Narcos, das neue Netflix-Drama über den Aufstieg des berühmt-berüchtigten Drogenbarons Pablo Escobar, legt mit seiner ersten Episode einen starken Auftakt hin und zieht uns sofort in die faszinierende Welt des aufblühenden Kokainhandels zum Ende der 1970er Jahre. Tendenz: süchtig machend.

Der brasilianische Schauspieler Wagner Moura als Pablo Escobar in der Netflix-Serie „Narcos“ / (c) Netflix
Der brasilianische Schauspieler Wagner Moura als Pablo Escobar in der Netflix-Serie „Narcos“ / (c) Netflix

Mit dem Start seiner neuen Dramaserie Narcos, deren zehn Episoden der ersten Staffel ab dem heutigen Freitag wie gewohnt auf einen Schlag verfügbar sind, bleibt sich der Streamingriese Netflix weiterhin treu, ambitioniertes Fernsehen zu produzieren und dabei gleichzeitig neue, wenn nicht sogar ungewöhnliche Wege einzuschlagen.

Abermals gibt man Fernsehschaffenden viele Freiheiten in der Gestaltung ihres Formats, was schon für viele kreative Geister aus der Branche einer der Gründe war, sich mit ihren Projekten Netflix anzuschließen. Der Neustart „Narcos“ steht seinen Vorgängern im Geiste produktionstechnisch nicht viel nach und erzählt gleichzeitig eine spannende Geschichte einer Welt, die uns Zuschauern im Normalfall - ebenso wie viele ihrer Charaktere - gänzlich unbekannt ist. Umso reizvoller ist es für uns, in diese einzutauchen.

Narcos“ wurde von dem Trio Chris Brancato, Eric Newman und Carlo Bernard entwickelt und dreht sich um die titelgebenden „Narcos“, die großen Drogenbarone in Südamerika, die zum Ende der 1970er Jahre den amerikanischen Markt mit der damals noch eher unbekannten Droge Kokain überschwemmten.

Im Zentrum steht dabei einer der bekanntesten und gleichzeitig gefürchtetsten Drogenlords überhaupt: Pablo Escobar, hier verkörpert vom Brasilianer Wagner Moura, prägte den Aufstieg der kolumbianischen Drogenkartelle vor mehr als 30 Jahren und avancierte schnell zum Feindbild Nummer eins der amerikanischen Behörden. Die Vita des stämmigen Kolumbianers, der 1993 zu Fall gebracht wurde, ist außergewöhnlich, ebenso wie die Bedeutung seiner Persönlichkeit in Lateinamerika, was selbst heute noch vor Ort, so zum Beispiel in seinem Heimatort Medellín, spürbar ist.

Too strange to believe

Das Drama folgt in seiner Pilotepisode seinem Werdegang als notorischer Großkrimineller und allmächtiger Drogenbaron ab der ersten Stunde. Wir sehen, wie er erstmals in Berührung mit Kokain kommt und sogleich seine Erfahrungswerte als Schmuggler einsetzen will, um eine Operation auf die Beine zu stellen, die in den Folgejahren schier unglaubliche Ausmaße annehmen und den Kampf gegen den organisierten Drogenhandel in Südamerika und vor allem in den USA erst richtig ins Rollen bringen sollte.

Pedro Pascal als DEA-Agent Javier Peña in %26bdquo;Narcos%26ldquo; © Netflix
Pedro Pascal als DEA-Agent Javier Peña in %26bdquo;Narcos%26ldquo; © Netflix

Pushing the buttons

Während Escobar sein Imperium immer weiter vergrößerte und Umsatzzahlen erzielte, bei denen vielen legalen Unternehmern schwindelig werden würde, schickte sich allen voran die amerikanische Dorgenvollzugsbehörde (die DEA) an, ihm das Handwerk zu legen. Verkörpert wird diese in „Narcos“ zum einen durch den kolumbianischen Ermittler Javier Peña (Pedro Pascal) sowie dessen amerikanischen Jungkollegen Steve Murphy (Boyd Holbrook), der sich bereits in Miami als Drogenfahnder verdient gemacht hat. Ihn verschlägt es nun aus mitunter persönlichen Gründen und einfachem Pflichtbewusstsein gemeinsam mit seiner Frau Connie (Joanna Christie) nach Kolumbien, wo er den „Narcos“ Einhalt gebieten will.

Die Pilotfolge von „Narcos“ besticht zunächst einmal durch seine fantastischen Schauwerte, die das Eintauchen in das Südamerika der 1970er Jahre extrem einfach machen. Daran hat auch der bekannte brasilianische Filmemacher José Padilha großen Anteil, der nicht nur als Regisseur für die Auftaktepisode fungiert, sondern auch als Executive Producer für das Format tätig ist. Seine Handschrift erkennt man sofort - sei es der oftmals sehr dokumentarische Stil, in dem Echtzeitaufnahmen mit Medienberichten aus Funk- und Fernsehen aufgewertet werden, oder auch durch den Einsatz eines allwissenden Erzählers, in diesem Fall Steve Murphy selbst, der den Zuschauer an die Hand nimmt und in diese Welt einführt.

More complicated than you think

Visuell macht das neue Netflix-Drama einen hervorragenden ersten Eindruck. Zum Beispiel durch die vielen on location-Aufnahmen, die herrlichen Kamerafahrten über Bogotá oder Medellín sowie die sehenswerte Inszenierung, bei der Padilha mit grellen Neontönen (siehe die Szenen in Miami) und auffälligen Farbkontrasten spielt, die nicht umsonst an Padilhas empfehlenswertes Erstlingswerk „Tropa de Elite“ erinnern. Auch die Sequenz zu Beginn der Episode, als die Behörden rigoros gegen ein paar Sicarios (die Auftragskiller der „Narcos“) vorgehen, weckt Erinnerungen an Padilhas beinharten Film über eine Sondereinheit der Polizei in Rio de Janeiro.

Narcos steht Padilhas erstem Spielfilm in Sachen Härte in nicht viel nach, die Pilotfolge beinhaltet gleich mehrere grafische Todesfälle oder Ermordungsszenen, was keine Zweifel daran aufkommen lässt, dass man hier nichts beschönigen möchte. Das ist auch gut so, denn dieser Realismus macht das Format nur noch umso authentischer und packender.

Zur Authentizität trägt darüber hinaus die gewagte Entscheidung der Serienmacher bei, einen Großteil der Dialoge komplett in Spanisch vortragen und tatsächlich nur diejenigen Charaktere Englisch sprechen zu lassen, deren Muttersprache es auch ist. Eventuell schreckt man so den einen oder anderen Zuschauer ab, der wenig Lust darauf hat, permanent Untertitel mitlesen zu müssen, da er oder sie des Spanischen nicht mächtig ist. Andererseits ist dies ein weiterer Pluspunkt bezüglich der realistischen Darstellung der Geschichte, die sich nun mal im spanischsprachigen Lateinamerika abspielt.

Milestones

Sämtliche Faktoren, die zum extrem hohen Realismus der Serie beitragen, sorgen dafür, dass einen das Format schon beinahe magisch anzieht, dass man bereit dazu ist, Zeit in die Erzählung zu investieren und gespannt lauscht, wie es zur Bildung von Pablo Escobars Drogenimperium gekommen ist. Wir werden mit vielen Informationen gefüttert - und so kann man auch schon einmal von den ganzen Fakten erschlagen werden, wobei der Erzählstil des Dramas das Folgen der Handlung nicht besonders schwer macht.

Gelegentlich bekommt man den Eindruck, dass man die gut einstündige Pilotepisode hier und da etwas kompakter hätte gestalten können. Vielleicht gerade wegen der ganzen Informationen und Charakteren, die uns hier aufgetischt werden. Wobei man aber auch festhalten muss, dass sich die Länge der Episode nach zweimaligem Sehen dieser kaum noch bemerkbar macht und man eher nach noch viel mehr einzigartigen Geschichten aus dem undurchsichtigen Drogenmilieu lechzt.

Wagner Moura als Pablo Escobar in %26bdquo;Narcos%26ldquo; © Netflix
Wagner Moura als Pablo Escobar in %26bdquo;Narcos%26ldquo; © Netflix

Plata o plomo

Großen Anteil daran, dass „Narcos“ nicht nur äußerlich sehr ansprechend und reizvoll ist, sondern auch inhaltlich überzeugt, hat ohne Frage Hauptdarsteller Wagner Moura, der für die Rolle des Pablo Escobar nicht nur mehrere Kilogramm zunahm, sondern auch monatelang in Kolumbien Spanisch lernte, um Escobars Akzent perfekt wiederzugeben. Der Einsatz des Darstellers hat sich bezahlt gemacht, Moura erfüllt die Figur mit einer faszinierenden Präsenz und einer Art Aura, die den selbstsicheren und von sich total überzeugten Escobar schon wieder charismatisch macht.

Sei es das Aufeinandertreffen mit ein paar Gesetzeshütern zu Beginn der Episode oder auch Escobars Auftritt auf einer Polizeiwache am Ende, Moura meistert die Eigenarten und den außergewöhnlichen Charakter der Hauptfigur bravourös. Escobar war Ehemann, Familienvater, Geschäftspartner und skrupelloser Drogenbaron in Personalunion, der sogar politische Ambitionen hegte. Man präsentiert uns einen extrem vielseitigen Charakter, der sogleich Lust auf mehr macht und stets unberechenbar bleibt.

My war, my duty

Hinsichtlich der Nebencharaktere lässt man es derweil noch etwas ruhiger angehen. Während Pedro Pascals (Game of Thrones) lässiger DEA-Agent Javier Peña noch gar nicht richtig in Erscheinung tritt, nimmt der vom soliden Boyd Holbrook (Hatfields & McCoys) gespielte Steve Murphy als Erzähler der Geschichte sofort eine wichtige Rolle ein. Anhand seiner Vorgeschichte wird deutlich, wie persönlich die USA die Handlungen der Narcos nehmen.

Murphys Motivation, die Drogenlords und insbesondere Escobar zur Strecke zu bringen, ist zwar nicht besonders originell oder ausgefallen und hört sich arg nach „Stolzer Ami zeigt bösem ausländischen Spitzbuben, wo der Hammer hängt“. Doch Padilha und die Autoren bemühen sich bereits früh darum, die Figuren weniger schwarz und weiß, sondern vielmehr grau zu gestalten, was der richtige Ansatz für die Geschichte ist, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht eindeutig definierbar sind.

Es wird hochspannend sein, wie sich „Narcos“ im weiteren Verlauf entwickeln wird. Die ersten drei Folgen des Dramas, welche SERIENJUNKIES.DE® bereits vorab sehen durfte, machen einen sehr positiven Eindruck und lassen einen Episode für Episode nur noch tiefer in das komplexe Gebilde eintauchen.

Erwähnenswert ist darüber hinaus der Ansatz der Macher, die Geschichte um Pablo Escobar und seine Jäger in einen politischen Kontext zu setzen und aufzuzeigen, welchen Stellenwert die historische Persönlichkeit Pablo Escobar für einen Großteil der verarmten kolumbianischen Bevölkerung hatte. Das Format gewinnt so nur noch mehr an Tiefe und glänzt auf diese Weise nicht nur als vielversprechende Charakterstudie und düsteres, teilweise atemberaubend inszeniertes Crimedrama, sondern auch als Gesellschaftsporträt, das uns in eine fremde Welt entführt, die man sich teilweise nicht einmal im Ansatz vorstellen könnte.

Escobar (Wagner Moura) zusammen mit seinem Cousin und Geschäftspartner Gustavo (Juan Pablo Raba; l.) © Netflix
Escobar (Wagner Moura) zusammen mit seinem Cousin und Geschäftspartner Gustavo (Juan Pablo Raba; l.) © Netflix

Fazit

Die Pilotepisode von Narcos ist wahrlich ein Hingucker, wobei sich dies mitnichten nur auf die tollen Produktionswerte der Serie beschränkt. Als Zuschauer werden einem minutiös die Anfänge des Kokainhandels und die ersten Schritte Pablo Escobars im gnadenlosen Drogengeschäft gezeigt, gleichzeitig kann man sich in den überrealistischen Kulissen verlieren, die großen Anteil an der Authentizität der Serie haben. Diese kombiniert in ihrer Geschichte Fiktion mit Realität auf derartig geschickte Art und Weise, so dass man wie gefesselt immer mehr über Escobar, dessen Leben, den Bemühungen seiner Widersacher dabei, ihn aufzuhalten sowie die Welt der Narcos erfahren möchte.

Die Fülle an Informationen könnte für manchen zunächst ein wenig zu viel des Guten sein. Gleichzeitig sorgt diese aber auch dafür, dass man uns clever anfüttert und unser Interesse wecken kann. Hauptdarsteller Wagner Moura blüht derweil unter der Führung seines guten Freundes José Padilha auf und liefert eine starke Darbietung als ambivalenter Pablo Escobar, dessen Selbstbewusstsein stets hart an der Grenze zur Arroganz liegt, ab.

Padilha selbst drückt mit seinem Stil als Filmemacher dem Format sogleich seinen eigenen Stempel auf, so dass Fans von ihm alles andere als enttäuscht sein werden. Es ist womöglich noch viel zu früh, zu sagen, dass „Narcos“ eine der interessantesten, wenn nicht sogar besten Netflix-Produktionen ist, die das Unternehmen bisher herausgebracht hat. Die Pilotepisode ist jedoch ein exzellenter Vorgeschmack auf ein spannendes, abwechslungsreiches Drama, das gewollt anders ist und neue Wege geht, wofür sich die Serienmacher mit diesem sehr überzeugenden Auftakt wiederum selbst belohnen.

SERIENJUNKIES.DE® hatte im Vorfeld die Gelegenheit, einer Frage-/Antwortrunde mit Narcos-Hauptdarsteller Wagner Moura beizuwohnen. Was dieser unter anderem über die Vorbereitung für die Rolle des Pablos Escobar und die Dreharbeiten in Kolumbien zu erzählen hatte, lest Ihr hier: „Narcos“-Star Wagner Moura im Gespräch: „Das kolumbianische Volk hat gelitten.“

Serientrailer zum Netflix-Drama „Narcos“:

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