeutet übrigens so viel wie „dumm“).

Es dauerte nicht lang, bis die hippen Los Angelenos von all dem Wind bekamen und bald bildeten sich ellenlange Schlangen vor Fielders Laden. Und natürlich ließ auch die Klage von Starbucks nicht lang auf sich warten. Doch Dumb Starbucks blieb geöffnet, da sich Fielder - mit Erfolg - auf die Kunstfreiheit berief. Da er selbst ein No Name ist, kamen rasch Gerüchte auf, dass der weltberühmte Straßenkünstler Banksy hinter der Aktion stecken könnte. Beendet wurde der Spaß schließlich, als sich die Gesundheitsbehörde einmischte - natürlich angestachelt vom beleidigten Weltkonzern - und Dumb Starbucks aufgrund mangelnder Gastronomielizenzen den Verkauf von Kaffee verbot.

Bill und Nathan machen sich auf die Suche nach der verschollenen Frances...
Bill und Nathan machen sich auf die Suche nach der verschollenen Frances... - © Comedy Central

Doch die Starbucks-Persiflage ist nur eine von vielen Glanznummern Fielders: Mal fakt er virale Videos, um die Besucherzahlen eines Streichelzoos zu erhöhen. Mal verkauft er Alkohol an Jugendliche, den sie aber erst abholen dürfen, wenn sie volljährig sind. Und ein anderes Mal umgeht er das Rauchverbot in einer Kneipe, indem er die Theke zur Theaterbühne deklariert und die Gäste zu Schauspielern. Manchmal sind seine Ideen lächerlich aufwendig und ambitioniert, manchmal sind sie einfach nur profan - und doch irgendwie genial. Bestes Beispiel: Die Erfindung der Geschmacksrichtung Kot, die die perfide Neugier zahlreicher Frozen-Yogurt-Fans weckte und somit gefragter wurde als der Klassiker Schokolade.

Inspiriert durch die menschlichen Dummheiten, die 2007 zur Finanzkrise führten, treibt Fielder den kompetitiven Wirtschaftsgeist des 21. Jahrhunderts und die wachsende Begeisterung für Start-up-Unternehmen - immerhin gibt es inzwischen Castingshow für sowas - völlig ad absurdum. Und genauso wie er dabei die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt, verwischt er auch die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn. Besonders beeindruckend ist seine Hingabe - egal, wie verrückt eine Idee ist, sie wird bis zum Schluss verfolgt. Wenn es sein muss, schließt Fielder Ehen, gründet Zeitungen, erfindet Wohltätigkeitsorganisationen oder kooperiert mit Kriminellen. Man müsste ihn für einen Soziopathen halten, wenn er nicht gerade wie der Inbegriff der Unschuld wirken würde.

Einer der Running Gags der Serie ist Fielders Unsicherheit in sozialen Situationen, die für ihn als Fernsehstar ein besonders hartes Schicksal darstellt. Zu Beginn von Nathan for You ist ihm noch nicht einmal bewusst, dass die Leute seine Gegenwart nicht genießen. Viele der späteren Episoden drehen sich daher um seine kläglichen Versuche, souveräner aufzutreten, damit er seine Mitmenschen nicht ständig in Verlegenheit bringt. Da er als Kind irgendwann einmal gelernt haben muss, dass Täuschungen und Lügen zumindest kurzfristig großen Erfolg versprechen, landet er letztendlich immer wieder bei dieser bewährten Methode, die auch den Großteil seiner Geschäftsideen ausmacht. Dennoch ist über den Verlauf der Serie eine klare Charakterentwicklung zu erkennen, die im Finale der vierten Staffel, das womöglich auch als Serienfinale herhalten wird, ihren apotheotischen Abschluss bekommt.

If there are no cameras, what's the point?

Die anderthalbstündige Episode Finding Frances setzt sich von allem ab, was Nathan for You bislang gewagt hat und verwandelt die größtenteils unspektakuläre vierte Staffel, die dennoch ihre Momente hatte - man denke nur an Fielders Kampf gegen die Taxiapp Uber oder die Kreierung der besten Anekdote aller Zeiten -, in eines der Highlights des Serienjahres 2017. Persönlich gesprochen, halte ich die Episode für das Beeindruckendste und Bewegendste, was ich dieses Jahr im Fernsehen sehen durfte - und „bewegend“ ist normalerweise kein Attribut, das ich mit dieser Serie in Verbindung bringen würde. Wie die meisten schaue ich sie hauptsächlich wegen ihres herrlichen Cringefaktors, der selbst The Office und Curb Your Enthusiasm blass aussehen lässt.

Finding Frances ist Fielders Antwort auf den Erfolg solcher Dokumentarserien wie The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst und Making a Murderer - oder gar solcher Podcasts wie „Serial“ und „S-Town“. Fielder widmet sich darin dem Thema Reue und der verlorenen Liebe. Angeregt wird er dazu durch die persönliche Geschichte des professionellen Bill-Gates-Imitators Bill Heath, mit dem er an früheren Episoden zusammengearbeitet hatte. Immer wieder sprach Bill mit seinem „Freund“ Nathan über den größten Fehler seines Lebens, nämlich den, dass er seine Jugendliebe Frances damals nicht heiratete und stattdessen nach Los Angeles zog, um ein Star zu werden. Seine Träume zerplatzten und so ist er nun mit 80 Jahren ein einsamer, trauriger Mann.

...und Nathan verliert sein Herz an die liebenswürdige Escortdame Maci.
...und Nathan verliert sein Herz an die liebenswürdige Escortdame Maci. - © Comedy Central

Nathan ist gerührt vom Schicksal Bills und will das restliche Budget der Staffel daher in die Suche nach Frances investieren. Was folgt, ist eine fesselnde Mischung aus Detektiv- und Roadtrip-Abenteuer. Mit ihren spärlichen Informationen über Frances begeben sich die beiden nach Arkansas, dem Heimatstaat von Bill und Frances. Dort angekommen, befragen sie ehemalige Schulkameraden und durchsuchen alte Zeitungsarchive. Doch Nathan kommen langsam Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee ist, Bill zu helfen. Denn die Fassade des hoffnungslosen Romantikers beginnt zu bröckeln - irgendwas muss zwischen ihm und Frances damals vorgefallen sein. Außerdem zeichnen sich in Bills Verhalten immer wieder Nuancen der Frauenfeindlichkeit ab. Nathan muss sich also fragen, ob er ihn guten Gewissens auf Frances loslassen kann, falls die beiden sie tatsächlich finden sollten.

Um Bill auf den Fall der Fälle vorzubereiten, bucht Nathan die Dienste einer lokalen Escortdame namens Maci, an der dieser seinen Charme im Vorfeld testen soll. Und obwohl Nathan Sex mit der Prostituierten von Anfang an vom Tisch räumt, weigert sich Bill, sie zu treffen und begründet dies mit der widerwärtigen Äußerung: „You have to know what to stick it in.“ Doch da Nathan Maci schon bezahlt hat, will wenigstens er sich mit ihr unterhalten, um stellvertretend für Bill Ratschläge im Umgang mit Frauen einzuholen. Und hier beginnt die Geschichte, spannend zu werden, denn es kommt, was kommen musste: Nathan verliebt sich in Maci. Eigentlich ist es unvorstellbar, in einer Serie, die so sehr von Ironie lebt, einen solch süßen und unschuldigen Moment einzuflechten und ihn obendrein noch glaubwürdig zu gestalten, doch Fielder ist es irgendwie gelungen - und so werden Nathan und Maci zu den wahren Protagonisten der Liebesgeschichte.

Er und Bill sind nun schon eine ganze Weile in Arkansas und Nathan verliert den Glauben daran, dass sie Frances jemals finden werden. Doch das ist für ihn längst zweitrangig, stattdessen verbringt er seine Zeit mit Maci und stürzt sich für sie in Unkosten. Sex haben die beiden nicht - selbst ein einfacher Kuss verlangt dem schüchternen Nathan allen Mut ab. Doch er genießt jede Sekunde mit Maci und auch sie scheint ihn wirklich zu mögen. Er bringt sie zum Lachen und sogar seine Sendung, Nathan for You, gefällt ihr offenbar. Allerdings spricht sie auch einen Punkt an, der in der Serie unterschwellig immer eine Rolle spielte, nämlich die Tatsache, dass Nathan die Leute, denen er eigentlich helfen soll, in gewisser Weise vorführt, während er selbst das perfekte Unschuldslamm spielt. Seine Reaktion: eine verlegene Leugnung - und für eine Millisekunde glaubt man, den echten Fielder durch die Nathan-Maskerade durchzusehen.

- - - Staffel 1 bis 3 von „Nathan For You“ gratis bei Comedy Central - - -

Am Ende kommt es dann doch noch zum Durchbruch im Fall Frances. Ein alter Grabstein enthüllt ihren Mädchennamen und via Facebook spüren Nathan und Bill ihre aktuelle Adresse auf. Doch es gibt ein Problem, und zwar das Schlimmste, was hätte passieren können: Frances ist verheiratet. Bill kann das nicht einsehen und will sie daher ihrem Ehemann ausspannen. Das Fiasko und die vollständige Demütigung Bills scheinen unumgänglich, doch kurz vor ihrer Haustür, bleibt er stehen. Ein vorsichtiger Anruf soll Frances auf seine Rückkehr vorbereiten, doch als sie am Telefon nicht einmal seine Stimme wiedererkennt, sieht er seine Niederlage ein. Wie ein Gentleman lässt er sie zufrieden und erlangt so seine Würde zurück. Durch die lange Suche hat er neue Einsichten in das gewonnen, was damals passiert ist und erkennt inzwischen seine eigenen Fehler. Ein bitteres Ende, das später jedoch noch eine süße Note erhält und die Geschichte somit abrundet.

Die letzte Szene der Episode, der Staffel und vielleicht sogar der ganzen Serie gehört Nathan und Maci. Hand in Hand blicken die beiden in die Zukunft, während sich die Kamera, die all das überhaupt erst möglich macht, langsam entfernt. Ein kitschiges Liebeslied von den Kinnardlys erklingt - und in diesem heißt es: „Don't be sad, be glad, be happy for me.“ Als wollte uns Nathan, der „Wizard of Loneliness“, mit dem wir so oft so viel Mitleid hatten, sagen, dass wir uns nicht um ihn sorgen sollen - er wird sein Glück schon finden. Sollte dies tatsächlich das Ende von Nathan for You sein - was wirklich schade wäre -, dann hätte die Serie zumindest den denkbar schönsten Abschied bekommen. Leider hatten nur wenige das Glück, sie zu kennen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden...

Der offizielle Trailer zur 4. Staffel von „Nathan For You“:
Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 15. November 2017
Episode
Staffel 4, Episode 7
(Nathan for You 4x07)
Titel der Episode im Original
Finding Frances
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 9. November 2017 (Comedy Central)
Autoren
Leo Allen, Nathan Fielder, Carrie Kemper, Michael Koman, Adam Locke-Norton
Regisseur
Nathan Fielder

Schauspieler in der Episode Nathan for You 4x07

Darsteller
Rolle
Nathan Fielder

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?