Nach dem Attentat: Review der Pilotfolge der Historienthrillerserie bei Apple TV

© Apple TV+
Das passiert in „Nach dem Attentat“
Am 9. April 1865 kapituliert die letzte große Konföderiertenarmee unter General Lee und führt das Ende des Sezessionskrieges zwischen Nord- und Südstaaten herbei. Fünf Tage nach dem Ereignis führt der glühende Stüdstaatenanhänger John Wilkes Booth gemeinsam mit neun Mitverschwörern ein Attentat auf Präsident Abraham Lincoln durch. Die Serie widmet sich den folgenden (teils fiktiven) dramatischen Ereignissen um die Ermordung des Präsidenten sowie den Mordversuchen an weiteren Regierungsmitgliedern. Dabei folgt die Geschichte von Manhunt (2023) den Ermittlern auf den Spuren einer konföderierten Verschwörung, die fast den Bürgerkrieg wieder aufflammen lässt.
Visuelles Mittelmaß
Apple TV+-Produktionen genießen den guten Ruf, audiovisuell hochwertig produziert zu sein. In Bezug auf die neue Historien-Thrillerserie um die Ermordung Abraham Lincolns lässt sich über die Produktionswerte allerdings trefflich streiten. Ich habe jedenfalls noch nie eine Show beim Streamingdienst des Apfelkonzerns gesehen, dir mir optisch und schauspielerisch so sehr missfallen hat wie diese. Die Pilotfolge beginnt in der mittels digitalen Mattepaintings vergrößerten Kulisse einer Straße in Washington kurz vor dem Attentat.
Allerdings offenbart der Hintergrund einen Plastiklook-artigen Touch, der so offensichtlich künstlich ist, dass man sich unwillkürlich fragt, was sich die VFX-Abteilung um Global Productions und Apple TV dabei wohl gedacht haben mag. Dass es auch mit relativ wenigen Mitteln wesentlich besser geht, beweist da beispielsweise die deutsche Produktion Helgoland 513, die aus dem modernen Hamburg mittels CGI eine glaubhafte postapokalyptische Welt erschafft.
Der durchwachsene Gesamteindruck setzt sich über die gesamte Spielzeit der Pilotfolge fort und kulminiert in dem missglückten Versuch, der Serie anhand trister Brauntöne, einer betont minimalistisch gehaltenen Beleuchtung und eines wenig ausgefeilten Schattenspiels einen realistischen Anstrich zu verleihen. Allerdings meint man es hier zu gut, so dass die Zuschauenden viel zu oft die Gesichter der Protagonisten kaum noch erkennen können und der Mimik der Figuren daher nicht wirklich zu folgen vermögen. Hinzu kommen unnötige Weichzeichnungen, unangenehme Kameraeinstellungen (ein Haus wird Horrorfilm-artig aus der Untersicht gezeigt und schafft damit eine wenig ansehnliche Perspektive) und so weiter.
Schauspielerisch diskutabel
Leider lässt sich auch auf schauspielerischer Seite einiges kritisieren. So ist bislang Tobias Menzies als Edwin Stanton der einzige Schauspieler, der uneingeschränkt positiv aus dem Ensemble hervorsticht. Besonders hart hat es den armen Abraham Lincoln erwischt, der von Hamish Linklater in jeder Hinsicht unglaubwürdig gespielt wird. Die Synchronisation von Hubertus von Lerchenfeld macht das Ganze indes nur noch schlimmer, weil der Sprecher krampfhaft versucht, seine Stimme älter wirken zu lassen und dabei überzieht. Auch Anthony Boyle als Lincoln-Killer John Wilkes Booth fühlt sich irgendwie fehl am Platze an, da er es in Sachen Gestik oft übertreibt und der kräftige Schnauzbart bisweilen einem facettenreicheren Spiel abträglich ist. Nun muss man allerdings festhalten, dass Boyle im Vergleich zu im Netz aufzufindenden Fotos einen optisch recht guten Booth abgibt, so dass man der Maskenabteilung an dieser Stelle ein großes Lob aussprechen darf.
Historisches
Kommen wir damit zu den rein inhaltlichen Aspekten, die in der Pilotfolge ausgeschmückt wurden, um aus einer Mordverschwörung von neun Personen einen groß angelegten Spionagethriller zu kreieren. Die Ermordung Lincolns richtet sich dabei weitestgehend nach dem überlieferten Tathergang, wobei die Serienmacher aber kaum zwischen Legende und Fakt unterscheiden, sofern es der Dramaturgie dient. Was die Beteiligung der zu diesem Zeitpunkt besiegten Konföderation anbelangt, dient diese wohl erfundene Geschichte dem Aufblasen des Plots auf eine siebenteilige Serie.
Last, but not least stellt sich die Frage, ob die umstrittene Beteiligung von Mary Surratt, die am 7. Juli 1865 trotz mangelnder Beweislage zusammen mit Lewis Powell, David Herold und George Atzerodt hingerichtet wurde, in der Serie ebenfalls beleuchtet wird. Diese Frage ist deshalb interessant, weil gerade ihre tragische Rolle in der Verschwörung spannend ist und im Grunde genommen unbedingt eingearbeitet gehört.
Die Frage nach dem Sinn
Ob in Zeiten eines Donald Trumps das genüssliche Ausbreiten von Verschwörungstheorien um Präsidentenmorde in Serien wie „Nach dem Attentat“ eine kluge Idee ist, ist indes eine andere Frage, die das geneigte Publikum für sich selbst entscheiden muss. Rein inhaltlich weiß das Ganze durchaus zu unterhalten, weil die Story insgesamt recht flott erzählt ist und sich keine groben Ausreißer leistet. Die erste Folge wird zudem stringent vorgetragen und bleibt übersichtlich auf zwei Ebenen verhaftet. Andererseits gibt die eigentliche Verschwörung genug her, um daraus eine tolle Miniserie zu kreieren, weshalb also eine Spionagegeschichte basteln, die so wahrscheinlich nie stattgefunden hat? Bei aller Liebe zur künstlerischen Freiheit darf es bei so einem wichtigen historischen Ereignis wie diesem dann doch etwas näher an der Realität sein.
Fazit
Für mich persönlich ist die Pilotfolge von „Nach dem Attentat“ der schlechteste Serienstart, den ich bei Apple TV+ bisher gesehen habe. Technisch ist da viel Luft nach oben, der Stil ist diskutabel, die Prämisse aufgeblasen und über die schauspielerischen Leistungen lässt sich gut streiten. Irgendwie wirkt die Serie gerade in Bezug auf die vielen tollen Produktionen, die der Streaminganbieter sonst zu bieten hat, aus der Art geschlagen. Es mag natürlich sein, dass eine Reihe von Zuschauenden einen vollkommen anderen Eindruck haben, ich bin jedoch tief enttäuscht.
Wir vergeben nur zwei von fünf Punkte.
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„Nach dem Attentat“/„Manhunt“: Serientrailer
Hier abschließend der Trailer zur Serie „Nach dem Attentat“: