Mr. Corman 1x01

© r. Corman (c) Apple TV+
Joseph Gordon-Levitt präsentiert mit Mr. Corman bei Apple TV+ eine Dramedy, die sich so spezifisch und persönlich anfühlt, als würde der US-Schauspieler seine eigene Lebensgeschichte erzählen. Dabei geht es eigentlich um einen Unterstufenlehrer in Los Angeles, der viel lieber Rockstar geworden wäre. Die Serie, die nun in ihre Auftaktstaffel startet, gleicht einem einzigen Beklemmungsgefühl in der Brust und bleibt dank fantasievoller Abwege stets unerwartet. Ich war davon irgendwie begeistert, aber viele werden es sicher nicht sein...
Gordon-Levitt hat mit gerade einmal 40 Jahren im Filmbereich schon alle Ebenen durchgespielt: die untere Ebene mit Werken wie „(500) Days of Summer“ oder „Don Jon“, die mittlere mit „Looper“ oder „Snowden“ und auch das Blockbuster-Level mit „Inception“ und „The Dark Knight Rises“. Seine bislang größte Serienrolle hatte er Ende der Neunziger in der NBC-Sitcom „Hinterm Mond gleich links“. Bei Mr. Corman ist er nun auch als Regisseur, Autor und Produzent tätig - und natürlich als Star.
Unterstützung erhält er hinter den Kulissen vom Showrunner Bruce Eric Kaplan (Six Feet Under, Seinfeld). Für den Cast konnte JGL unter anderem den sympathischen Broad City-Veteran Arturo Castro anheuern, der den Mitbewohner seines Titelhelden spielt. Die große Debra Winger (The Ranch) spielt derweil seine Mutter. Und auch Juno Temple (Ted Lasso) und der Rapper Logic sind dabei.
Als Produktionsstudio steht übrigens A24 hinter dem Projekt. Nach Oscarerfolgen wie „Moonlight“ oder „Lady Bird“ und Serien wie Euphoria und Ramy gilt das Label als derzeit zuverlässigste Qualitätsmarke Hollywoods. Und auch Mr. Corman wird sich wahrscheinlich einreihen in die rühmliche Riege.
Worum geht's?
Die Geschichte der jeweils halbstündigen Episoden von Mr. Corman dreht sich wie gesagt um einen Lehrer in Los Angeles, der eine sechste Klasse unterrichtet. Mit unerschöpflicher Geduld und einem letzten Hauch von Idealismus begegnet er seinen aufgeweckten Schülern. Erst nach Feierabend zeigt Josh Corman seine seelischen Abgründe: Dieser vermeintliche Vorzeige-Junggeselle ist zutiefst unzufrieden mit seinem Leben, seitdem er seinen Traum einer professionellen Musikkarriere und damit auch seine letzte glückliche Beziehung - mit Juno Temple - aufgegeben hat.
Um Geld zu sparen, wohnt Josh zusammen mit dem UPS-Lieferanten und Teilzeitvater Victor (Castro), dessen Leben in einer eigenen Episode thematisiert wird. All das fühlt sich beim Zuschauen so schrecklich realitätsnah an, dass Mr. Corman wahrlich nicht als Ablenkung vom tristen Alltag dient. Doch, gerade weil die Serie so fest auf entzaubertem Terrain steht, sind ihre kleine Ausflüge ins Surreale umso effektiver. Völlig aus dem Nichts kommt es beispielsweise zur alleinstehenden Musical-Nummer oder einer Comic-haften Kampfszene.

So abgenutzt das Wort auch sein mag, passt der Ausdruck „kafkaesk“ leider perfekt. Auf den ersten Blick ist das Leben des Mr. Corman in Ordnung, doch eine unsichtbare Bedrohnung dröhnt im Infraschallbereich so lautstark, dass es einem durch Mark und Bein geht. Visuell verdeutlicht wird das durch einen Kometen, der auf die Erde zurast. Es bahnt sich eine Panikattacke beim Protagonisten an, allerdings will sich die Spannung einfach nicht lösen.
Wie ist es?
Die bislang genannten Eigenschaften der Serie wirken wahrscheinlich wenig überzeugend, Mr. Corman eine Chance zu geben. Tatsächlich ist das Werk von und mit Joseph Gordon-Levitt recht harter Tobak, mit einem überaus düsteren Blick auf existenzielle Fragen. Welchen Sinn soll das alles haben, dieses Leben auf der Erde? Egal, welche Figur man darauf ansprechen würde, wären sich alle einig: Wir leben in schlimmen Zeiten, mit all der rückwärtsgewandten Politik und der längst lauernden Endzeit-Katastrophe Klimawandel.
Der Zynismus, der sich durch die Serie zieht, ist das beste Indiz für den unterschwelligen Optimismus, den Gordon-Levitt in die Geschichte geschrieben hat. Und durch die kleinen Ausnahmemomente, die es im echten Leben eben nicht gibt, dringt er immer wieder durch, auf rührende Art und Weise. Mr. Corman hat in nur knapp drei Stunden Laufzeit viele denkwürdige Szenen zu bieten, die einem aufgrund der intimen Atmosphäre ganz allein zu gehören scheinen.
Eine Empfehlung fällt trotzdem nicht leicht, weil vollkommen klar ist, dass die meisten Menschen mit Mr. Corman wenig anfangen können werden. Eine gute Voraussetzung zum Mögen der Serie ist es sicher, selbst ein bisschen Weltschmerz zu haben. Wie es Joseph Gordon-Levitt geschafft hat, so persönliche Eindrücke eines vermeintlichen Losers einzufangen, bleibt mir abschließend ein absolutes Rätsel. Denn, wenn einer von sich behaupten kann, nahezu unerreichbare Träume verwirklicht zu haben, dann doch er als erfolgreicher Schauspieler.
Interessanterweise ist die Serie, an die mich Mr. Corman am meisten erinnert hat, die experimentelle FX-Comedy Louie vom inzwischen geächteten Stand-up-Komiker Louis C. K., die aber ehrlich gesagt zum Beeindruckendsten zählt, was das US-Fernsehen in den letzten zehn Jahren zustande gebracht hat. Davon ist die neue Apple-Dramedy natürlich noch etwas entfernt, obwohl der Auftakt durchaus vielversprechend scheint.
Unglaublich übrigens, dass Gordon-Levitt aufgrund der Pandemieverwerfungen auf die Idee kam, seine in Los Angeles spielende Serie ausgerechnet in Neuseeland zu drehen. Allein diese Chuzpe verdient bereits Bewunderung...
Hier abschließend der Trailer zur Apple-Serie Mr. Corman:
Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 6. August 2021Mr. Corman 1x01 Trailer
(Mr. Corman 1x01)
Schauspieler in der Episode Mr. Corman 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?