Kritik zur neuen Showtime-Miniserie Patrick Melrose mit Benedict Cumberbatch

© m Zustand dauerhafter Erregung: Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch) (c) Showtime
Zu viel Geld und ein Vaterkomplex, das war noch nie ein Rezept für ein erfolgreich begangenes Leben. Da Patrick Melrose beides im Überfluss hat, ist es nicht weiter verwunderlich, dass es ihm bereits schwerfällt, auch nur ein paar Stunden - geschweige denn einen ganzen Tag - ohne die Einnahme mehrere harter Drogen zu verbringen. Und so wird aus der Pilotepisode Bad News eine höchst unterhaltsame, atemlose Mischung aus „Trainspotting“ und „The Wolf of Wall Street“, in der vor allem Benedict Cumberbatch als Hauptdarsteller glänzt.
Cruelty is the opposite of love
Patrick lebt in London, und so wie es aussieht, vertreibt er sich die Zeit mit nicht viel mehr als Drogen, Alkohol und Frauen. Die Geschichte kommt ins Rollen, als er einen Anruf aus New York erhält, demzufolge sein ihm äußerst verhasster Vater David (Hugo Weaving) verstorben ist. Die Nachricht nimmt er äußerst gelassen hin, was hauptsächlich daran liegt, dass er sich kurz zuvor Heroin in die Venen gespritzt hat. Später ist er schon aufgekratzter, als er seiner Bettgespielin Debbie (Morfydd Clark) davon erzählt. Da versetzt ihn die Neuigkeit in Feierlaune.
So könnte es nun pausenlos weitergehen, aber Patricks Gefühle für seinen Vater sind komplexer als nur reine Ablehnung. Dieser ständige innere Widerstreit zwischen sarkastischer Verhöhnung des Erzeugers und Hadern mit den eigenen Trauergefühlen bildet den emotionalen Kern der Serie, die blitzschnell zwischen himmelschreiendem Witz und bitterbösem Drama changieren kann. Das ist nicht nur der exzellenten Arbeit von Drehbuchautor David Nicholls zu verdanken, der hier die Romanreihe von Edward St Aubyn adaptiert, sondern auch der fulminanten Regie von Edward Berger, der sich Anleihen bei so unterschiedlichen Größen wie Martin Scorsese oder Wes Anderson nimmt.

In New York angekommen, stürzt Patrick in ein emotionales schwarzes Loch, das seiner Meinung nach nur mit der erhöhten Einnahme von Rauschmitteln kompensiert werden kann. Dabei hat er sich dieses Mal doch geschworen, endlich von dem Zeug wegzukommen. Wie wir aber schnell feststellen, sind diese Worthülsen leerer als das Innere von Donald Trumps moralischem Gewissen. Jede kleine Aufregung erfordert eine Erhöhung der Dosis, jede Begegnung mit alten und neuen Bekannten endet im zwischenmenschlichen Desaster. Am Ende versucht Patrick, die Urne mit der Asche seines Vaters zu zerstören, und als das nicht klappt, sich selbst.
Es hat wohl bereits mehrere Selbstmordversuche gegeben, schon als Kind hat er daran gedacht, sich einen dunklen Brunnenschacht hinabzustürzen, wie eine der Rückblenden beweist. Während sein Vater darin quasi dauerpräsent ist, kommt seine Mutter Eleanor (Jennifer Jason Leigh) lange Zeit nur als Stimme, nur als Idee vor. Erst ganz am Schluss tritt sie ins Bild, als sie ihrem jungen Sohnemann verspricht, ihn nicht alleine zu lassen, kurze Zeit später aber aus der Tür geht und diese hinter sich zufallen lässt. Zum Drama des misshandelnden Vaters gesellt sich jenes von der unaufmerksamen, sorglosen Mutter.
Das alles ist hochdramatischer Stoff, dank des hervorragenden Drehbuchs, der tollen Regie und eines exquisiten Cumberbatch wird daraus aber eine unnachgiebig erzählte Tragikomödie, die uns Fußvolk versichert, dass alles Geld auf der Welt auch nicht glücklich macht. Vielleicht ist es so, vielleicht auch nicht - das spielt hier nicht wirklich eine Rolle. Was zählt, ist der diebische Spaß, den es macht, dieser kaputten Figur dabei zuzusehen, wie sie sich immer weiter zugrunderichtet.