Mosaic 1x01

© haron Stone und Paul Reubens in „Mosaic“ (c) HBO
Der von Roger Ebert einst als „Posterboy der Sundance-Generation“ betitelte US-Regisseur Steven Soderbergh ist ein rastloser Entdecker, der ständig nach neuen Herausforderungen sucht. Seine Bandbreite reicht von kleinen Indiefilmen à la „Sex, Lügen und Video“ über oscarwürdige Prestigeprojekte der Sorte „Erin Brockovich“ bis hin zu unterhaltsamen Actionabenteuern wie „Ocean's Eleven“. Mit gerade einmal 55 Jahren kann Soderbergh bereits auf mehr als 40 Regiecredits zurückblicken. Und auch im Serienbereich war er mit Formaten wie The Knick, The Girlfriend Experience, Red Oaks und Godless bereits überaus aktiv.
Wem sonst, wenn nicht Soderbergh, würde man also ein innovatives Experiment wie Mosaic zutrauen? Eine Serie nämlich, die zunächst nur als App konsumiert werden konnte (leider nur in den USA) und die ihren Rezipienten die Möglichkeit bot, die Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu verfolgen. Konkret funktioniert das so: Zunächst sehen die Zuschauer die Pilotepisode - so weit nichts Besonderes. Anschließend können sie jedoch zwischen zwei Pfaden wählen: Entweder sie begleiten das weitere Geschehen aus Sicht der einen Figur oder aus Sicht der anderen. So erhält man vorerst nur einen Teil der relevanten Informationen. Um die Geschichte vollends zu verstehen, kann später aber auch die Sicht der anderen noch einmal nachgeholt werden.

Soderbergh und sein Drehbuchautor Ed Solomon („Men in Black“) versprechen sich von dieser Herangehensweise, dass jedem Zuschauer ein ganz individuelles Seherlebnis offenbart wird. Nicht umsonst wählten die beiden ein klassisches Mordmysterium als zentralen Inhalt der Serie, um so den Rätselspaß noch zu erhöhen. Doch im Prinzip sind solche „Choose Your Own Adventure“-Erzählungen nichts Neues. Im Buchbereich existieren sie bereits seit Jahrzehnten, wobei im Fall von Mosaic die eigentliche Handlung nicht beeinflusst werden kann. HBO, dem Sender der Serie, scheint das Projekt aber trotzdem noch ein wenig zu futuristisch zu sein. Und so strahlt er seit gestern auch eine konventionelle, lineare Fassung aus (ab Valentinstag bei Sky Atlantic HD).
Like pieces of a mirror
Für die Hauptrolle der Serie holte Soderbergh niemand Geringeres als die Golden-Globe-Gewinnerin Sharon Stone („Basic Instict“) an Bord. Sie spielt die gefeierte Kinderbuchautorin Olivia Lake, die leider auch diejenige ist, die am Ende ermordert wird. In der Auftaktepisode mit dem passenden Titel Meet Olivia Lake lernen wir sie kennen. Wir befinden uns vier Jahre in der Vergangenheit. Handlungsort ist das Skisportstädtchen Summit im Mormonenstaat Utah. Dort hat Olivia ein großes Anwesen, eine Stiftung, die die Kreativität von Kindern beflügeln soll, und zahlreiche Bewunderer, die ihr zu Füßen liegen. Und trotzdem ist sie unglücklich: Ihr letztes und einziges großes Werk liegt Jahrzehnte zurück und sie wird geplagt durch bittere Einsamkeit.

Olivia hat nur einen echten Freund, den Exzentriker JC Schiffer (Paul Reubens). Alle anderen scheinen nur irgendwie von ihrem Ruhm und von ihrem Vermächtnis profitieren zu wollen - allen voran ihr schwerreicher Ziehsohn Michael O'Connor (James Ransone), der ein Auge auf ihr Grundstück geworfen hat, weil er dort seltene Erden vermutet. Mit einer gemeinen List versucht der schüchterne Stotterer, sie zum Verkauf zu manipulieren. Dazu engagiert er den Betrüger Eric Neill (Frederick Weller), der sie mit seinem Charme um den Finger wickeln soll. Doch Eric ist nicht herzlos und man erkennt schnell, dass ihm etwas an Olivia liegt. Umso tragischer, dass er am Ende für ihre Ermordung verantwortlich gemacht wird, obwohl es durchaus noch einige andere Verdächtige gibt.
Neben Erics Auftraggeber Michael ist da zum Beispiel noch der aufstrebende Künstler Joel (Garrett Hedlund), den Olivia in ihrer Scheune wohnen lässt, da sie die Hilfe eines kräftigen jungen Mannes gut gebrauchen kann - und ehrlich gesagt auch, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Er wird uns ebenfalls als äußerst tatverdächtig präsentiert - und das bereits in der allerersten Szene. Doch gleichzeitig werden auch ihm ausreichend positive Eigenschaften zugeschrieben, dass wir ihn eigentlich für unschuldig halten wollen. Schnell wird also deutlich: Hier handelt es sich keineswegs um einen leichten Fall. Und die „mosaikartige“ Einführung der involvierten Akteure, inklusive des Opfers, genügt bereits, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen.
Fazit
Auch ohne die technischen Spielereien der App scheint Mosaic als konventionelle Serie problemlos zu funktionieren. Soderbergh und Solomon haben hierbei ein komplexes Mordmysterium gestrickt, das seinen Rezipienten höchste Konzentration abverlangt. Zwar wirkt die Auftaktepisode an vielen Stellen überladen mit Information und Exposition, doch wann immer die grandiose Sharon Stone einen würdigen Schauspielpartner zur Seite gestellt bekommt, entfacht die Serie eine Intensität, die ein Abschweifen der Gedanken unmöglich macht. Der einzige Wermutstropfen bei dem Ganzen: Nach ihrer Ermordung wird Stones Olivia Lake im weiteren Verlauf der Handlung wohl eine deutlich kleinere Rolle spielen.
Eine große Stärke der Serie ist sicherlich auch ihr Setting, die Skiregionen Utahs, das sie von vergleichbaren Formaten abhebt. Ähnlich wie schon im Fall von True Detective, Fargo oder Breaking Bad könnte auch hier der ungewöhnliche Handlungsort geschickt davon ablenken, dass die eigentliche Geschichte doch überraschend gewöhnlich ist. Und dasselbe versucht Soderbergh wohl auch mit der „revolutionären“ Idee der interaktiven Erzählweise, die - wie sich zeigt - ein nettes Gimmick sein mag, aber schlussendlich doch verzichtbar ist. Zukunftsweisend wird Mosaic somit eher nicht sein - selbst wenn bereits zwei weitere Serien dieser Art geplant sind -, unterhaltsam ist sie aber allemal.
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 23. Januar 2018Mosaic 1x01 Trailer
(Mosaic 1x01)
Schauspieler in der Episode Mosaic 1x01
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