My Brilliant Friend 1x08

© ymbolismus à la „My Brilliant Friend“: Lenù (Margherita Mazzucco) ist frei, Lila (Gaia Girace) hinter Gittern. (c) HBO
Neid gehört zu jeder guten Beziehung genauso wie Rücksicht, Ehrlichkeit und Zuneigung. Ist es möglich, jemanden zu lieben, weil er oder sie alles hat, was wir gern hätten und die Person aus demselben Grund zu hassen? Selbstverständlich - und wer Geschwister hat, kennt diese Rivalität wahrscheinlich von klein auf. Neid hat einen schlechten Ruf, doch solange aus Eifersucht nicht Missgunst wird, ist er eigentlich gesund. Die einzige Gefahr: Die Grenzen sind fließend - und die ständige Nähe zu dem Menschen, der uns so schmerzlich alle eigenen Schwächen bewusst macht, kann zur echten Belastung werden...
„My Brilliant Friend": Review der Pilotepisode
Selten wurde dieses Gefühl der freundschaftlichen Hassliebe eindrucksvoller aufgearbeitet als nun in der italienischen HBO-Serie My Brilliant Friend. Sie basiert dabei auf einer autobiografischen Romanvorlage der Schriftstellerin Elena Ferrante. Inszeniert wurde die achtteilige Auftaktstaffel von Maestro Saverio Costanzo („Hungry Hearts“). Und auch der große Paolo Sorrentino (The Young Pope) hatte zumindest als Produzent seine Finger im Spiel. Hierzulande gibt es leider noch keinen Lizenznehmer für das Format, aber wenigstens über die Verlängerung um eine weitere Season können wir uns bereits freuen. Somit wird auch der zweite Band von Ferrantes vierteiliger Buchreihe verfilmt.
Die Geschichte von My Brilliant Friend alias „L'amica geniale“ spielt im ärmlichen Neapel der Nachkriegszeit. In bester Tradition der ganz großen HBO-Klassiker wie The Sopranos oder The Wire werden die Zuschauer in einen pulsierenden Mikrokosmos geworfen, an dessen Beispiel größere gesellschaftliche Missstände beleuchtet werden - in Italien natürlich Religion und Mafia. Das Herz des Ganzen bleibt aber die Beziehung zwischen Elena „Lenù“ Greco (Margherita Mazzucco und Elisa Del Genio) sowie Raffaella „Lila“ Cerullo (Gaia Girace und Ludovica Nasti). Auf den ersten Blick könnten die beiden Mädchen kaum unterschiedlicher sein, doch zwischen ihnen herrscht ein beinahe mystischer Magnetismus...
Metamorphose
Der Anfang von My Brilliant Friend erinnert ein wenig an den Pixar-Streifen „Toy Story“. Lange Zeit war Sheriff Woody der Star der Spielzeugkiste, doch dann kommt der elektrisierende Buzz Lightyear neu ins Kinderzimmer und verdrängt den Platzhirsch. Lenù ist zwar klug, doch Lila ist genial. Ohne jede Hilfe brachte sie sich selbst das Lesen bei. Ihr Talent überschattet Lenùs Fleiß. Und auch Jahre später wird immer sie die außergewöhnlichere von ihnen bleiben. Konkurrenz ist ohne Frage spürbar, aber je schwieriger die Umstände werden, desto enger scheinen die Freundinnen zusammenzuwachsen. Rasch wird klar: Lenù und Lila bilden eine Einheit, so dass jede von beiden eine Verlängerung der anderen darstellt.

Symbolisch verdeutlicht wird diese Verbundenheit durch den frühen Puppenpakt, der zunächst eher merkwürdig erscheint. Aber an Merkwürdigkeiten muss man sich als Zuschauer schnell gewöhnen, denn besonders Lila ist als Charakter völlig unvorhersehbar - was sie für uns, aber auch für die halbe Stadt so unwiderstehlich macht. Wie eine Sphinx hält sie stets ihr überhebliches Lächeln und verunsichert damit selbst gestandene Mafiosi. Mit Nachdruck sollte unterstrichen werden, dass die Darbietung der Jungdarstellerin Girace fundamental für den Erfolg der Serie ist. Doch auch Mazzucco leistet großartige Arbeit.
Ja, man muss wirklich aufpassen, dass die Leistung der Lenù-Darstellerin nicht unter den Tisch fällt - und ihr somit dasselbe Schicksal widerfährt wie ihrer Figur, die im Schatten des Genies steht. Besonders in den Episoden auf der Trauminsel Ischia sorgt Mazzucco mit ihrem subtilen Schauspiel dafür, dass wir die langsame Entwicklung des schüchternen Mädchens hin zur selbstbestimmten Frau glaubwürdig erahnen können. Als sie dann vom pädophilen Vater ihres Schwarms missbraucht wird, zerreißt es einen innerlich. Sicherlich eine der schmerzhaftesten Szenen des gesamten Serienjahres...
Überstände
Will man eine Lektion aus My Brilliant Friend mitnehmen, dann die folgende: Erwachsene sind schlecht! Am liebsten würde man Lenù und Lila zurufen, dass sie einfach alles hinter sich lassen und durchbrennen sollen. Ihre Eltern wollen sie im gleichen Sumpf sehen, in dem sie selbst seit Jahren leben. Man denke nur an den Moment, als Lenù eine Brille bekommt, was ihrem Selbstwert den letzten Schlag verpasst. Weinend steht sie vor dem Spiegel, ihre Mutter tritt ins Bad und sagt zynisch: „Ich sollte eigentlich weinen, so teuer wie diese Linsen waren.“ Die Tochter erwidert: „Aber siehst du nicht, wie hässlich ich bin?“ Und die Mutter schließlich: „Das kommt davon, dass du so viele Bücher lesen wolltest. Selbst schuld.“
Es ist eine der vielen Tragödien des Lebens: Kinder, die ohne Liebe aufwuchsen, wissen nicht, wie sie ihren eigenen Kindern später Liebe zeigen sollen - und so setzt sich der Kreislauf immer weiter fort. Bereits in der Eröffnungsszene der Serie durften wir Lenù als alte Frau, also praktisch unsere Ich-Erzählerin, kennenlernen, doch auch sie schien eher verbittert als erfüllt. Hier wird auch deutlich, dass die Spannungen zwischen ihr und Lila irgendwann eskaliert sein müssen. Dabei sahen wir sie als Teenager zuletzt enger denn je: An ihrem Hochzeitstag verspricht Lila ihrer besten Freundin, dass sie ein Leben lang für sie sorgen und ihr ermöglichen werde, dass sie niemals arbeiten müsse, sondern immer weiter lernen könne.

Lenù ist so geblendet von all den Geschenken, die Gott scheinbar ihrer Freundin auf den Weg gab, dass sie völlig übersieht, dass sie selbst eigentlich die Brillante der beiden ist - ein unfassbar wirksamer Moment, als Lila entgegen der Erwartungen den Serientitel auf sie und nicht sich selbst bezieht. Aber so ist es auch im wahren Leben mit dem Neid: Wir sehen nur das, was andere haben und vergessen unsere eigenen Privilegien. Lila mag zwar talentiert und charismatisch sein, doch ihre Eltern versperren ihr den Weg in die Freiheit, womit sie deutlich schlechter dran ist als Lenù, die wenigstens von ihrem Vater ermutigt wird. Und so muss am Ende die eine die Träume beider ausleben, während sich die andere der Ehe opfert.
Versprechen
Eine weitere Lektion aus My Brilliant Friend: Schönheit ist ein Fluch, denn früher oder später wollen andere sie besitzen. Lila kann sich vor Verehrern kaum retten und ihr Vater würde sie sogar an den Sohn des örtlichen Paten verkaufen, wenn für die Familie ein schicker neuer Fernseher drin wäre. Über den Mafiabengel Marcello (Elvis Esposito) ist spätestens nach der wunderschön inszenierten Silvesterepisode Mitte der Staffel alles gesagt. Der Moment, als er sich in Lila verliebt, ist ausgerechnet der, als sie ihm ein Messer an die Kehle hält. Ihre einzige Chance, ihm zu entfliehen - obwohl wir gern noch mehr Szenen gesehen hätten, in denen sie ihn genüsslich auflaufen lässt - ist die zweitschlechteste Option: die Heirat Stefanos (Giovanni Amura), Sohn des vorherigen Mafiabosses Don Achille. Auch er glaubt, sie kaufen zu können.
Eine klassische Tragödie endet bekanntlich mit einer Beerdigung und eine Komödie mit einer Trauung, doch My Brilliant Friend ist sicher keine Komödie und beginnt stattdessen gleich in Folge eins mit der obligatorischen Trauerfeier. Die Hochzeit im Finale dient schlichtweg der Kulmination verschiedenster Handlungsstränge und Figurenkonflikte. Lenù provoziert beispielsweise ein Aufeinandertreffen ihrer beiden Freunde Nino (Francesco Serpico) und Antonio (Christian Giroso), denn auch sie will umkämpft werden. Lila versucht derweil, die verliebte Braut zu spielen, um mit den hässlichen Gerüchten aufzuräumen, sie sei nur hinter Stefanos Vermögen her. Am Ende taucht auch Marcello auf der Party auf, doch, bevor das Fiasko seinen Lauf nehmen kann, endet die Staffel mit einem letzten Blick der Resignation auf Lilas Gesicht.
„My Brilliant Friend": Soundtrack zur HBO-Serie erschienen
So viel mehr bliebe noch zu sagen über die faszinierende Welt von My Brilliant Friend - man denke nur an die fürsorgliche Maestra Oliviero (Dora Romano), die Lenù immer wieder unter die Arme greift, oder Lilas komplizierte Beziehung zu ihrem Bruder Rino (Gennaro De Stefano), nach dem sie später auch ihren Sohn benennt -, aber man wird dem Ganzen mit bloßen Worten ohnehin nicht gerecht. Als Zuschauer sollte man auf jeden Fall von der ersten bis zur letzten Sekunde aufmerksam bleiben, um jede kleine Nuance auszukosten. Angefangen bei der grandiosen Musik von Max Richter, der auch schon The Leftovers unvergesslich machte, über die bereits genannten Leistungen der Schauspielerinnen bis hin zur stilsicheren Regie Costanzos, der mit dem VHS-artigen Kameraeffekt während der Hochzeitsszene zeigt, dass bei all dem Drama durchaus Platz für Spielereien sein kann. Bitte, bitte tut Euch den Gefallen und gebt dieser fantastischen Serie eine Chance!
Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 13. Dezember 2018(My Brilliant Friend 1x08)
Schauspieler in der Episode My Brilliant Friend 1x08
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