Mrs. Davis 1x08

Mrs. Davis 1x08

In der Peacock-Miniserie „Mrs. Davis“ kollidiert künstliche Intelligenz mit Religion. Dabei entsteht eines der verrücktesten Formate 2023. Verantwortlich ist das ungleiche Duo Damon Lindelof und Tara Hernandez.

Betty Gilpin (r.) in der Serie „Mrs. Davis“
Betty Gilpin (r.) in der Serie „Mrs. Davis“
© Peacock

Die erste Hälfte des Serienjahres 2023 neigt sich ihrem Ende zu, doch schon jetzt steht einer der heißesten Kandidaten für die Bestenlisten fest, nämlich Mrs. Davis. Die Peacock-Miniserie, die durch die geniale wie ungewöhnliche Kollaboration von Kritikerliebling Damon Lindelof (The Leftovers) sowie der Sitcom-Schreiberin Tara Hernandez (The Big Bang Theory) entstand, hat die amerikanischen TV-Bildschirme mit einer biblischen Sintflut des Einfallsreichtums und Erzählmuts frisch gewaschen (hierzulande hat sich dummerweise noch kein Prophet in Form eines Senders oder einer Plattform gefunden).

Beachtlich ist auch das Timing des jeweils einstündigen Achtteilers, denn die jüngsten Monate waren und sind wie nie zuvor vom Diskurs über die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz geprägt. Als die KI-Serie bestellt wurde, hatte aber noch niemand von ChatGPT gehört (das war ungefähr im Mai 2021). Trotz dieser tagesaktuellen Themenrelevanz muss man leider sagen: „Mrs. Davis“ bleibt in ihrem Bekanntheitsgrad noch ziemlich weit unter dem zurück, was sie ihr zustehen würde. Vielleicht ist das sonderbare Science-Fiction-Format aber auch einfach ein bisschen zu wild für den Mainstream.

Das zweite Augenmerk des Werks von Lindelof und Hernandez, bei dem GLOW-Star Betty Gilpin und Jake McDorman (Limitless, The Right Stuff) als Nonne und Cowboy im Kampf gegen die Weltherrschaft eines Computercodes zu sehen sind, ist Religion - wie schon der Titel unserer Review andeutet. Auch hier wagen sich die Macher:innen deutungstechnisch weit aus dem Fenster, obwohl man bei YouTube tatsächlich bereits diverse Priester finden kann, die „Mrs. Davis“ als ihre neue Lieblingsserie preisen (siehe hier). Wir sehen Jesus als Kellner, den Papst im Gefängnis, den Heiligen Gral und vieles mehr...

Am Anfang war der Code

Die Geschichte beginnt zunächst mal im frühen 14. Jahrhundert in Paris, wo ein geheimer Orden weiblicher Nachfahren der Frauen der zwölf Apostel mit dem Schwert die Wiege des Christentums beschützt. Knapp 700 Jahre später lernen wir unsere Protagonistin Simone (Gilpin) kennen, die in einem Kloster mitten in der amerikanischen Wüste lebt (ihre Oberin wird übrigens gespielt von character actress Margo Martindale). Während sich die Nonne ganz ihrem geliebten Herrn hingibt, entzaubert sie in ihrer Freizeit allerhand Scharlatane und Trickser, was auf ein altes Kindheitstrauma zurückzuführen ist. Sie kommt nämlich aus einer Familie von Magiern; Elizabeth Marvel und David Arquette sind dabei als Mutter und Vater zu sehen.

Für die größte Scharlatanin hält Simone aber die titelgebende „Mrs. Davis“, eine allmächtige KI, die angeblich alle Probleme der Welt gelöst hat und allen Menschen einen Sinn im Leben gibt. Als Geistliche ist sie eine der wenigen Widerständler:innen, die den Service der KI verweigern. Das macht sie für „Mrs. Davis“, die vielerorts als Mutterfigur oder gar Gottheit verehrt wird, natürlich umso interessanter. Immer wieder schickt das allwissende Programm der „verlorenen Tochter“ ihre Marionetten auf den Hals, um mit ihr in Kontakt zu treten. Dabei geht es auch um einen mysteriösen Auftrag der KI.

So kriegen wir in der Auftaktepisode gleich mal eine völlig verrückte Verfolgungsjagd mit Simone, ihrem Ex Wiley (McDornan), der auch zur Rebellengruppe gehört - die allerdings nur aus toxischen Typen besteht, die zu oft „Terminator“ geschaut haben - sowie ein paar Cartoon-haften Nazis (einer davon wird gespielt vom deutschen Game of Thrones- und Stranger Things-Veteran Tom Wlaschiha). Die Serie macht vor allem in ihrer Frühphase (mehr dazu in unserer ersten Kritik) extrem viel Spaß. Später wächst ihr der eigene Wahnsinn ein bisschen über den Kopf, um dann doch ein tolles Finale zu landen.

„Mrs. Davis“
„Mrs. Davis“ - © Peacock

Da es wenig sinnvoll scheint, über jede einzelne Wendung dieser nie vorhersehbaren Serie zu sprechen, wollen wir uns vor allem auf das Ende konzentrieren. Vor allem die Enthüllungen über die Entstehung von Mrs. Davis durch ihre Erfinderin Joy (Ashley Romans) kamen ziemlich überraschend. Nicht etwa eine Regierung oder die UN hat die KI kreiert, sondern ein Fast-Food-Restaurant, das eigentlich nur eine neue Promo-App in Auftrag gegeben hat. So wurde aus dem Firmenmotto „Kundenzufriedenheit ist unser Heiliger Gral“ ein verhängnisvoller Befehl an das völlig überqualifizierte Programm.

Diese Dichotomie zwischen Höchstgöttlichem und Tiefstmenschlichem bringt die Serie zum Abschluss perfekt auf den Punkt. Wer aber bis zum Finale mitgekommen ist und auch den chaotischen, überfüllten Mittelteil der Staffel überstanden hat - so wie Wiley seine Achterbahnfahrt -, wird verstanden haben, dass es Lindelof und Hernandez bei ihrem Werk nur an der Oberfläche um Technologie und Religion geht. Das eigentliche Motiv ist Elternschaft, was in der genialen Weisheit mündet: „Die Aufgabe von Eltern ist nicht zu verhindern, dass ihre Kinder Schmerzen erleben - denn das wäre unmöglich. Sie müssen einfach da sein, um ihre Hand zu halten und sich entschuldigen, wenn sie es selbst waren, die den Schmerz verursacht haben.

Die Art und Weise, wie Simone in der letzten Episode mit ihrer distanzierten Mutter im parallelen Proxy-Dialog mit „Mrs. Davis“ zu dieser Erkenntnis kommt, ist sicher eine der ganz großen Glanzstunden dieses Serienjahres. Auch muss man feststellen, dass sich die Serie nicht nur durch solche Poesie ins Gedächtnis einbrennt. Es gibt auch ein paar Bilder, die einen nach dem Schauen nicht loslassen. So zum Beispiel das Feld voller Flügel oder Simones und Wileys wunderbar kitschiger Ritt auf dem edlen Schimmel in den Sonnenuntergang (nach der Zerstörung des Grals und der Deaktivierung der KI).

Selbstsüchtige Eltern

Gespiegelt wird das gestörte Mutter-Kind-Verhältnis hier übrigens in der Dreifaltigkeit: Zum einen sind da eben Simone und ihre Mutter, dann „Mrs. Davis“ und die Menschen und schließlich auch der Gottessohn Jay (Andy McQueen) mit der heiligen Mutter Maria, die in der Serie meistens nur „The Boss“ genannt und von Shohreh Aghdashloo (The Expanse) gespielt wird. Sie offenbart sich ihrer Schwiegertochter Simone in einer Vision, als diese im Bauch des Wals nach dem Gral sucht. Dabei erklärt Maria, dass ihre Selbstsucht, Jesus nicht loslassen zu können, zu dessen ewiger Verdammnis im Diner geführt habe. Erst durch den selbstlosen Akt Simones wird der Erlöser erlöst. Doch so sieht auch sie ihn nie wieder.

Man könnte immer tiefer in die Serie hineingehen und etwa über die Komplizenschaft von Simones Vater mit „Mrs. Davis“ sprechen, über das Männlichkeitstrauma von Wiley, die verhängnisvolle Lebertransplantation der beiden als Kinder oder die Abenteuer und Leiden des Charakters Arthur Schrodinger (Ben Chaplin). Doch ähnlich wie bei „The Leftovers“, Watchmen oder Lost - also den früheren Werken von Lindelof - würde man hinter jeder Idee vier weitere finden.

Der Produzent und Autor (diesmal in erfolgreicher Kombination mit Hernandez) ist und bleibt einfach einer der wenigen, die die Waage zwischen komplex und kompliziert halten können. Obwohl es diesmal teils sehr knapp war. Man freut sich schon jetzt auf den ersten Rewatch dieses außergewöhnlichen Achtteilers. Viereinhalb von fünf Hallelujas!

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Mrs. Davis“:

Verfasser: Bjarne Bock am Samstag, 17. Juni 2023
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Mrs. Davis 1x08)
Titel der Episode im Original
The Final Intercut: So I'm Your Horse
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 18. Mai 2023 (Peacock)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 10. November 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Freitag, 10. November 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 10. November 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 10. November 2023
Autoren
Chikira Bennett, Tara Hernandez, Damon Lindelof
Regisseur
Owen Harris

Schauspieler in der Episode Mrs. Davis 1x08

Darsteller
Rolle
Jake McDorman
Andy McQueen
Jay
Ashley Romans
Joy
Elizabeth Marvel
Margo Martindale

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