Mit dem Politdrama Marseille beginnt Netflix eine große Offensive in Sachen Eigenproduktionen auf dem europäischen Fernsehmarkt. Ähnlich ambitioniert wie der Streaminganbieter ist auch die französische Serie mit Gérard Depardieu selbst, die einen soliden, aber nicht makellosen Auftakt feiert.

Benoit Magimel und Gérard Depardieu in „Marseille“ / (c) Netflix
Benoit Magimel und Gérard Depardieu in „Marseille“ / (c) Netflix

Nachdem Netflix auf internationaler Ebene bereits zahlreiche Serienproduktionen angestoßen hat und nach eigener Aussage mitunter große Erfolge mit diesen verzeichnen konnte (das Drogendrama Narcos sticht hier besonders hervor, Serien wie Marco Polo oder Club de Cuervos sind eher Nischenformate), folgt nun der für manche eventuell längst überfällige Schritt auf die europäische Bühne. Das facettenreiche Sense8 stellte noch eine Art bunte Mischung für die verschiedensten internationalen Fernsehmärkte und Zielgruppen dar, der Serienneustart Marseille markiert jetzt aber ein für alle Mal den Start einer neuen Produktstrategie des VoD-Anbieters.

Die französische Dramaserie über die komplexen Irrungen und Wirrungen der Komunalpolitik in der südfranzösischen Metropole Marseille ist dabei nur der Anfang: 2017 kommt mit Dark die erste deutsche Serienproduktion von Netflix auf den Markt, in diesem Jahr folgt noch das britische Historiendrama The Crown über das Leben von Elizabeth II. Und auch in Spanien werkelt man gerade an einer Idee für den dortigen Serienmarkt, die bestenfalls auch über die Grenzen der iberischen Halbinsel hinaus Anklang findet. Die Ambitionen von Netflix sind klar und deutlich, gleichzeitig ist es löblich, dass sie ihren „Kader“ an Serien immer wieder erweitern, verschiedene Geschmäcker und dadurch auch ein sehr breites Publikum bedienen wollen.

Pour Marseille

Inwiefern dies mit „Marseille“ gelingen wird, bleibt jedoch abzuwarten. Der Stil des Politdramas aus der Feder von Dan Franck ist theatralisch, nahezu übertrieben episch in vielen Momenten und bisweilen schrecklich dramatisch. Gelegentlich fühlt man sich gar an eine Seifenoper von altem Schlag erinnert, mit großen Augenblicken, in denen eigentlich nur noch hochdramatische Musik zum Abschluss einer jeden Szene fehlt. Ob und wem dies gefallen wird, muss sich zeigen. Fakt ist aber auch, dass die Auftaktepisode neben dieser offensichtlichen Eigenart des überspitzten, überdramatischen Ton auch eine ganze Reihe an anderen Aspekten zu bieten hat, die Lust auf mehr machen und großes Potential in sich bergen.

Benoît Magimel in %26bdquo;Marseille%26ldquo; © Netflix
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Circus

In Marseille folgen wir Robert Taro (ein sichtlich aufgedunsener Gérard Depardieu), dem Bürgermeister Marseilles, der zweitgrößten Stadt Frankreichs nach Paris. Dieser ist seit über 20 Jahren im Amt und hat sich ein gewaltiges Vermächtnis aufgebaut, das er nun mit einem groß angelegten Hafenprojekt - Business Center, Casino, Hotels, eine Promenade - vergolden will. Dann ist er auch bereit, abzutreten und seinem Protegé Lucas Barrès (Benoit Magimel) den Vortritt zu lassen, der aus einfachen Verhältnissen kommt, zu einer Art Ziehsohn für Taro wurde und nun in dessen politische Fußstapfen treten soll.

Es kommt aber natürlich alles ein klein wenig anders, hat Barrès doch ein für alle Mal genug davon, nur als Schoßhund seines Förderers (und ärgsten Konkurrenten um die politische Macht in der Stadt) betitelt zu werden. Am Ende der Auftaktfolge tritt der hochambitionierte Barrès endlich aus dem Schatten Taros und reibt diesem genüsslich unter die Nase, dass er 20 Jahre lang auf diesen einen Moment gewartet hat: Der Moment, in dem er sich von diesem alten Relikt löst und selbst nach der politisch einflussreichsten Position in Marseille greift. Los geht es, das verzwickte Spiel um Macht und Kontrolle, in dem sich jeder selbst der Nächste ist und man enge Freunde für persönlichen Agenden unter den fahrenden Wagen schubst.

Men of principle

Marseille an sich stellt eine vielseitige Kulisse für all die politischen Machtkämpfe dar, was die Pilotepisode erfolgreich vermittelt: Der Handlungsort ist eine Stadt der Kontraste, von den Prunkbauten der Schönen, Reichen und Mächtigen geht es in die heruntergekommenen Problembezirke, wo die Kriminalitätsrate hoch ist. Diese Vielfalt, mit Blick auf den kulturellen Schmelztiegel, den die Mittelmeermetropole zu bieten hat, ist vielversprechend und könnte im Laufe der ersten Staffel die Stadt Marseille an sich zu einem eigenen Charakter werden lassen, mit Ecken und Kanten sowie einer Bevölkerung, die über eine ganz besondere Mentalität und Eigenwahrnehmung verfügt, wie Taro an einer Stelle festhält.

Die eigentlichen Charaktere präsentieren sich derweil solide, auch wenn hier und da noch deutlich Luft nach oben besteht. Depardieu, der in jüngster Vergangenheit mehr in der Klatschpresse als in erwähnenswerten Film- oder Serienproduktionen zu finden war, schlägt sich gut und authentisch in dieser (Fast-)Elder-Statesman-Rolle des allmächtigen Taro, der neben politischen Querelen auch mit gesundheitlichen Problemen und dunklen Geheimnissen aus seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Sein Gegenpart, Benoit Magimel, fällt in der ersten Folge vor allem durch ein furchtbar zusammengekniffenes Gesicht und einem fiesen Ausdruck auf, der nichts Gutes vermuten lässt. Bei seiner Charakterzeichnung übertreibt man es ein wenig: Zum einen möchte man zeigen, dass ihm die Stadt und ihre Bewohner am Herzen liegen. Zum anderen trägt der gute Magimel bisweilen dermaßen dick auf, unter anderem über seine Mimik, dass seine Motive alles andere als subtil etabliert werden.

Wolf and lamb

Ein Problem, dem sich Marseille im Allgemeinen ausgesetzt sieht: Mitunter präsentiert man uns dermaßen bedeutungsschwangere Aufnahmen, die vor offensichtlichem Subtext geradezu triefen und dann auch noch von überdramatischen orchestralen Klängen begleitet werden. In dieser Hinsicht ist der Serienneustart sicherlich absolute Geschmackssache - ob man sich auf diese Art der Erzählung einlassen kann, muss jeder selbst für sich entscheiden. Gelegentlich driftet man viel zu stark in den Bereich der Seifenoper ab, in dem das überkandidelte Drama zur Hochform aufläuft und es fast schon etwas unangenehm wird, die Handlung ohne etwas Fremdscham zu verfolgen.

Stéphane Caillard in %26bdquo;Marseille%26ldquo; © Netflix
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A touch of humanity

Vielleicht wird sich dies nach der Pilotepisode noch etwas ändern, was ich mir persönlich wünschen würde. Man kann die Geschichte gerne etwas weniger pompös erzählen, doch eventuell hat man es gerade darauf abgesehen: „Marseille“, die französische Netflix-Serie, die sich vor der amerikanischen Konkurrenz (allein thematisch bieten sich Vergleiche mit House of Cards an) nicht verstecken muss und großes Kino bietet. Es zeigt sich aber bereits in der Pilotfolge, dass die Ambitionen der Serienmacher sie schneller wieder einholen könnten, als ihnen lieb ist. Es ist ein durchaus interessantes Projekt, das Dan Franck hier vorangetrieben hat, doch man merkt dem Ganzen hier und da schon an, dass man sich vielleicht etwas zu viel vorgenommen hat und zu sehr auf die geistigen Vorbilder aus dem Seriengeschäft schielt.

Marseille täte gut daran, seine eigene Stimme zu finden, was nach der ersten Episode der achtteiligen ersten Staffel definitiv noch möglich ist. Wichtig wird es sein, den gut besetzten Cast clever einzusetzen, siehe Géraldine Pailhas, die Taros Ehefrau spielt und zu Beginn nicht besonders viel zu tun bekommt. Auch über ihre Tochter Julia, gespielt von Stéphane Caillard, bieten sich vielversprechende Möglichkeiten an, in die sozioökonomische Realität der Hafenstadt und ihren Ballungsraum einzutauchen. Wenn es sich nämlich nur um zwei von sich selbst überzeugte Alphatiere dreht, die um die politische Macht in Marseille kämpfen, könnte es schnell recht langweilig und repetitiv werden.

Es lassen sich hier genügend richtige Zutaten finden, die Marseille zu einer sehenswerten Serie machen können. Ob man diese in Einklang miteinander bringen und an manchen Stellen das überspitzte Drama zurückfahren kann, sehen wir ab Donnerstag, wenn die komplette erste Staffel des Politdramas im Originalton mit Untertitel sowie in deutscher Synchronisation verfügbar sein wird.

Trailer zur Netflix-Produktion „Marseille“:

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