Mare of Easttown: Kritik zur HBO-Krimiserie mit Kate Winslet

Mare of Easttown: Kritik zur HBO-Krimiserie mit Kate Winslet

Beim HBO-Krimi Mare of Easttown ist die Bühne beeindruckender als das Stück, obwohl auch Kate Winslet als depressive Polizistin imponiert. Kurzum: ein stimmungsvolles Charakterdrama mit fader Kriminalgeschichte.

Kate Winslet in der Serie Mare of Easttown (c) HBO
Kate Winslet in der Serie Mare of Easttown (c) HBO
© ate Winslet in der Serie Mare of Easttown (c) HBO

Bei fast allen Verbrechen wünscht man sich natürlich, sie wären nie geschehen. Bei der neuen HBO-Miniserie Mare of Easttown beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass sogar die Geschichte des Kleinstadtkrimis ohne Kriminalfall besser funktioniert hätte, was wohl erst mal widersprüchlich wirkt. Denn eine Mordermittlerin wie die titelgebende Mare, gespielt von der Oscarpreisträgerin Kate Winslet („Titanic“, „Der Vorleser“), kann ohne Mord nicht viel ermitteln. Außer sie hat sowieso schon ihre eigenen Tragödien zu tragen und lebt an einem Ort, der psychologisch und dramaturgisch so ergiebig ist wie das fiktive Easttown, Pennsylvania - eine Stadt, gebaut aus Backsteinen und Depressionen.

Der Regisseur Craig Zobel (The Leftovers) hat für Mare of Easttown eine Bühne bereitet, die eindeutig eine spannendere Erzählung von Brad Ingelsby („The Way Back“), dem Autor des Siebenteilers, verdient gehabt hätte. Leider bleibt es bei der Bühne, wobei auch Winslet als dauervapende, biertrinkende No-Bullshit-Bullin ihren Teil beiträgt, um über die Inhaltsleere der jüngsten HBO-Produktion hinwegzutäuschen. Genauso übrigens wie Grande Dame Jean Smart (Legion), die Mares umwerfend lustige Mutter mimt.

Handelt es sich bei dem am Sonntag, den 18. April mit Kapitel eins aka Miss Lady Hawk Herself (1x1) angebrochenen HBO-Krimi Mare of Easttown also um einen Verpackungsschwindel? Nein, denn die Serie hat als Charakterdrama genug zu bieten, um den fehlenden Nervenkitzel beim zentralen Verbrechen zu entschuldigen. Zumal manche bei besagtem Mysterium möglicherweise ohnehin mitfiebern können, was für sie dann einen perfekten Match bedeuten würde.

Worum geht's?

Die Hauptfigur Mare Sheehan ist eine Polizistin, wie sie das Fernsehen schon unzählige Male erfunden hat: gezeichnet von einem schweren persönlichen Verlust, einzelgängerisch, knallhart, dem Alkohol nicht abgeneigt und doch eine sichere Bank für das Gute auf der Welt. Sie leidet, weil ihr Sohn vor Jahren Suizid beging. Und auch, weil ihre viel zu jung geschlossene Ehe mit Frank (David Denman), der inzwischen neu verlobt ist, nicht hielt. Siobhan (Angourie Rice), ihre Tochter, wird derweil selbst erwachsen und wendet sich zusehends von ihr ab. Und auch ihre Mutter Helen (Smart) ist keine große Hilfe.

Die Arbeit ist das Einzige, worin Mare wirklich brilliert. Obwohl man damit ihre einstigen Erfolge als Highschool-Basketballass unterschlägt, die ein Grund dafür sind, dass die Einwohner von Easttown sie lieben und ihr vertrauen. Ihr Chef, Chief Carter (John Douglas Thompson), vertraut ihr nicht, denn er weiß von der Last, die Mare mit sich trägt und fürchtet, dass ihre Urteilskraft davon betroffen ist. Trotzdem setzt er sie auf den wichtigsten Fall im Revier an, nämlich auf die Suche nach einem vermeintlichen Entführer junger Mädchen. Als dann auch noch die Teenie-Mutter Erin McMenanim (Cailee Spaeny) ermordet wird, spitzt sich die Sache zu. Mare bekommt Verstärkung: den auswärtigen Detective Colin Zabel (Evan Peters).

Jean Smart in Mare of Easttown
Jean Smart in Mare of Easttown - © HBO

Die schwermütige Mare und der lockerleichte Colin streifen als ungleiches Duo nun durch die Kleinstadt, wodurch wir Zuschauer all die illustren Charaktere kennenlernen. Schnell zeigt sich: So etwas Schlimmes, wie das, was die Sheehans erlebt haben, haben hier auch alle anderen erlebt. Easttown ist voller verlorener Seelen, von denen fast alle zu einem Mord fähig wären. Und im Lauf der Serie werden auch noch einige ihr Leben lassen müssen, ohne zu viel zu verraten...

Wie ist es?

In den ersten drei Episoden tritt die Frage, wer der Täter ist, oft in den Hintergrund. Eher sollen wir uns fragen, wie genau die Familienkonstellationen der Figuren aussehen, was zeigt, dass auch der Autor selbst, also Ingelsby, weniger Interesse an der Aktion als an den Akteuren hat. Vielleicht hat er früh geahnt, dass sich für das große Mysterium keine zufriedenstellende Auflösung finden lässt, die sowohl überraschend als auch logisch scheint. So steckt er alle Energie in die Charakterarbeit und beschert uns dadurch viele Glanzmomente - natürlich auch bedingt durch die starken Darbietungen der Darsteller.

An dieser Stelle muss ich noch mal unterstreichen, welch großen Genuss allein Jean Smart als Helen Sheehan auf die Bühne zaubert. Alle meine absoluten Lieblingsmomente haben irgendwie mit ihr zu tun. Denn sie ist es auch, die am ehesten eine menschliche Reaktion aus der sonst so vermauerten Mare herauskitzelt (meist zwar eine negative Reaktion). Toll ist aber auch die junge Angourie Rice, deren kleine Liebesdramen als Siobhan ebenfalls für gute Unterhaltung sorgen. Wie gesagt ist all das deutlich interessanter als die Mord- und Entführungsfälle. Über Mares eigene Romanze mit dem Schriftsteller Richard (Guy Pearce) kann ich derweil leider nicht viel Positives sagen.

Allgemein muss ich zugeben, dass ich mehrere Anläufe gebraucht habe, um in die Serie richtig reinzukommen. Fünf Screener wurden uns vorab bereitgestellt. Und klar ist, wenn man fünf Folgen von etwas schaut, findet man eher etwas Gutes daran als bei nur einer Episode (oft können wir zum Beispiel nur den Pilot bewerten). Der Trick hierbei heißt Mere-Exposure-Effekt, der bei Mare of Easttown tatsächlich eine große Rolle spielen könnte. Man gewöhnt sich an die triste Stadt und fühlt mit ihren Bewohnern mit, auch wenn einem die eigentlichen Ereignisse egal sind. Es wird jedenfalls interessant sein, zu sehen, ob der Siebenteiler seine Zuschauerschaft auch von Woche zu Woche an sich binden kann.

Alles in allem traue ich mich trotzdem, Mare of Easttown eine verhaltene Empfehlung auszusprechen. Fans stimmungsvoller Krimiserien wie Sharp Objects, True Detective oder britischer Pendants wie Broadchurch und Happy Valley werden auf jeden Fall reinschauen wollen. Und dann sind sie vielleicht überrascht, wenn sie bemerken: Sie kamen für das Verbrechen und blieben für die Figuren und das Setting.

Hierzulande muss man sich leider noch gedulden, denn Sky Atlantic präsentiert Mare of Easttown erst ab dem 21. Mai um 20.15 Uhr als exklusive Deutschlandpremiere. Sieben Episoden stehen insgesamt auf dem Plan.

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie Mare of Easttown von HBO:

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