Moon Knight 1x06

© oster zur Serie Moon Knight (c) Disney+/Marvel Studios
Sechs Episoden der Serie Moon Knight sind nun vorbei und damit die erste Disney+-Serie, die einen neuen Charakter in dem Marvel-Cinematic-Universe-Sandkasten hinterlässt. Wir werden in diesem Text nicht auf Spoiler verzichten, sondern hinterfragen, wie erfolgreich das storytelling der Serie und die Etablierung der Figur so war.
Was gleich mal bemerkenswert ist: Die Macher und um Jeremy Slater (The Umbrella Academy) und Hauptregisseur Mohamed Diab haben es tatsächlich geschafft, eine Serie abzuliefern, die gänzlich ohne andere Marvel-Cameos auskommt und deswegen prinzipiell völlig eigenständig genossen werden kann. Das ist ein interessantes Experiment, was im direkten Kontrast zu Filmen wie „Spider-Man: No Way Home“ oder „Doctor Strange in the Multiverse of Madess“ steht, für die man Filmwissen der Vergangenheit mitbringen sollte. Jüngst sind Statements aufgetaucht, nach denen zwischendurch mal ein Crossover mit „Eternals“ vorgesehen war. Doch wahrscheinlich ist es besser, dass man „Moon Knight“ auf eigenen Beinen stehen lässt.
Ich habe in der Pilotkritik, die bereits lose auf den ersten vier Folgen basierte, schon einige Probleme benannt, die dann auch im Podcast thematisiert wurden.
Viel gewollt, wenig überzeugend abgeliefert?

Der spannendste Aspekt der Serie ist sicherlich die Einarbeitung von Stevens (Oscar Isaac) Dissociative Identity Disorder (DID). Allerdings ist die Art und Weise, wie man die Übergänge zwischen den Persönlichkeiten gestaltet, auch etwas, was die Zuschauer verwirren kann - und, ja, tatsächlich auch ein Abschaltfaktor. Besonders in den ersten zwei Episoden ist das gewollt, um zu demonstrieren, dass die Figur nicht unbedingt ein konventioneller Ritter des Rechts ist.
Und bisweilen gibt es auch Andeutungen einer mindestens dritten Persona, die in den Untiefen des Geistes schlummert und die die Comicfans ebenfalls kennen. Das ist immer dann der Fall, wenn weder Marc noch Steven wissen, was nach einem plötzlichen Blackout gerade passiert ist und wer Leichen hinterlassen hat. Wer eine Einschätzung darüber lesen möchte, wie gut oder schlecht DID in dem Fall getroffen ist, kann das hier tun.
Spätestens in Folge vier entscheidet sich dann wahrscheinlich, ob man das Format weiterschauen möchte oder nicht. Große Anleihen hat man sich für den Anstaltsexkurs derweil im Run von Jeff Lemire und Greg Smallwood genommen, den man sich für eine Vertiefung ins Thema durchaus mal durchlesen könnte.
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Vielleicht muss man allerdings ohnehin von Marcs DID sprechen, wenn man Folge fünf aka Asylum und die Hintergründe erfährt, die zur Entstehung der Steven-Persönlichkeit führen. Wahrscheinlich würde ich diese Folge schauspielerisch und handlungstechnisch als die stärkste der Produktion bezeichnen, wobei Episode vier, The Tomb, mit dem Afterlife-Twist und der Rekontextualisierung alles zuvor Gesehenen im Anstaltssetting auch für einige Grübler sorgt. Man hat bereits früh etabliert, dass in der ägyptischen Mythologie vor dem Übergang ins Totenreich ein Totengericht stattfindet, bei dem - je nach Gottheit - bestimmt wird, ob man würdig ist oder nicht. Genau das ergründet diese Episode mit einem wilden Trip inklusive Hippo-Gottheit Taweret (gesprochen von Antonia Salib).
Eines meiner persönlichen größten Probleme mit „Moon Knight“ ist das Pacing. Dieses ist gleichzeitig wahnsinnig langatmig (ich hatte es zuvor mit dem Netflix-Pacing so mancher Marvel-Serie verglichen), wenn man sich zu lange mit Micro-Aspekten der Figuren aufhält, und zugleich dennoch gehetzt. In fast jeder Episode gibt es einen neuen Handlungsort: London, Ägypten (inklusive Gottheiten und irgendwie ziemlich langweiligen Avataren in Menschengestalt, die nur Kanonenfutter sind), Anstalt, Zwischenleben, Vergangenheit und die Kreativen möchten alles irgendwo anreißen und erwähnen. Dabei nehmen sie den Zuschauer aber nicht genügend an die Hand, so dass etwas hängenbleiben oder mitreißend genug sein kann. Die Serie ist mal ein bisschen „Nachts im Museum“, dann „Die Mumie“, „Tomb Raider“ oder „National Treasure“, vergisst diese Aspekte aber auch so schnell wieder, wie sie mal eingeführt wurden.
Ich freue mich für jeden Mythologie-Geek, der auf die Chance gewartet hat, dieses ägyptische Wissen mal anbieten zu können. Ich habe aber den Eindruck, dass die Macher der Serie es versäumen, die Gelegenheitszuschauer hier zu überzeugen und oftmals eher oberflächlich Aspekte streifen, statt sie überzeugend aufzuarbeiten und magische Momente zu liefern. Ein Negativbeispiel für diese Ineffektivität ist für mich der „Prozess“ für Harrow.

Harrow ist als Schurke ein Fall für sich. Ganz warm bin ich mit ihm und seiner Motivation nie geworden, was auch daran liegt, dass er ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen zu sein scheint. Immer nur wenige Meter von den Helden entfernt, als Ex-Avatar von Khonshu mit großem Wissensvorsprung gesegnet und als Jünger (und Opfer) von Ammit direkt wieder am Busen der nächsten Gottheit, die wie bei „Minority Report“ bereits potentielle Verbrechen abstraft.
Zu wenig Moon Knight in der eigenen Serie

Große Probleme hatte ich durchgängig mit der visuellen Komponente, die ich vorher in den Disney+-Serien von Marvel meist lobend erwähnte. Die austauschbaren CGI-Kreaturen, aber auch die schwachen Action-Set-Pieces und Hintergründe (die bunten Himmel!) erkannte man meist leider zu eindeutig als aus dem Rechner stammend, was mich immer wieder aus der Immersion gerissen hat.
Es ist völlig okay, die Serie als Charakterstudie zu nutzen, aber der Superheldenaspekt kommt doch arg kurz. Der Anteil von Marc oder Steven in den immerhin schön designten Moon-Knight-Kostümen schwankte im Lauf der Zeit (vor allem in den Episoden vier und fünf) und wurde erst wieder im Staffelfinale herausgeholt. Wenn das Dress dann mal eine Rolle spielte, dann meistens auch tatsächlich nur wenige Sekunden oder Minuten. Hier hat man eines der besten und simpelsten Kostümdesigns des Marvel-Fundus zur Verfügung, dann sollte man es - meiner Meinung nach - auch etwas effektiver nutzen und kann damit gerne mal „angeben“.
Weil man sich wegen der DID der Figur aber oftmals dazu entscheidet, Actionszenen auszusparen - was selbst konsequenterweise den Showdown mit dem allgegenwärtigen Schurken Harrow (Ethan Hawke) einschließt -, dann läuft etwas falsch. Als Ersatz gibt es hier im Finale nur eine Art Kaiju-Battle mit Khonshu (F. Murray Abraham) und Ammit (Saba Mubarak).

Insgesamt gibt es viele kleine Aspekte und Elemente in dem Sechsteiler, die mich eher unbefriedigt zurückließen, so dass es sich einfach läppert. Sobald beispielsweise der Mord an Laylas (May Calamawy) Vater erwähnt wurde, konnte man sich wahrscheinlich denken, in welche Richtung es geht. In The Tomb erfährt sie dann, dass Marc an diesem Tag involviert und Teil der Söldner-Gruppe war, wenn auch nicht explizit Mittäter. Layla wird als Figur sonst immerhin ziemlich kompetent dargestellt und kann sich lange Zeit auch ohne Gottheiten-Verstärkung behaupten.
Dass sie so eindeutig Khonshus Angebot in der sechsten Folgen ablehnt, nachdem sie bezeugt, was das vorher mit Marc gemacht hat, finde ich sehr positiv. Später wendet sie sich dann aber an Taweret, wird zum Scarlet Scarab und teilt ordentlich aus. Ich frage mich, ob das alles ein kleiner Seitenhieb in Richtung „Wonder Woman 1984“ sein soll.

Die Differenzierung zwischen Marc und Steven kriegt Isaac meistens beeindruckend hin. Das ist sicherlich ein Aspekt, der in einer Übersetzung zumindest stellenweise verloren geht. Der Humor hat mich derweil nur selten abgeholt. Ebenfalls beeindruckend, aber nur kurz, ist es, wie Layla ihre Rolle als Scarlet Scarab annimmt und zwischen den Rollen wechselt.
Was mir ebenfalls meistens gut gefallen hat, ist die Songauswahl der Macher. Die Playlist kann man sich ohne Weiteres anhören.
Mr. Knight in Shining Suit?

Mich interessiert wirklich sehr, wie die Entwicklung der Serie bei anderen angekommen ist. Nach der ersten Episode hatte ich online viele Lobeshymnen gelesen. Da ich aber schon wusste, wie es in etwa weitergeht, war meine Begeisterung etwas gebremst und obwohl die Folgen vier und fünf zumindest interessante Richtungen einschlagen, wollte ich die Serie nicht voreilig abschreiben.
Die sechste Episode ist dann allerdings ein recht typisches Marvel-Actionfinale, das insgesamt ein erwartbares Ende präsentiert. Marc und Steven funktionieren als Duo deutlich besser als anfangs, Mr. Knight (Stevens Anzug tragende Version von Moon Knight) darf ab und zu erscheinen und die beiden zeigen im Showdown gegenüber Harrow Gnade. Es ist zwar nicht ganz klar, wie es funktioniert, dass sein Geist anschließend in der Anstaltszwischenwelt landet, aber das muss man wohl so hinnehmen.
Marc und Steven sagen sich von Khonshus Einfluss los, aber so ganz geschlagen gibt sich die Gottheit nicht. Denn die Szene im Abspann wird als essentieller Epilog genutzt, den hoffentlich niemand verpasst hat. Eine mysteriöse Person stattet dem institutionalisierten Harrow nämlich einen Besuch ab und setzt ihn in eine Limo, in der Khonshu sitzt. Am Steuer: Jake Lockley, die dritte Persönlichkeit, von der Marc und Steven nichts wissen und die Spanisch redet. Er schaltet Harrow mit einigen Schüssen aus der schallgedämpften Pistole aus und scheint kein Problem mit einer Khonshu-Allianz zu haben.
Fragt sich nur, ob man eindeutig genug darauf hingearbeitet hat, dass diese dritte Persönlichkeit existiert oder sich die meisten Zuschauer nun fragen, was das eigentlich sein soll. Gerade, wenn man den Antagonisten doch recht eindeutig aus dem Spiel nimmt, ist so eine Art der Post-Credits-Sequenz in meinen Augen gewagt. Natürlich ist die Schwelle sehr niedrig, weil man jederzeit Disney+ öffnen und sie nachholen kann, wenn sie einem entgangen ist. Ich stelle mir trotzdem die Frage, ob das eine effektive narrative Entscheidung ist.
Fortsetzung folgt - oder nicht?

Ob das Ganze nun fortgesetzt wird, ist aktuell offen. Für Awards wird die Serie jedenfalls als Miniserie eingereicht, was aber zum Beispiel die Kollegen von HBO auch nicht davon abgehalten hat, zum Beispiel bei Big Little Lies eine zweite Staffel zu bestellen. Die „Moon-Knight“-Macher selbst üben sich in Schweigen und sagen - wahrscheinlich wahrheitsgemäß -, dass bisher noch keine konkrete Fortsetzung geplant ist. Isaac meinte in Interviews, dass er vorerst nur für diese Season unterschrieben habe.
Ich halte es für ausgeschlossen, dass man „Moon Knight“ nie wieder sieht, aber womöglich wandert er als Gaststar in die Filmsparte. WandaVision wurde auch in „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ fortgesetzt, während „The Falcon and the Winter Soldier“ in einen vierten „Captain-America“-Film überleitet. Loki widerum geht einfach in seine zweite Staffel. Es könnte also Option a oder Option b gezogen werden. Der Sequel-Köder ist durch den Lockley-Auftritt jedenfalls gelegt. Man könnte sich also in einer Fortsetzung dem internen Konflikt widmen und erklären, was es mit Lockley auf sich hat. Allerdings würde eine Figur wie Moon Knight sonst auch in den neuen „Blade“-Film reinpassen...
Fazit
Die TV-Adaption von Moon Knight konnte mich leider nicht vollends von sich überzeugen. Es gibt Elemente, die ganz gut funktionieren, aber auch einiges, was doch etwas zu wünschen übrig lässt. Auch wenn das ironischerweise meistens die Actionszenen sind, die eigentlich zu den Stärken vieler Marvel-Produktionen gehören. Dabei bin ich prinzipiell für Marvel-Formate und Superheldenstoffe immer offen. Von den bisherigen Disney+-Serien rangiert sie bei mir aber wohl aktuell auf dem letzten Platz. Trotzdem stellt der Marvel-Held für mich ein interessantes Experiment dar, weil darin eben kaum MCU-Bezüge zu finden sind.
Wie sieht es bei Euch aus? Mochtet Ihr „Moon Knight“ oder wurdet Ihr trotz des sich ins Zeug legenden Oscar Isaac damit nicht warm?
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Hier abschließend noch ein Trailer zum Staffelfinale der Serie „Moon Knight“, die beim Streamingdienst Disney+ zu finden ist:
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 9. Mai 2022Moon Knight 1x06 Trailer
(Moon Knight 1x06)
Schauspieler in der Episode Moon Knight 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?