Mrs. America: Phyllis - Review der Pilotepisode

© ate Blanchett in Mrs. America (c) Hulu/FX
Nach dem grandiosen Sci-Fi-Thriller Devs präsentiert der amerikanische Kabelsender FX mit Mrs. America nun noch eine weitere Miniserie vorab beim Streamingservice Hulu, der bekanntlich ebenfalls zum Disney-Konglomerat gehört. Und erneut haben wir es offensichtlich mit einem der besten Neustarts des Jahres zu tun. Das historische Biopic über die erzkonservative Publizistin Phyllis Schlafly, gespielt von der zweifachen Oscarpreisträgerin Cate Blanchett („Carol“, „Aviator“, „Blue Jasmine“), liefert eine durch und durch perfekte Pilotepisode ab. Da kann man die restlichen acht Episoden kaum erwarten...
Die Anti-Feministin
Nie zuvor wurde das Thema Feminismus in Serienform so vielseitig und spannend beleuchtet wie nun in Mrs. America. Im Zentrum steht der Kampf zwischen Phyllis Schlafly (Blanchett) und Gloria Steinem (Rose Byrne), die als Publizistinnen und Aktivistinnen den nationalen Diskurs über das amerikanische „Equal Rights Amendment“ prägten. Dieses sah vor, Frauen mehr Rechte einzuräumen und wurde in den frühen Siebzigern selbst vom republikanischen Präsidenten Richard Nixon unterstützt. Zumindest so lange, bis Schlafly ihre Armada von Familienmüttern mit traditionellen Wertvorstellungen mobilisierte und die Stimmung plötzlich kippte. Ein schwerer Schlag für Steinem und Feministinnen auf der ganzen Welt.
Dass Schlafly aus eigener Kraft das mächtigste Land der Welt gesellschaftspolitisch um mindestens zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückzog, ist neutral betrachtet eine beachtliche Leistung. Paradoxerweise bewies sie, indem sie die Stellung des weiblichen Geschlechts dermaßen schwächte, wie stark Frauen sein können. Aus moderner und zwangsläufig progressiverer Perspektive erscheint sie als Heldin einer Serie auf den ersten Blick trotzdem nur schwer zu ertragen. Doch Blanchetts nuancierte und zutiefst menschliche Darbietung in Kombination mit dem genialen Drehbuch der Serienschöpferin Dahvi Waller, die wenig überraschend einst auch für Mad Men schrieb, machen das Unmögliche möglich: Man sympathisiert mit Schlafly, die natürlich selbst täglich Opfer von Sexismus wurde, und kann gleichzeitig hoffen, dass sie scheitert.
Die Regie der allerersten Episode, die haargenau wie die Protagonistin Phyllis heißt, übernahm das Duo Anna Boden und Ryan Fleck, das zuletzt den Superheldinnenstreifen „Captain Marvel“ inszenierte. Auch darin liegt eine gewisse Ironie, denn die Diskrepanz der beiden Stoffe führt einem vor Augen, wie sehr sich die Definition einer „Vorzeigefrau“ über die Zeit verändern kann. Der Grund für Schlaflys damalige Popularität lag gar nicht mal in ihrem Mut oder ihrer Macht, sondern darin, dass sie als sechsfache Mutter und brave, blonde Ehefrau dem amerikanischen Ideal ebendieser Epoche entsprach. Die Tatsache, dass sie beispielsweise auch studiert hatte und eine angesehene Expertin für Nuklearpolitik war, schadete ihrem Ansehen in der eigenen Anhängerschaft eher. Im Vergleich dazu wäre es vollkommen undenkbar, dass Brie Larson als Anführerin der Avengers zurücktritt, um zu Hause bei ihrer Familie zu bleiben (die sie natürlich nicht mal hat)...

Die Wahrheit liegt - wie bei den meisten Dingen - vermutlich irgendwo zwischen diesen beiden Extrempolen. Am Ende muss jede Frau und jeder Mann für sich entscheiden, welches Lebensmodell persönlich passt. Es ist genauso legitim, die eigene Karriere für die Kindererziehung zu opfern, wie es legitim ist, keine Kinder zu haben und karrieremäßig durchzustarten. Wenn das Gesetz ein Individuum davon abhält, sich frei zu entfalten, dann ist es zweifelsohne ungerecht. Und genau dieses Problem übersah Schlafly, als sie gegen den ERA-Entwurf wetterte, während sie das durchaus legitime Argument vorschob, dass Frauen keine bevorzugte Behandlung benötigten. Dass sie obendrein Ängste schürte, wonach der Verfassungszusatz zur Folge hätte, dass junge Frauen in den Vietnamkrieg geschickt werden, war derweil pure Polemik.
Boden und Fleck, die Regisseure, haben das Produktionsbudget bestmöglich eingesetzt, um die Ära, in der Mrs. America spielt, zum Leben zu erwecken. Vor allem Fans des bereits erwähnten period piece Mad Men dürften voll auf ihre Kosten kommen, zumal Schlaflys Ehemann Fred - der lustigerweise nur noch als solcher in Erinnerung geblieben ist - von niemand Geringerem als John Slattery gespielt wird. Im Vergleich zu den weiblichen Stars, die neben Blanchett und Byrne zu sehen sind, ist er aber nur eine Fußnote. Mit dabei: character actress Margo Martindale (The Americans) als ebenfalls reale Frauenrechtlerin mit dem wunderschönen Namen Bella Abzug, Uzo Aduba (Orange Is the New Black) als erste schwarze Kongressabgeordnete Shirley Chisholm, Elizabeth Banks („Pitch Perfect“) als Jill Ruckelshaus, Tracey Ullman („The Tracey Ullman Show“) als Betty Friedan und Sarah Paulson (American Crime Story) als Alice Macray, die einzige fiktive Figur. Bei so viel Talent tut sich folgendes Dilemma auf: Wenn man schon mal das Glück hat, eine Schauspielerin vom Kaliber einer Cate Blanchett in einer Serie zu sehen, wünscht man sich natürlich eine große One-Woman-Show mit ihr.
Andererseits wäre es aber eine echte Schande, wenn Byrne und Co dabei untergehen würden. Der Pilot stimmt jedenfalls optimistisch, dass die Serienmacherinnen ein gesundes Gleichgewicht gefunden haben. Bis dato gibt es nichts, was man an Mrs. America kritisieren könnte. Und dann flirtet die Miniserie im Abspann sogar ein erstes Mal mit wahrem Genie. Gemeint ist die Auswahl des Mama-Cass-Elliot-Songs „Make Your Own Kind of Music“, der so perfekt auf Phyllis Schlaflys Werdegang passt, dass ich tatsächlich nachschauen musste, ob er nicht für sie geschrieben wurde. Wurde er nicht, doch spätestens jetzt gehört er ganz allein ihr. Hört am besten selbst, wenn ihr die Lyrics grad nicht mehr im Kopf habt: Hier der Link...
„Sing your own special song. Make your own kind of music, even if nobody else sings along.“
Fazit
Zu wissen, was Phyllis Schlafly selbst über ihre Biopic-Serie Mrs. America gedacht hätte, wäre wahrlich interessant. Einerseits wird ihr Lebenswerk klar als negativer Beitrag zur Weltgeschichte präsentiert - ganz ähnlich zum Showtime-Drama The Loudest Voice, in dem es um eine andere Ikone der Republikaner ging, nämlich um den Fox-News-Gründer Roger Ailes. Doch anders als Russell Crowe versucht Cate Blanchett, ihr Alter Ego zumindest auf persönlicher Ebene zu amortisieren. Soll heißen: Schlafly wird nicht als schlechter Mensch dargestellt. Die Porträtierte, die bekannt für ihren Stolz war, würde es wohl am meisten stören, dass die Chefautorin Dahvi Waller sogar einen Hauch von Mitleid für sie durchblicken lässt. Leider werden wir nie erfahren, was Schlafly wirklich gedacht hätte, denn sie starb im Herbst 2016, als passenderweise zur selben Zeit klarwurde, dass Amerika in Sachen Feminismus so rückständig ist, dass eine weibliche Präsidentin undenkbar bleibt.
Mrs. America zeichnet sich durch ein intelligentes Drehbuch, eine hochwertige Inszenierung und einen glanzvollen Cast aus. Dass die politische Grundthematik in den letzten 50 Jahren kaum an Dringlichkeit verloren hat, ist auf die reale Welt bezogen selbstverständlich tragisch, doch wenigstens mit Blick auf den Erfolg der Serie vermutlich von Vorteil. Es wird höchste Zeit, dass auch hierzulande ein Sender zugreift und den vielversprechenden Neunteiler von Hulu und FX importiert.
Hier abschließend noch der Trailer zur Hulu-Miniserie Mrs. America: