Mozart in the Jungle 3x10

© envenuto a Venezia - Maestro Rodrigo (Gael García Bernal) erobert Europa! / (c) Amazon
Bis vor einem Jahr lief die Amazon-Serie Mozart in the Jungle bei vielen unter dem Radar. Doch dann kam der große Triumphzug bei den Golden Globe Awards 2016 und plötzlich war das geistige Kind von Roman Coppola, Paul Weitz, Alex Timbers und Jason Schwartzman in aller Munde. Mit dieser neuen, oft auch kritisch eingestellten Aufmerksamkeit ist es natürlich eine Herausforderung, zurückzukehren und erneut zu überzeugen. Doch gelingt der Serie genau das in ihrer dritten Staffel - auf übliche verspielte Art und Weise.
Zur Erinnerung: Am Ende der zweiten Staffel kam es für die New Yorker Symphoniker - um den ersten Violinisten Warren (Joel Bernstein), die Oboistin Betty (Debra Monk), Cellistin Cynthia (Saffron Burrows), dem Piccoloflötisten Union Bob (Mark Blum) und Schlagwerkspieler Dee Dee (John Miller) - zum Super-GAU. Die Geschäftsführerin Gloria (Bernadette Peters) ließ die zähen Gehaltsverhandlungen platzen und vollzog den Lockout, womit die Musiker de facto arbeitslos wurden. In der finalen Episode trafen sie sich dann mit ihrem Dirigenten Rodrigo (Gael Garcia Bernal) im Washington Square Park und musizierten zum Protest. Wie geht es nun für sie weiter?
Finita la Comedia
Im dritten Staffelauftakt mit dem schönen Titel La Fiamma zunächst noch gar nicht. Denn Maestro Rodrigo hat sie verlassen, um in der italienischen Wasserstadt Venedig neue Abenteuer zu erleben. Er soll dort der berühmt-berüchtigten Operndiva Alessandra, die von niemand Geringerem als Monica Bellucci verkörpert wird, zum großen Comeback verhelfen. Genau wie er ist sie eine Vollblutkünstlerin, die voller Pathos und Passion über ihr Handwerk spricht. Hin und wieder grenzen die beiden dabei schon am sprichwörtlichen „Sharkjump“ - Rodrigo funktioniert einfach am besten in der Kombination mit den nüchternen und sarkastischen New Yorkern - trotzdem ist es ein Genuss, Bellucci beim Spiel zuzusehen.
Besonders interessant gestalten sich die Vorbereitungen auf Alessandras Comeback, da Rodrigo die Diva davon überzeugen kann, mit einer zeitgenössischen Komposition (über die Long Island Lolita) aufzutreten - unterstützt durch moderne Technologien wie dem looper pedal. Denkt man an klassische Musik oder Opern, so fallen einem meist nur die Namen längst verstorbener Künstler ein. Da ist es durchaus erfrischend, dass eine Serie wie Mozart in the Jungle versucht, den Horizont für neue Werke zu erweitern. Gleiches geschieht auch im charmanten Nebenhandlungsstrang um den alten Maestro Thomas (Malcolm McDowell), der sich an das Technogenre heranwagt.

Dem jugendlichen Thema entsprechend schaltet sich bald auch Rodrigos Protégée Hailey (Lola Kirke) in die Vorbereitungen ein. Sie läuft ihrem Mentor zufällig in Venedig über den Weg, da sie selbst dort einen Auftritt hat. Sie gehört inzwischen dem Andrew Walsh Ensemble an, in dem sie jedoch nicht glücklich zu sein scheint. Als sie nach einem peinlichen Fiasko rund um eine Muschelvergiftung gefeuert wird, steht ihr der Weg frei, erneut als persönliche Assistentin zu dienen, diesmal als Alessandras. Da aber auch diese Aufgabe sie nicht erfüllen kann und sie nach ihrer jüngsten Entlassung kaum noch Chancen auf einen Posten als Konzertoboistin hat, muss sie sich anderweitig umsehen.
Derweil kommt der Tag von Alessandras großem Comeback, doch könnte dieser unter keinem schlechteren Stern stehen. Rodrigo hat nämlich aller Warnungen zum Trotz eine Liebesaffäre mit der wahnsinnigen Sängerin begonnen und als er ihr, wie kaum zu vermeiden war, das Herz bricht, sinnt sie nach Rache. So liegt am Abend des Auftrittes, der umwerfend schön auf den Gewässern Venedigs inszeniert und mit einem Cameo Plácido Domingos vergoldet wurde, große Spannung in der Luft. Mit diversen Waffen hantierend versetzt die singende Alessandra Rodrigo in Todesangst. Und auch als Zuschauer hält man unweigerlich den Atem an, was der Musik zusätzliche Kraft verleiht. Ein fantastisches Halbstaffelfinale und das Ende eines denkwürdigen Ausfluges nach Venedig, der den nach Mexiko in der zweiten Staffel wohl noch übertrifft.
Music and the Sounds that make a Family
Alessandras Arie als musikalischer Höhepunkt dieser dritten Staffel hätte den meisten wohl bereits gereicht, doch offensichtlich nicht den Machern von Mozart in the Jungle. Diese setzen nämlich in der siebten Episode (Not Yet Titled) noch einen drauf. Nachdem Rodrigo den noch immer andauernden Lockout kurzerhand in einen Lockin verwandelt, indem er Gloria und die Musikergewerkschaft in einen Raum sperrt, aus dem er sie erst wieder herauslassen will, sobald sie sich geeinigt haben und er wieder dirigieren kann, ist der Weg frei für seinen nächsten Coup: Ein Konzert auf Rikers Island, New Yorks berüchtigter Gefängnisinsel.
Doch ist dieser Coup nicht nur einer für den fiktiven Rodrigo, sondern auch für die realen Serienproduzenten. Denn der Auftritt fand so tatsächlich statt - und zwar vor echten Insassen. Besonders bewegend ist dabei die Musikauswahl: Man entschied sich für Olivier Messiaens „Turangalîla“-Sinfonie und das „Quatuor pour la fin du temps“. Letztgenanntes schrieb der französische Komponist 1941 als Kriegsgefangener in einem deutschen Lager bei Görlitz, wo es auch uraufgeführt wurde. Die Gefangenen schienen von dieser Geschichte, genauso wie von dem ungewöhnlichen Stück sehr gerührt. In realen Interviews mit dem fiktiven Klassikconnoisseur Bradford Sharpe (Schwartzman) offenbarten sie ihre Gefühle. Die Episode selbst ist als Dokumentarfilm Bradfords aufgezogen. Ein weiterer Beweis für die Experimentierfreudigkeit, die in Mozart in the Jungle fließt und die Serie zu einer einzigartigen Erfahrung macht.

Trotz seiner zahlreichen Triumphe bleibt Rodrigo unersättlich. Sein neues Vorhaben: die Gründung eines Jugendorchesters, in dem jeder willkommen ist, unabhängig von Talent oder sozialem Status. Doch wie üblich drohen seine Träume am fehlenden Geld zu zerplatzen - genau wie Melody Yangs Seifenblasen, die während des Lockouts die Konzerthalle der Symphoniker erfüllten. Da ihm die Angelegenheit jedoch besonders wichtig ist, auch um seinem Mentor postum gerecht zu werden, ist er bereit, über seinen eigenen Schatten zu springen und zu tun, was nötig ist, um die Mittel zu akquirieren. Er verkauft etwa seine Seele an die Werbung und wird dafür belohnt: Das Jugendorchester kann entstehen. Mehr dazu vermutlich in der vierten Staffel, sollte sie denn kommen.
Falls Amazon entscheiden sollte, keine weiteren Episoden von Mozart in the Jungle zu bestellen, wäre dies zwar eine Tragödie, doch wenigstens fände die Geschichte dann einen angemessen Abschluss. In der letzten Episode der Staffel (You're the Best or You F... Suck) passiert nämlich das, worauf man als Zuschauer seit Beginn der Serie wartet: Rodrigo und „Hai Lai“ finden endlich zusammen. Da sie nicht länger zusammenarbeiten und Hailey nun sogar eigene Ambitionen als Dirigentin verfolgt, ist der Weg frei für ihre Liebe. Und da García Bernal und Kirke in ihren Rollen derart viel Charme versprühen und eine solch glaubwürdige Chemie zwischen sich offenbaren, wünscht man ihren Figuren inständig, dass sie gemeinsam glücklich werden. Ob es so kommt, kann niemand sagen; gewisse Zweifel lassen sich in Rodrigos Gesicht jedoch erkennen.
Fazit:
Auch in der dritten Staffel untermauert Mozart in the Jungle einen legitimen Anspruch auf einen festen Platz in der Loge der besten Comedyserien, die zurzeit auf Sendung sind. Coppola und Co wissen offensichtlich genau, wo ihre Stärken liegen: liebenswürdige Figuren, herzerwärmende Geschichten und smarter Humor. Trotz des gehobenen Themas der klassischen Musik wirkt die Serie zu keinem Zeitpunkt prätentiös. Und wenn sie hin und wieder doch mal etwas zu dick aufträgt, dann auf so charmante Art und Weise, dass man ihr kaum böse sein kann. Man spürt instinktiv, mit welch großer Freude die Macher an ihr Werk gehen und so zeichnen sie kleinste Details, die das Gesamtbild unvergleichlich machen - schon das Porträtieren der Städte New York oder Venedig ist in dieser Hinsicht großartig.
Besagtes Geschick ermöglicht ihnen auch, sich furchtlos an Klischees heranzuwagen und sie in etwas zu verwandeln, das selbst dem größten Zyniker gefallen dürfte. All das geschieht im harmonischen Einklang mit dem grandiosen Schauspielensemble, dem sowohl Youngstars wie García Bernal und Kirke als auch Altmeister wie McDowell oder Peters angehören. Ihre Charaktere sind keineswegs innovativ - der leidenschaftliche Künstler südländischen Blutes, die tollpatschige Quereinsteigerin - und trotzdem wirken sie interessant und sympathisch. Man fühlt sich bei den Figuren geborgen und ist glücklich, Zeit mit ihnen zu verbringen. Und was könnte es Schöneres geben, als Menschen dabei zu beobachten, wie sie tun, was sie über alles lieben? Denn genau darum geht es bei Mozart in the Jungle.
Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 11. Dezember 2016(Mozart in the Jungle 3x10)
Schauspieler in der Episode Mozart in the Jungle 3x10
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