Midnight Family 1x01

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Das passiert in der Serie „Midnight Family“
Marigaby Tamayo (Renata Vaca) ist eine begabte Medizinstudentin, doch sie hütet ein Geheimnis. Ihre Familie betreibt in Mexiko-Stadt einen privaten Rettungsdienst, so studiert sie morgens und arbeitet entgegen der Universitätsstatuten nachts ohne Lizenz als Ärztin. Ihr herzkranker Vater Ramón (Joaquín Cosio) fährt den Ambulanz-Wagen, ihr Bruder Marcus (Diego Calva) ist der Sanitäter. Und auch der kleine Julito (Sergio Bautista) fährt im Krankenwagen mit und hilft, wo er kann. In den heißen Straßen der überfüllten Stadt in der Serie Midnight Family kämpfen Marigaby und ihre Familie nicht nur jede Nacht um das Überleben verletzter Menschen, sondern auch darum, ihre Einsätze bezahlt zu bekommen und so den Unterhalt für die Familie zu sichern...
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Medical Dramas gehen fast immer
Eigentlich gehören Procedural-Medical- und -Dramaserien um Ersthelfer in Extremsituationen zum ebenso festen wie beliebten Repertoire des linearen und des Streaming-Fernsehens. Man denke nur an 9-1-1, Chicago Fire, in Deutschland „Die Bergretter“ oder die aus Großbritannien stammende großartige The Responder mit dem „Hobbit“-Star Martin Freeman in der Hauptrolle.
All diese Formate verbinden Drama, Action, Medical und einen Schuss Seifenoper miteinander und sind damit höchst erfolgreich. Kein Wunder also, dass auch andere Länder ihre eigenen, aus dem Leben gegriffenen Geschichten erzählen möchten. So beispielsweise jüngst geschehen durch den mexikanischen Produzenten, Regisseur und Drehbuchautoren Gibrán Portela, der mit „Midnight Family“ ein entsprechendes Projekt für Apple TV+ verwirklichte.
Die ersten beiden Folgen stehen nun seit Neuestem zur Verfügung und vermitteln einen kleinen Eindruck davon, wie Rettungsdienste in Mexiko City arbeiten. In der Kernstadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern und insgesamt nur 100 städtische Ambulanzen hat sich eine blühende „Rettungswagenpiratenkultur“ herausgebildet, der die Helden unserer Geschichte angehören.
Zwischen Action und Seifenoper
Das ist ein interessanter Ansatz, den man so noch nicht gesehen hat und der Spannung verspricht, weil Marigaby und ihre Familie nicht nur überall dort sind, wo „Die Luft brennt“, sondern sich auch mit der Konkurrenz herumschlagen müssen. Da gibt es dann schon einmal ein Rennen mit einem anderen Krankenwagen, der natürlich zuerst vor Ort sein will, um das Geld für einen möglichen Einsatz einzuheimsen.
Bevor wir das alles erfahren, lernen wir jedoch zunächst Marigaby Tamayo kennen, eine junge begabte Medizin-Studentin, die soeben einen Teil ihrer Masterprüfung absolviert. Dass sie trotz toller Leistung nur eine zwei bekommt, liegt daran, dass sie nachts mit Papa und Brüdern durch die Straßen Mexikos flitzt, um Leben zu retten und Geld zu verdienen. Ihre Professoren wissen von ihrem ohnehin gegen die Uniregeln verstoßenden Job indes nichts und halten sie für eine Partygängerin, was ihr gleich einmal eine Abwertung in der Benotung einbringt.
Damit sind wir bereits über die wichtigsten Details der Hauptfigur informiert, die in der nächsten Szene dann auch im familieneigenen Rettungswagen abgeholt wird. Der folgende Einsatz um eine Frau, die von ihrem angetrunkenen Ehemann verprügelt wurde, versprüht ein durchaus ansehnliches Lokalkolorit, das uns einen Eindruck von der immer noch patriarchalisch geprägten Kultur in Mexiko vermittelt.
Dass Produzent Portela diesen Lebensstil verständlicherweise nicht wohlgesonnen ist, geht aus den zwar nicht sonderlich tiefen, aber passenden Dialogen zwischen dem Opfer und Marigaby hervor, eine gute Idee, die ein wenig Background in die Geschichte bringt.
Allerdings driftet die Episode anschließend im gesamten Mittelteil in Richtung Seifenoper ab. Marigaby schläft heimlich mit einem Dozenten, Ramón ist schwer herzkrank und benötigt eine besondere Behandlung und seine Ehefrau möchte, dass der Jüngste bei ihm einzieht.
Den Figuren ein Leben zu verleihen und sie nicht einfach nur in Actionmanier agieren zu lassen, ist an sich vollkommen richtig, doch in diesem Fall nimmt der ruhige Part zu viel Zeit in Anspruch, was arg auf das Tempo der Episode und die Motivation der Zuschauenden drückt. Wer ein Format wie dieses sieht, möchte in erster Linie seinen Voyeurismus befriedigen und als eine Art „Couchzeuge“ fungieren. Je dramatischer der Einsatz, so die einfache Formel, je höher die Spannung. Ein wenig Familiengeplänkel zwischendurch darf und muss sein, aber bitte wohldosiert und auf das Nötigste beschränkt.
Die gute Mischung aus beiden Elementen gelingt in „Midnight Family“ hingegen nur semioptimal. Bei 50 Minuten Sendezeit dreht sich etwa die Hälfte der Folge um private Themen, wobei der erste Einsatz noch nicht einmal sonderlich spektakulär ist.
Besser gelingt da schon das letzte Drittel, in dem Ramón zu einem Großbrand gerufen wird, bei dem ein Mietkomplex lichterloh in Flammen steht. Und nun spielt die Serie endlich ihr großes Potential aus, denn die Rettung einer Frau und ihres Babys, der tragische Tod des Vaters und Marigabys anschließende Verzweiflung sind toll und mitreißend inszeniert.
Ein großes Lob darf man an dieser Stelle einmal für die sehr gut gelungene und routinierte Maskenarbeit aussprechen. Die Verwundungen der Opfer sind so realistisch wie irgend möglich gestaltet, die ausgewählten Schauspielenden und Statisten machen ihre Sache sehr gut und das Szenenbild ist mit zahlreichen Feuerwehrwagen, Ambulanzen, hart arbeitenden Helferinnen und Helfern und Schaulustigen ausstaffiert.
Am Ende retten Marigaby und ihrer Familie einer Frau und ihrem Kind das Leben, womit der zuerst nicht ganz unabsichtlich gestreute Verdacht, die Tamayos seien sozusagen Geldgeier im Engelskleid abgemildert wird. Vor allem Marigaby will Ärztin aus Überzeugung werden und Menschen helfen. Klar, die Familie muss irgendwie überleben, doch wenn es darum geht, zu helfen, steht das Geld für sie an zweiter Stelle.
Kein Cliffhanger

Was der Serie schmerzlich fehlt, ist letztlich allerdings ein Cliffhanger und damit ein narrativer Aufhänger, der uns über zehn einstündige Episoden bei der Stange hält. Es wirkt so, als sollten wir die Familie Folge für Folge begleiten, ohne dabei durch einen übergeordneten Handlungsbogen in eine bestimmte Richtung geführt zu werden. Das funktioniert heutzutage selbst im linearen TV nicht mehr, weshalb so ziemlich jedes Format zumindest rudimentär über einen seriellen Ansatz verfügt. Es bleibt abzuwarten, ob „Midnight Family“ diesen letztlich bietet und ob er dann spannend genug ist, um die Staffel weiterverfolgen zu wollen.
Fazit
Ich stehe auf Procedural-Dramas und habe mich daher über die Ankündigung von „Midnight Family“ sehr gefreut, zumal mexikanische Serien oftmals besser als ihr Ruf sind. Beim Review dieses Formats sind mir viele gute Ansätze aufgefallen, die man unbedingt weiter ausbauen sollte. Allerdings darf Gibrán Portela gerne die Längen reduzieren und den Spannungsbogen in die Höhe treiben. Ich möchte den Adrenalinkick, über den Marigaby berichtet, spüren und nah am Geschehen sein.
Dass die Studentin eine Beziehung zu einem Dozenten hat, ist ja schön und gut, doch wenn sie aus dem Off sagt, sie wisse, ihre Affäre klänge nach einer Seifenoper, klingt das schon sehr nach einer Entschuldigung. Dennoch: Schlecht ist das Ganze nicht, auch wenn es noch viel Luft nach oben gibt...
Wir verteilen daher drei von fünf Rettungseinsätzen.
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 27. September 2024Midnight Family 1x01 Trailer
(Midnight Family 1x01)
Schauspieler in der Episode Midnight Family 1x01
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