My Brilliant Friend: Review der Pilotepisode

My Brilliant Friend: Review der Pilotepisode

Die Romanadaption My Brilliant Friend entführt den Zuschauer in das Neapel der 50er Jahre. Inmitten einer von Armut und Gewalt geprägten Umgebung finden zwei Mädchen zueinander, deren Freundschaft mehr als nur innige Zuneigung bedeutet.

2. Staffel von My Brilliant Friend ab Mai bei Maganta TV
2. Staffel von My Brilliant Friend ab Mai bei Maganta TV
© HBO/Magenta TV

My Brilliant Friend basiert auf dem neapolitanischen Roman von Elena Ferrante. Adaptiert von Jennifer Schuur und Paolo Sorrentino und unter der Regie von Saverio Costanzo ist das Herzstück der HBO-Serie die enge Verbindung zwischen Raffaella „Lila" Cerullo und Elena „Lenù" Greco, zwei kluge und willensstarke Mädchen. Sie freunden sich an und geben sich Kraft in einer Umgebung, die von Armut und Gewalt beherrscht wird. Während sie heranwachsen, wird ihre Freundschaft von zu unterschiedlichen Möglichkeiten in der Entwicklung immer wieder erschüttert. Lila (Ludovica Nasti und Gaia Girace) ist ein absolutes Genie, das instinktiv Italienisch und Latein, Geschichte und Mathematik beherrscht. Von ihrer Lehrerin erkannt und gefördert, bleiben ihr dennoch viele Chancen verwehrt, da sie als arme Tochter eines Schuhmachers in einem Haus aufwächst, das Bildung nicht wertschätzt. Die Umstände von Lenù sind ähnlich düster, allerdings wird sie von einem interventionistischen Schullehrer und ihrem fürsorglichen Vater ermutigt. Lenù (gespielt als Kind von Elisa del Genio und als Teenager von Margherita Mazzucco) ist die Erzählerin der Geschichte der Serie. Sie beginnt in der Gegenwart mit dem plötzlichen Verschwinden ihrer Freundin und kehrt von dort aus zurück in ihre Kindheit und Jugend.

My Brilliant Friend“ wirkt wie aus einer anderen Zeit entschlüpft. Der zentrale Ort aus Ferrantes Roman - ein neapolitanischer Slum aus den 1950er Jahren - ist ein gigantisches Set, gehüllt in bedrückendes Grau. Bestehende Schauplätze wurden so dekoriert, dass sie in die Zeit von vor über 60 Jahren passen. Autos, Kleidung und reichlich Details versetzen den Zuschauer in ein authentisches Italien dieser Ära. Trotz des enormen Aufwands, fühlt sich das Ergebnis intim und bescheiden an. Wir tauchen in eine Zeit, einen Ort und eine soziale Klasse ein, welche die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die den Charakteren widerfahren, nicht kommentieren, auch wenn es uns schmerzlich bewusst ist. Die so offensichtliche Kluft zwischen den Figuren und ihrem Verlangen nach Glück wird lediglich leise demonstriert.

Saverio Costanzo erschafft ein tristes Viertel, das sich durch allgegenwärtige Gewalt auszeichnet, inmitten einer Gemeinde, die schweigt und zuschaut. Ein Schreiner wird während einer Beerdigung aus der Kirche gezerrt und zu Brei geschlagen, während der Priester weitermacht, als sei nichts geschehen. Frauen stoßen sich im Hausflur die Treppe hinunter, ein junges Mädchen wird aus einem Fenster geworfen, ein anderes mit Steinen beworfen. Männer schlagen ihre Frauen, die wiederum ihre Kinder schlagen, die sich dann gegenseitig schlagen. Mord ist ein ebenso unauffälliges Ereignis wie die schreienden Kämpfe, die sich in den Treppenhäusern der Gebäude abspielen. Die eintönige Farbpalette des Sets unterstreicht die Freudlosigkeit und Fadheit des Ortes. Die Wände der Wohnhäuser sind grau, der Schmutz am Boden ist schlammig braun, alle Charaktere tragen glanzlose Blau- und Grüntöne. Die einzige lebendige Farbe ist das Rot von vergossenem Blut.

Als Lenù und Lila zum ersten Mal aufeinandertreffen, sind sie nicht nur optisch scheinbar starke Gegensätze. Elena wird von ihrer Lehrerin dafür gelobt, dass sie „präzise und ordentlich" ist, während Lila schmuddelig, ungepflegt und mit funkelnden dunklen Augen daherkommt. „Ich fühlte mich seltsam angezogen von diesem bösen Mädchen", erinnert sich Elena in der Erzählung, die über einige Szenen gelegt ist und ab und an Einblicke in ihre Empfindungen erlaubt. Für Lenù bietet Lila nicht nur Freundschaft, sondern Abenteuer und Nervenkitzel in einer sonst so traurigen Kinderwelt. „Nichts von dem, was ich alleine gemacht habe, war aufregend genug", erinnert sich Elena. Ohne Lilas unwiderstehliche Präsenz fühlt sich Lenùs Leben „verdorben und staubig" an. Das Drama, das sie anzieht, das Gefühl von Stärke, was durch ihre bloße Anwesenheit auf Lenù überzugehen scheint, ihre Aura, die sich wie ein schützender Mantel um beide Mädchen legt, macht ein Leben ohne Lila für Lenù nicht mehr denkbar. Elena saugt Lilas Energie auf wie ein Schwamm und nährt sich davon, so dass sie überleben kann. Die Kinder scheinen in so vielen Momenten zu ertrinken und nutzen sich gegenseitig als Rettungsboot, da sonst niemand seine Hand zur Hilfe ausstreckt. Dass die Schauspieler die Komplexität der Gefühlswelt vermitteln können, ist der bemerkenswerteste Erfolg von „My Brilliant Friend“. Das Funkeln der Schauspieler in dieser düsteren Umgebung ist nur einer der Gründe, warum ich für das gelungene Werk fünf Sterne vergebe.

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