Bei ABC ist die Serie Marvel's Agent Carter an den Start gegangen. Diese ist durch ihre Hauptfigur Peggy Carter eng mit der Figur Captain America verknüpft und erzählt gleichzeitig die Anfänge von S.H.I.E.L.D. Wie schlägt sich Marvels erster weiblicher Serienstar?

Szenenfoto aus der Episode „Now Is Not the End“ der US-Serie „Agent Carter“ / (c) ABC
Szenenfoto aus der Episode „Now Is Not the End“ der US-Serie „Agent Carter“ / (c) ABC
© (c) ABC

Die ABC-Serie Marvel's Agent Carter ist in ihrer ersten Staffel nur acht Episoden lang. Demnach ist eine Erwartung an die Serie, dass sie eine fokussierte Story erzählt, die nicht viel Zeit mit Füllmaterial verschwendet. Doch ist das so? Nach Sichtung der ersten beiden Folgen wird deutlich, dass es deutlich serieller zugeht als bei Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. und das ist auch positiv zu bewerten. Gleichzeitig ist es aber auch riskanter, denn Serials wachsen selten in den Einschaltquoten. Was hat der Serienpilot sonst zu bieten?

This is a man's world?

Szenenfoto aus der Episode %26bdquo;Now Is Not the End%26ldquo; der US-Serie %26bdquo;Agent Carter%26ldquo; © ABC
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Dass die Verknüpfung zu Captain America (Chris Evans) für Peggy Carters (Hayley Atwell) Motivation wichtig ist, zeigt bereits die Entscheidung, die Serie mit der Schlüsselszene aus dem ersten Film zu beginnen. Das Opfer des Helden verhindert nämlich potentielles Liebesglück. Doch damit nicht genug, denn nach dem Krieg übernehmen die Männer wieder das Ruder. Während Peggy zu ihrer Zeit mit Cap also noch ordentlich austeilen konnte, gilt es nun, sich anzupassen.

Gegenüber ihrer Mitbewohnerin muss sie ihre echte Arbeit geheim halten und vorgeben, bei der Telefongesellschaft zu arbeiten. Gegenüber den männlichen Agenten muss sie zurückstecken und wird zu organisatorischen Tätigkeiten verdonnert, die sie jedoch, wenn überhaupt, nur widerwillig annimmt und stets Kontra gibt. Dazu kommen die dummen Sprüche einiger Männer, die in den 40ern eben noch chauvinistischer unterwegs waren.

Bald trudelt ein wichtiger Auftrag ein, denn Howard Starks (Dominic Cooper) Erfindungen tauchen auf dem Schwarzmarkt auf und der Erfinder zeigt sich der SSR („Strategic Scientific Reserve“) gegenüber wenig kooperativ. Also wird Agent Thompson (Chad Michael Murray) damit beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen. Peggy macht ihre Bedenken laut, wird jedoch von Chief Roger Dooley (Shea Whigham) abgewiesen. Einzig Agent Daniel Sousa (Enver Gjokaj) setzt sich dafür ein, dass die Männer nicht so respektlos ihr gegenüber sind, muss sich dann aber anhören, dass sie selbst auf sich Acht geben kann. Dennoch bleibt Sousa im Verlauf der Episode derjenige, der am besten mit Agent Carter kann und sympathisch rüberkommt.

Bei einem Besuch in Peggys Stammdiner lernen wir Angie (Lyndsy Fonseca) kennen, eine Kellnerin mit Schauspielambitionen, die nachvollziehen kann, wie schwer es für Peggy als berufstätige Frau ist. Auch sie hat mit Machos und Chauvis zu tun, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als sie sich ein Stück vom Kuchen holt, findet Peggy eine Botschaft auf der Serviette vor. Jemand möchte sich mit ihr treffen, stellt sich dabei aber ungeschickt an. Im schlecht beleuchteten Hinterhof sollte man sich nämlich vorstellen, ehe man auf eine Wildfremde trifft. Das lernt Edwin Jarvis (James D'Arcy), Howard Starks Angestellter, dann auch auf die harte Tour. Stark nimmt Peggy ins Vertrauen und gibt ihr einen eigenen Auftrag: Sie soll ihr Leben und ihren Job aufs Spiel setzen und in der SSR ein Auge auf die Ermittlungen werfen, um seinen Namen reinzuwaschen.

Kurz gesagt: potentieller Hochverrat. Dennoch lässt sich Peggy darauf ein, denn einige von Starks Erfindungen sind in den falschen Händen sehr tödlich. So etwa auch die explosive Mischung, die im Piloten im Zentrum steht. Stark selbst will in Übersee nach dem Rechten sehen und lässt ihr als Unterstützung deswegen Jarvis da. Dieser ist jedoch ein Mann der Gewohnheiten. Essen mit seiner Ehefrau um 19 Uhr, Schlafen um 21 Uhr und auch sonst ist er eher festgefahren. Für Agent Carter, die hauptsächlich nachts agiert, also zunächst keine große Hilfe.

Kein Marvel ohne McGuffin

Szenenfoto aus der Episode %26bdquo;Now Is Not the End%26ldquo; der US-Serie %26bdquo;Agent Carter%26ldquo; © ABC
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Auch „Agent Carter“ kommt nicht ohne ein klassisches McGuffin aus - genau wie viele der anderen Marvel Studios-Produktionen. Hier ist es das gelb-orange explosive Mittel, das ganz leicht Häuserblöcke dem Erdboden gleichmachen kann. Sicherlich werden auch andere Stark-Erfindungen im Verlauf der Staffel auf der Bildfläche erscheinen, die Peggy aus dem Verkehr ziehen muss.

Peggy jedenfalls erfährt von Sousa, dass ein gewisser Spider Raymond (Andre Royo) das gesuchte Mittel hat und stellt in einem Jazzclub eigene Ermittlungen an. Sie weiß es zu nutzen, dass andere sie unterschätzen. So schleicht sie sich in die eigentlich geheime SSR-Besprechung und serviert Kaffee und zieht sich ein atemberaubendes Kleid an, um Spider lasziv zu verführen beziehungsweise ihn bewusstlos zu machen. Auch sonst sollte man Peggy nie unterschätzen, denn in ihren Händen wird auch ein Tacker zur Waffe. Kurzerhand entwendet sie die ungewöhnliche Granate und kehrt nach Hause zurück.

Ihrer kranken Mitbewohnerin bietet sie an, einen Tee zu machen und verzieht sich dann ins Bad, wo sie - ein wenig lebensmüde - die Granate außer Gefecht setzt. Doch sie war unvorsichtig und jemand ist ihr gefolgt. Für Colleen bedeutet das den Tod und für Peggy, dass eine weitere Person stirbt, die ihr nahesteht. Für die Zuschauer bedeutet das eine nette Kampfszene zwischen Peggy und ihrem Verfolger, an deren Ende sie ihn aus dem Fenster werfen kann, was allerdings nicht dessen Ende bedeutet.

Beim anschließenden Treffen versucht Jarvis, ihr Mut zuzusprechen, denn im Endeffekt dürften durch ihren Einsatz zahlreiche Leben gerettet werden. Doch das wird man erst erfahren, wenn man damit weitermacht. Die Spur führt zu Roxxon Oil, einer Firma, die schon mehrfach im Marvel-Cinematic-Universe aufgetaucht ist, am prominentesten bisher in „Iron Man 3“, aber bisweilen auch im Hintergrund anderer Filme. Und genau dorthin verschlägt es auch Peggy und Jarvis, der mit einem von Starks Autos Geleit gibt.

Peggys Anschleichen wird durch Jarvis' Warnung fast zerstört, doch die Agentin hat eine gute Improvisationsgabe und kann einen der Männer, die vor Ort sind, „blitzdingsen“ und dem anderen namens Leet Brannis (James Frain), der mithilfe einer elektronischen Sprechhilfe kommuniziert, zumindest entlocken, dass sein Auftraggeber Leviathan heißt. Doch der Vorrat an explosiven Kugeln ist immens, was Brannis die Flucht ermöglicht, denn eine davon wird scharf und Peggy muss schleunigst entkommen. Per Funk soll Jarvis sich und das Auto in Stellung bringen und Peggy flüchtet äußerst riskant, indem sie sich auf das Dach das Autos schmeißt und Jarvis Gas gibt. Zusammen entkommen sie recht knapp, ehe von der Anlage nur noch ein großer Schrottklumpen übrig ist.

Für Peggy droht ihr Einsatz an mehreren Fronten aufzufliegen. Der Mitbewohnerinmörder, der über eine Zwei-Wege-Schreibmaschine mit seinem Auftraggeber spricht (Fringe lässt grüßen), ist ihr ebenso auf der Spur wie die Männer vom SSR. Denn Thompson hat den Fotografen befragt, ob er die blonde Frau, als die Peggy sich im Club ausgegeben hat, sich auf seinen Fotos befindet. Die Auswertung wird aber noch bis zur zweiten Folge dauern.

Später im Diner lässt Peggy es sich nicht nehmen, sich für ihre Freundin bei ihrem schwierigen Kunden einzusetzen, der sich über die Eier beschwert und einen unpassenden Vergleich zieht. Mit einer Gabel droht sie, ihm große Schmerzen zuzufügen, wenn er sich kein anderes Lokal sucht, wo er seinen Hass und seinen Sexismus verbreiten kann. Immerhin eine kurzfristige Lösung, damit Angie etwas unbeschwerter kellnern kann.

Ominös ist auch die letzte Szene, in der Jarvis wohl mit Howard Stark telefoniert und der Verdacht geschürt wird, dass mehr hinter seinem Geheimauftrag steckt. Denn laut Jarvis schöpft sie keinen Verdacht. Was verbergen sie?

Wie ist es gelungen?

Marvel's Agent Carter wirkt wie eine Mischung aus Alias, Screwballcomedy und „pulpiger“ Old-School-Spionage mit einem Schuss Mad Men. Zumindest in der Pilotepisode wird sehr stark deutlich gemacht, dass sich Peggy gegen die Umstände der Zeit durchzusetzen versucht, obwohl die Übermacht der Chauvis und Machos immens ist. Dennoch lässt sie sich nicht unterbuttern und ist allein kompetenter und besser auf Zack als die gesamten Männer beim SSR zusammen. Es ist also begrüßenswert, dass die erste Marvel-Soloserie über eine solche starke Frauenfigur verfügt und dazu noch einer Figur aus dem ersten Captain-America-Film gewidmet wird, die schon dort ein Geheimfavorit war.

Hayley Atwell trägt diese Serie und das bisher ganz vorzüglich. Wenn es schon auf ein „Alias in den 40ern“ hinauslaufen würde, wäre das sehenswert. Was noch etwas ausgebaut werden muss, sind die anderen Figuren in ihrem Büro, die hoffentlich nicht alle so festgefahren bleiben. Sousa zeigt bereits, dass es auch anders geht, wobei man hier fast fürchten muss, dass es noch einen Twist geben könnte.

Dazu gibt es einige offensichtliche und weniger offensichtliche Referenzen an das Marvel-Universum. Vornehmlich zu Captain America und den Red Skull, aber auch zu D. Erskine (Stanley Tucci), der hinter Projekt Rebirth steht und natürlich Roxxon. Das Zusammenspiel zwischen Peggy und Jarvis sorgt ebenfalls für ordentlich Erheiterung, denn die „Odd-Couple-Chemie“ zwischen Superagentin und konservativen Angestellten passt bisher ganz gut. Für die Widersacher hat man sich gute Charakterköpfe ausgesucht und durch die Tattoos, Leviathan und das Unvermögen, zu sprechen einige kleine Rätsel ausgedacht, die man im weiteren Staffelverlauf aufdecken kann.

Auch die Newsreel-Aufnahmen sind ein charmanter Bonus, der in der zweiten Episode auf andere Weise aufgegriffen wird. Kurz habe ich mich gefragt, ob das Opfer der Mitbewohnerin nötig war, wenn Peggy doch schon Cap verloren hat, aber im Prinzip unterstreicht das nur, wie gefährlich ihre Arbeit für die Personen um sie herum ist und verschärft noch einmal das Risiko.

Fazit

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Die erste Episode von Marvel's Agent Carter macht einen guten Eindruck und dürfte vor allem Fans der wunderbaren Hayley Atwell zufriedenstellen (dieses Kleid!). Schon in ihrer Black Mirror-Episode durfte sie glänzen und die Rolle in dieser Serie scheint dafür maßgeschneidert zu sein, ihre Wandelbarkeit zu zeigen. Die Marvel-Formel wird wieder angewendet: Humor, Action, Verschwörungen und Mythologie werden von Beginn an aufgebaut und hoffentlich in einem knackigen achtteiligen Paket abgeliefert. Ich habe jedenfalls Lust auf den Ausflug in die 40er.

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