Most Beautiful Thing: Review der Pilotepisode

Most Beautiful Thing: Review der Pilotepisode

Netflix baut sein Angebot immer weiter mit internationalen Produktionen aus. Neu im Sortiment ist die brasilianische Dramaserie Most Beautiful Thing, die uns ins sonnige Rio entführt und neben Luxus, Samba und Meer den schweren Weg der Gleichberechtigung nachzeichnet.

Der Cast von „Most Beautiful Thing“ (c) Netflix
Der Cast von „Most Beautiful Thing“ (c) Netflix
© er Cast von „Most Beautiful Thing“ (c) Netflix

Nachdem bereits die Veröffentlichung von spanischen Produktionen bei Netflix ordentlich angezogen wurde, kommt das Publikum nun auch in den Genuss der in Brasilien produzierten Dramaserie Most Beautiful Thing. Und Genuss ist hier wörtlich zu nehmen, in der Pilotepisode Willkommen in Rio erwarten uns eine traumhafte Kulisse, schöne Menschen und ein Lebensstandard, von dem man nur träumen kann. Inhaltlich erzählt sie jedoch die durchaus tragische Geschichte einer Frau, die merkt, dass sie ohne eine schützende männliche Hand ihr Leben weder führen kann noch darf und sich prompt dazu entschließt, den gesellschaftlichen Zwängen zu trotzen. Ähnlich wie in der spanischen Serie Las Chicas del Cable braucht es dazu nur Mut zur Konfrontation, gute Freunde und ein Durchsetzungsvermögen, das von jahrhundertelanger Unterdrückung zeugt.

Rio de Janeiro

Wir befinden uns im Jahr 1959 in Brasilien. Maria Luiza (Maria Casadevall) stammt aus einer wohlhabenden Familie und hat große Pläne für ihre Zukunft: Zusammen mit ihrem Ehemann Pedro und ihrem Sohn will sie nach Rio de Janeiro ziehen, dort ein Restaurant eröffnen und sich ein neues Leben aufbauen. Alleine reist sie in die Großstadt, während ihr Mann vor ihrer Ankunft schon alles vorbereiten wollte und ihr Sohn erst noch nachkommen soll. Doch sowohl am Flughafen als auch in ihrer schäbigen Wohnung fehlt jede Spur von Pedro und ihre anfänglichen Zweifel bestätigen sich rasch: Ohne sie, dafür aber mit ihrem Geld und einer Geliebten hat Pedro sich aus dem Staub gemacht und Maria lediglich das nicht mal ansatzweise renovierte Restaurant hinterlassen, für das ihr Vater gezahlt hat.

Umdrehen, nach São Paulo zurückkehren, ist Marias erster Gedanke. Zumindest, nachdem sie seine Sachen verbrennt und dabei fast das ganze Haus abfackelt. Zum Glück taucht Adélia (Pathy Dejesus) im rechten Moment auf und rettet der am Boden zerstörten jungen Frau das Leben. Auch Marias Jugendfreundin Lígia (Fernanda Vasconcellos) und deren Schwägerin Thereza (Mel Lisboa) bieten ihr moralische Unterstützung und laden sie zu einer Bootsparty auf dem Meer ein. Viel Alkohol, das gleichmäßige Rauschen des Meeres und die sanften Klänge des attraktiven Musikers Chico (Leandro Lima) (den romantische Blickwechsel verstehen wir sofort) verleiten Maria zu einer Art Offenbarung: Dieses Leben möchte sie näher erkunden. Hier möchte sie ihre eigene Identität aufbauen. Dass weder ihr Vater noch der Rest der Männergesellschaft davon wirklich begeistert sein wird, können wir uns bereits denken.

Neben der überzeugenden schauspielerischen Leistung der Protagonistin, deren Bestürzung man nachfühlen kann und deren Machtlosigkeit einen verzweifeln lässt, überzeugen auch die anderen Charaktere durch eine nicht von der Hand zu weisende Chemie und interessante Geschichten. Während Lígia sich dem Willen ihres Mannes Augusto (Gustavo Vaz) fügt, führen Thereza und Nelson (Alexandre Cioletti) eine sehr offene Beziehung. Neben sexuellen Experimenten beinhaltet dies auch, dass Thereza einem eigenen Beruf nachkommen „darf". Diesbezüglich hat die aus ärmeren Verhältnissen stammende Adélia gar keine Wahl, dafür kann sie sich jedoch über die Ankunft ihres Geliebten, den Kapitän (Alexandre Cioletti), freuen.

Netflix
Netflix - © Netflix

Wohlfühlfaktor 10

Obwohl „Most Beautiful Thing“ eine Dramaserie ist und die tragische Geschichte von Frauen erzählt, die von Gleichberechtigung nur träumen können, kommt beim Zuschauen vor allem ein Gefühl der Zufriedenheit auf. Das mag zum einen an dem warmen Filter liegen, der selbst das Meer zu einer von der Sonne geküssten Unterwasserwelt macht, vielleicht liegt es auch an der musikalischen Untermalung oder dem brasilianischen Flair. Doch auch die ruhig erzählte Story ohne übermäßige Ereignisse lässt viel Platz für schöne Aufnahmen und eine detaillierte Beschreibung unserer Charaktere.

Zugegeben, man muss ein wenig Kitsch schon mögen, um die sich schnell herauskristallisierende Romanze von Maria und Chico mit Spannung zu verfolgen und sich von dem „Ihre Blicke trafen sich über den Raum hinweg"- Moment nicht abschrecken zu lassen. Auch die Inszenierung von schönen Autos, eleganter Mode und was sonst noch zu den Vorzügen der privilegierten Gesellschaft gehört, ist eher nichts für kritische Zuschauer oder Actionfanatiker. Dramafans und Soap-Opera-Anhänger dürfen sich dafür auf eine aufwändig produzierte Serie freuen, die ihr hohes Budget in eine gute Besetzung, ein schönes Erscheinungsbild und ein durchaus überzeugendes Drehbuch gesteckt hat.

Fazit

Eine ambivalente Erzählweise oder realitätsnahe Abbildung der Realität dürfen wir von Most Beautiful Thing wohl eher nicht erwarten. Dennoch weist bereits die erste der insgesamt sieben Episoden durchaus eine ordentliche Menge an Potential für einen mitreißenden Plot mit viel Romantik, erotischen Szenen und einer feministischen Erzählweise auf. Streamen könnt Ihr die erste Staffel voller Charme und Wohlfühlcharakter auf Netflix.

Der Trailer zur Netflix-Serie Most Beautiful Thing im Original mit Untertiteln.

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