Mrs. Davis: Kritik zur KI-Serie von Damon Lindelof

© Peacock
„Es gibt keine Hungersnot und keinen Krieg. Alle, die einen Beruf wollen, haben einen. Sie hat uns alle vereint und geheilt, und sie hat den Sinnlosen einen Sinn gegeben. Die Welt war kaputt, aber der Algorithmus (,Mrs. Davis') hat sie repariert.“
Wann immer uns in Science-Fiction-Serien eine Utopie gezeigt wird, stellt sie sich meist früher als später als Dystopie heraus. So ist es natürlich auch bei der KI-Serie Mrs. Davis, die kürzlich beim NBCUniversal-Streamer Peacock auf Sendung ging, der zuletzt schon mit dem Crime-Procedural Poker Face einen Hit landen konnte. Hinter dem wirklich außergewöhnlichen Achtteiler mit GLOW-Star Betty Gilpin in der Hauptrolle stecken zum einen der Super-Produzent Damon Lindelof (Lost, The Leftovers, Watchmen) sowie die Sitcom-Autorin Tara Hernandez (The Big Bang Theory, Young Sheldon).
Wir haben die erste Hälfte der Auftaktstaffel für Euch bereits sichten können, und sind schwer begeistert von diesem Format, obwohl es gar nicht so leicht ist, in Worte zu fassen, was so besonders daran ist. Es gibt kaum Vergleichswerke, was vielleicht damit zu tun haben könnte, dass sich Lindelof und Hernandez auf eine seltene Mischung geeinigt haben. Sogar nach drei, vier Folgen weiß man nicht so recht, was hier eigentlich vor sich geht. Dennoch folgt man diesem wilden Ritt einer Nonne, die sich mit einer übermächtigen künstlichen Intelligenz anlegt - also wenn sie nicht gerade Zauberkünstler:innen zur Strecke bringt, die ihre ahnungslosen Opfer abzocken -, nur allzu gerne. Kurzum: Wir haben es mit einem absolut perfekten Chaos zu tun!
Außerdem kommt man nicht umhin, das Timing der Macher:innen zu würdigen. Dass sie genau jetzt eine so absurde und gleichzeitig gedankenvolle Aufarbeitung allmächtiger Algorithmen vornehmen, ist ein fantastischer Zufall. Immerhin blödeln derzeit viele von uns mit den Baby-Versionen von KI herum: ChatGPT und Co. Wer weiß, wann aus dem Spaß der neuen Möglichkeiten der Ernst einer neuen Ordnung wird? Zumindest „Mrs. Davis“ wüsste es ganz sicher...
Worum geht's?
Worum es geht, ist bei dieser Serie wahrscheinlich die schwierigste Frage. Die einstündige Auftaktepisode mit dem sperrigen Titel Mother of Mercy: The Call of the Horse (1x1) vollzieht gleich mehr als eine Finte, um uns verwirrt und trotzdem fasziniert zurückzulassen. Wir beginnen im Jahr 1307 in Paris, wo die letzten Tempelritter auf dem Scheiterhaufen landen. Sie und ihre subtileren Mitkämpferinnen haben den - wie später ein Charakter selber sagt - größten „MacGuffin“ aller Zeiten zu verteidigen: den Heiligen Gral, die Schale, die den nicht kanonisch biblischen Legenden zufolge das Blut von Jesus auffing.
In der Gegenwart landen wir auf einer einsamen Insel, wo ein Gestrandeter zehn Jahre lang in Gesellschaft seines Katers Apollo überlebte. Als es ihm durch Erfindungsreichtum gelingt, gerettet zu werden, findet er eine völlig veränderte Welt wieder. Eine KI hat scheinbar alle Probleme der Menschheit gelöst. Jeder benutzt sie, und alle sind glücklich mit ihr. Bis wir jemanden kennenlernen, der ausschert. Und das ist die Nonne Simone, humorvoll und ebenfalls ernst gespielt von Gilpin.

Unser aller liebste character actress Margo Martindale (The Americans, „Cocaine Bear“) spielt die Ordenschefin, die unsere Heldin zwar sehr zu mögen scheint, aber auch enttäuscht. Simone reagiert auf alle allergisch, die über die KI Mrs. Davis als eine Person sprechen statt eines Dings. Simone hasst den Code, der die Weltherrschaft an sich gerissen hat. Zurückzuführen sind ihre starken Gefühle einerseits auf eine vage Vorgeschichte bezüglich des Todes ihres Vaters, einem eher mittelmäßigen Magier namens Montgomery Abbott (David Arquette), und andererseits mit der aus der Berufung jenes Vaters resultierenden Antipathie gegenüber jeglicher Form von Täuschung und Trickserei.
Simone hält auch die vermeintlichen guten Taten von „Mrs. Davis“ für einen Trick. So begibt sie sich auf eine dumme Mission, um die KI zu stoppen, solange es noch möglich scheint. Unterstützung kriegt sie von ihrem ältesten Freund und Feind Wiley, gespielt von Jake McDorman (Limitless, The Right Stuff). Der schnauzbärtige Rodeo-Cowboy ist Teil einer KI-feindlichen Widerstandsgruppe, die vom lächerlichen Men's-Rights-Aktivisten JQ (Chris Diamantopoulos, die momentane Stimme von „Mickey Mouse“) angeführt wird. Ihre PowerPoint-Präsentation für die Nonne wirft aber nur noch mehr Fragen auf.
Ähnlich unklar bleibt nach mehreren Folgen auch die Beziehung zwischen Simone und ihrem angeblichen Ehemann Jay (Andy McQueen, Coroner). Er scheint ihr Aufträge zu geben, die nur darauf abzielen, Kleinkriminelle auffliegen zu lassen. Irgendwann landet aber auch der Name „Mrs. Davis“ auf dem Zettel, was die Motivation der Heldin zusätzlich verstärken soll. Und abschließend müssen auch ein Fragezeichen hinter Simones Mutter Celeste (Elizabeth Marvel, Homeland) setzen. Was wurde aus ihr, die ihrer Tochter einst versehentlich einen Pfeil durch die Leber schoss?
Wie ist es?
Alles in allem hat die Peacock-Serie „Mrs. Davis“ von Damon Lindelof und Tara Hernandez einen ziemlich verrückten Auftakt hingelegt. Tonal widerspricht sich das Format immer wieder selbst, was es zu einer unberechenbaren Angelegenheit macht, die dem inhaltlich rationalen Thema der künstlichen Intelligenz entgegenwirkt. Man scheut sich keinesfalls vor lächerlichen Ideen, überspannt den Bogen aber nie, um uns nicht zu verschrecken. Man könnte sagen: Das Chaos ist ansprechend statt abstoßend. Aus kreativer Hinsicht handelt es sich sicherlich um eine der am meisten überbordenden Serien des neuen Jahres.
Weil uns „Mrs. Davis“ so kalt erwischt hat und wir gar nicht abwarten können, wohin sich das Ganze noch entwickelt, geben wir die volle Punktzahl von fünf Sternen für das Format. Hoffentlich findet die Serie bald den offiziellen Weg nach Deutschland, wobei derzeit noch kein Abnehmer in Aussicht steht. Lindelof ist und bleibt eine zuverlässige Bank für große TV-Kunst.
Hier abschließend noch der Trailer zur Peacock-Serie „Mrs. Davis“: