
Ich war zugegebenermaßen zwiegespalten nach Sichtung der Pilotepisode von Mob City. Die sechsteilige „Miniserie“ - seit der Verlängerung von Under the Dome sollte man mit diesem Begriff vorsichtig umgehen - sieht in A Guy Walks Into a Bar wunderschön aus. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es Regisseur und Showrunner Frank Darabont offenbar gelungen ist, den Verantwortlichen von TNT genug Budget aus den Rippen zu leiern, um den Auftakt auf Film aufnehmen zu können.
There are a lot of reasons to kill a man: greed, lust, despair.
Trotzdem fühlt sich die Pilotepisode merkwürdig leer an. Es hat beinahe den Anschein, als hätten sich Darabont und die restlichen Produzenten darauf geeinigt, zugunsten der Optik Plot und Geschichte zu vernachlässigen. Stattdessen setzt der Regisseur auf lange Dialoge, bei denen zwar schnell klar wird, worum es geht. Trotzdem kehren sie immer wieder zum Ursprungsthema zurück und käuen dieses wieder. Darabont verschwendet viel Zeit auf die Exposition einer Figur, die am Ende sowieso aus der Geschichte verschwindet.

Mob City verfolgt einen ähnlichen narrativen Ansatz wie Boardwalk Empire, zu Beginn spielt die Serie sogar zur gleichen Zeit wie das große Vorbild aus dem Hause HBO. Die Eröffnungsszene bringt uns zum Höhepunkt der Prohibitionszeit, ins New York des Jahres 1925. In einem sehr fragwürdig konstruierten Überfall berauben die Gangster Meyer Lansky (Jeff Braine), „Bugsy“ Siegel (Jake Lockett) und Sid Rothman (Ryan Dorsey) einen Alkoholtransport.
Diese erste Szene ist das beste Beispiel für den bereits angebrachten Kritikpunkt der fehlenden narrativen Unterfütterung. Darabont favorisiert hier einen möglichst effektvollen Auftakt gegenüber solider erzählerischer Substanz. Die Überfallszene ist wunderbar choreographiert und gespickt mit allerlei technischen Spielereien, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Prämisse des Überfalls ziemlicher Humbug ist. Oder bestünde etwa auch nur der Hauch einer Möglichkeit, dass der Bewacher einer Schmuggeloperation drei vorbeispazierende Musikanten darum bitten würde, ihm etwas Nettes vorzuspielen?
Ab der ersten Szene ist also klar, dass Mob City - genau wie „Boardwalk“ - historische Ereignisse und Figuren mit fiktionalen vermischen wird. Nach der Eröffnung springt die Handlung nach Los Angeles ins Jahr 1947. Das voice-over der Hauptfigur Joe Teague (Jon Bernthal) erklärt uns Zuschauern, was jeder weiß, der auch nur einen einzigen Film Noir gesehen hat. Der Armeeveteran Teague ist Ermittler der Abteilung für organisierte Kriminalität und operiert damit in einer Grauzone zwischen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung: „I live in a world of gray hats.“
Now it's my turn
Teague wird zu einem Treffen in eine Jazzbar eingeladen, wo er Hecky Nash (Simon Pegg) begegnet, der ihm einen lukrativen Deal vorschlägt. Der erfolglose Stand-up-Comedian ist irgendwie in die Position gekommen, einen der gefährlichsten Gangster der Stadt erpressen zu können. Für die geplante Geldübergabe an einem verlassenen Ort in den Hügeln von Los Angeles will er Teague als Bodyguard rekrutieren. Teague winkt ein luxuriöser Stundenlohn. Außerdem gebe es nahezu kein Risiko, da die Mafia niemals einen Polizisten erschießen würde. Solange Teague also seine Dienstmarke gut sichtbar am Hosenbund trage, könne gar nichts schiefgehen.

Teague geht den Deal also ein. Am nächsten Morgen weiß sein Vorgesetzter Hal Morrison (Jeffrey DeMunn) jedoch schon davon. Er hatte Teague von zwei Kollegen überwachen lassen. Welchen Anlass Morrison dazu hatte, seinen Untergebenen observieren zu lassen, wird nicht aufgeklärt. Jedenfalls riechen die karriereorientierten Mafiajäger einen großen Coup und holen sich vom designierten nächsten Polizeichef William Parker (Neal McDonough) die Erlaubnis, die bei dem Treffen anwesenden Mitglieder des organisierten Verbrechens dingfest zu machen.
Wie sich am Ende der Episode jedoch herausstellen wird, verfolgt Teague seine ganz eigene Agenda beziehungsweise die seines mächtigen Auftraggebers Bugsy Siegel. Den bekommen wir in der Auftaktepisode gar nicht zu sehen, lediglich seinen Mittelsmann Ned Stax (Milo Ventimiglia) und seinen Mann für die Drecksarbeit, Syd (Robert Knepper). Letztgenannter taucht in einer Szene auf, die völlig isoliert von der restlichen Handlung zeigt, wie Syd einen in Ungnade Gefallenen im Beichtstuhl erschießt. Auch hier galt wohl einmal mehr die Direktive „Effekt schlägt Substanz“.
Fazit
Mob City feiert mit A Guy Walks Into a Bar einen wahrlich sehenswerten Auftakt - solange man das Adjektiv wortwörtlich versteht. Die Serie ist echtes eye candy, Regisseur Darabont beweist einmal mehr all seine kunstfertigen technischen Fähigkeiten. Bildkomposition, Ausleuchtung, Kameraführung: Daran gibt es wahrlich nichts auszusetzen.
Und trotzdem konnte ich beinahe über den gesamten Verlauf der Episode das Gefühl nicht abschütteln, dass es sich der Regisseur damit ein bisschen zu einfach gemacht hat. So sehr der Stoff nämlich optisch brillant umgesetzt ist, so fehlt doch ein ganz zentrales Merkmal: eine griffige und interessante Geschichte.
Das Drehbuch erscheint merkwürdig aufgebläht, so als hätten die Autoren nicht genug Stoff, um eine Dreiviertelstunde mit Plot zu füllen. Die langen Dialoge sind ein erstes Indiz dafür und die Redundanz mancher Dialoge spricht schon eine deutlichere Sprache. Da darf Hecky Nash wortreich erklären, dass nun endlich „seine Zeit“ gekommen sei und er ein neues Leben beginnen könne. Spätestens bei der dritten Wiederholung oder ähnlichen Ausformulierung dieser Formel dürfte jedoch jedem Zuschauer klar gewesen sein, dass Nash die Episode nicht überleben wird.
Die durchweg exzellent besetzte Darstellerriege lässt sich übrigens nichts zuschulden kommen. Jon Bernthal darf nach recht eindimensionaler Charakterzeichnung in The Walking Dead endlich einmal beweisen, was er als Schauspieler kann. Er macht aus Darabonts Endlosdialogen das Beste. Auch verschiedene Nebenrollen sind mit versierten Serienschauspielern wie Gregory Itzin (als korruptionsbekämpfender Bürgermeister von Los Angeles) oder Neal McDonough ausgezeichnet besetzt.
Leider bewegen sich diese Figuren in der Auftaktepisode allzu oft auf vorgezeichneten und leidlich bekannten Charakterpfaden. Deshalb gerät Mob City zu einer Ausstattungs- und Kulissenorgie, die vergisst, eine mitreißende Geschichte zu erzählen.