
© as berühmte Phantombild des Unabombers macht FBI-Agent Fitz (Sam Worthington) ruhelos. / (c) Discovery Channel
In der Pilotepisode der neuen Discovery-Anthologieserie Manhunt hat die eigentliche Hauptfigur keinen einzigen Auftritt. Lediglich per Voice-over meldet sich der Mörder Ted Kaczynski (Paul Bettany) zu Wort. Dabei darf er ungefiltert von seinem kruden Weltbild schwadronieren, in dem die meisten Menschen nur Rädchen in einem System seien, das seine Macht auf die Unterdrückung ebenjener „Schafe“ gründe. Weil zum Beispiel kein Postangestellter darüber nachdenke, wie unvorsichtig er vorgehe, könne ein Paketbomber wie er überhaupt reüssieren: „I write an address and they just obey.“
No quesion, no deviation, no pause to contemplate eternity
Es sind Worte aus dem berühmt-berüchtigten Manifesto, das am Ende der Auftaktepisode bei der New York Times und hernach beim FBI eingeht. Dieses sollte schlussendlich dazu beitragen, dass der seit 17 Jahren gesuchte Kaczynski gefasst werden konnte. Einen wichtigen Beitrag zur Ergreifung leistete damals der frischgebackene FBI-Profiler Jim „Fitz“ Fitzgerald (Sam Worthington), der an einer Stelle in der Episode als „größtes Talent eines Jahrhunderts“ gepriesen wird, seinen Job aber offensichtlich so ernst nahm, dass sein übriges Leben darunter litt.
Zumindest legt das die verschachtelte Erzählweise der von Newcomer Andrew Sodroski ersonnenen Serie nahe. Die Pilotepisode wechselt zwischen dem Jahr 1995, als Fitz von der UNABOMB-Taskforce rekrutiert wurde, und 1997, als er nach der Ergreifung Kaczynskis aus seinem Eremitendasein zurückkehren soll, um den „Unabomber“ zu einem Geständnis zu überreden. Gedrängt wird er dazu von seinen ehemaligen Vorgesetzten Ackerman (Chris Noth) und Cole (Jeremy Bobb), die für ihn von Anfang an zwar Bewunderung, aber auch eine gehörige Portion Verachtung übrig haben.
Letzteres liegt wohl an Fitzgeralds kauziger Natur. Schon bei der Party anlässlich seiner Ernennung zum Profiler wird offensichtlich, dass er sich in großen Gesellschaften sichtlich schwer tut. Wir können das an Worthingtons Spiel sehr einfach erkennen, weshalb doch ein bisschen verwundert, warum der Schauspieler vom Drehbuch beziehungsweise Regisseur Greg Yaitanes (Banshee) dazu angehalten wird, das in der kommenden Szene auch noch genau so auszusprechen. Der Leitspruch „show, don't tell“ ist hier wohl als „show and tell“ missverstanden worden.
Der Makel, dem Zuschauer zu wenig zuzutrauen, durchzieht beinahe die gesamte Auftaktepisode. Besonders eklatant sticht das in einer Szene heraus, die mit exposition dump noch freundlich umschrieben ist. Darin lässt es sich Supervisory Special Agent (SSA) Cole nicht nehmen, einer Gruppe Task-Force-Agenten selbst die profansten Details des Unabomber-Falls zu erläutern. Zum Beispiel, wie dessen Name zustandegekommen ist: Weil er vor allem Angehörige von Universitäten und Fluggesellschaften („airlines“) bombardierte, wurde daraus ein Akronym gebildet.
A powerful intelligence
Als wüssten hochspezialisierte Agenten, die sich mitunter bereits jahrelang mit diesem Fall auseinandergesetzt haben, darüber nicht Bescheid. Immerhin: Für uns Zuschauer ist das hilfreich. Fitz jedoch muss bald feststellen, dass seine Genialität nur in stark eingeschränkter Form gewünscht ist. Ja, er soll ein neues Profil von Kaczynski erstellen. Aber er soll dabei all das miteinbeziehen, was das FBI für ein Beweismittel hält, obwohl bei vielen Indizien lediglich Interpretationsarbeit geleistet wurde. Viel lieber würde Fitz ganz von Neuem anfangen, womit er zunächst scheitert, wofür er am Ende der Episode jedoch grünes Licht bekommt.
Die Geschichte wird überwiegend bierernst vorgetragen. Nur einmal gibt es Anlass zum Schmunzeln, als Fitzgeralds Vorgesetzte ihm nämlich unbedingt vorschreiben wollen, eine angebliche Affinität Kaczynskis für Holz in sein Profil zu übernehmen. Daraus könnte man angeblich ableiten, dass der Täter an erektiler Dysfunktion leide - ein Thema, das unbedingt in die Presse müsse, weil es dort sicherlich hohe Wellen schlage. Was sie damit genau bezwecken, verraten sie jedoch nicht. Wollen sie Kaczynski etwa provozieren und so zu einem Fehler verleiten?
In einer inszenatorisch leicht überladenen Szene am jüngsten Tatort findet Fitz schließlich - vor allem in den eigenen Hirnwindungen - die entscheidende Erkenntnis: „These aren't people to you. They're symbols. You're sending a message.“ Wenige Tage später trifft das Manifest ein, was Fitz bestätigt und in den Augen seiner Vorgesetzten validieren dürfte. In den kommenden sechs Episoden werden wir also wohl Zeuge werden, wie es zur Ergreifung des Unabombers kam und wie Fitz von der dafür nötigen Ermittlungsarbeit in die Isolation getrieben wurde. Manifesto legt dafür eine in sämtlichen Bewertungskriterien zufriedenstellende Grundlage.