Manhattan 1x13

Manhattan 1x13

Mit dem Historiendrama Manhattan schaffte es der Kabelsender WGN America früher als erwartet, eine hochwertige und unterhaltsame Serie abzuliefern. In der ersten Staffel gelingt es dem Autorenteam, interessante Charaktere in eine historisch turbulente Zeit zu verpflanzen.

Das Ensemble der hervorragenden Dramaserie „Manhattan“. / (c) WGN
Das Ensemble der hervorragenden Dramaserie „Manhattan“. / (c) WGN
© (c) WGN

Das einzige fiktionale Serienprodukt, das der amerikanische Kabelsender WGN vor Manhattan veröffentlichte, war das Hexendrama Salem. Dieses fiel bei der Kritik zwar überwiegend durch, konnte sich aber trotzdem ein loyales Publikum erspielen - im kommenden Jahr wird die zweite Staffel ausgestrahlt. Die Erwartungen für Manhattan waren also nicht hoch; schließlich braucht auch ein Sender entsprechende Vorlaufzeit, bevor dort anspruchsvolle und gleichzeitig unterhaltsame Formate laufen können.

Vorsichtiger Optimismus

Die Ankündigung, dass Sam Shaw (Masters of Sex) als Showrunner und Thomas Schlamme (The West Wing) als Regisseur und Executive Producer die kreative Führung übernehmen würden, ließ ein erstes zartes Pflänzchen der Hoffnung sprießen. Und nachdem der visuell anspruchsvolle, dafür aber mit zu viel Exposition vollgestopfte Pilot einmal gelaufen war, nahm die Serie im Laufe ihrer ersten Staffel zunehmend Fahrt auf - bis man als treuer Zuschauer am Ende mit einem der besten Neustarts dieses Jahres belohnt wurde.

Manhattan erzählt die Geschichte des „Manhattan-Projekts“, eines geheimen Forschungsprojekts des US-Militärs, das alle amerikanischen Anstrengungen ab 1942 in der Wüste New Mexicos bündelte, um vor dem Weltkriegsgegner Deutschland an die Atombombentechnologie zu gelangen. Die Serie legt dabei wenig Wert auf die Installation historischer Figuren (wenngleich Robert Oppenheimer (Daniel London) als „Vater der Atombombe“ einige wenige Auftritte bekommt), sondern erzählt ihre Geschichte aus Sicht der (fiktiven) Wissenschaftler, die das Fundament legten für den Sieg in diesem Wettlauf der Systeme und Technologien.

Im Mittelpunkt steht dabei Frank Winter (John Benjamin Hickey), ein eigenbrötlerischer, schroffer, aber genialer Physiker, der ein Team aus jungen Nachwuchswissenschaftlern anleitet. Winter ist von einem glühenden Idealismus getrieben. Er ist nicht der klassische Antiheld, an den wir uns nach Breaking Bad, The Sopranos und Mad Men so sehr gewöhnt haben - wenngleich er seinen Untergebenen öfter als Ekelpaket erscheinen dürfte. Er steht in Konkurrenz zu Reed Akley (David Harbour), einem ebenso genialen, aber vielfach geschmeidigeren Wissenschaftler, der es besser als Winter versteht, sich mit den herrschenden Mächten zu arrangieren.

Beide konkurrieren um die Gunst Robert Oppenheimers und des militärischen Leiters General Leslie R. Groves. Während Frank die Technik der „Implosion“ für die richtige hält, setzt Akley all seine Hoffnungen auf ein Projekt namens „Thin Man“. Wenngleich die eigentlichen Berechnungen in der Serie eine durchaus prominente Rolle spielen (prominenter zumindest als in anderen Wissenschaftsserien wie Masters of Sex oder The Knick), muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich wenig bis nichts von der dahinterliegenden Physik verstanden habe. Die Naturwissenschaften waren noch nie meine Stärke. Vielleicht weiß ja eine/r unserer Leser/innen mehr dazu zu sagen.

Starke Figuren, fesselnde Geschichten

Obwohl wissenschaftliche Erklärungen und Diskussionen also nicht zu übersehen sind, erzählt Manhattan doch eine universell verständliche Geschichte von Aufopferung und Idealismus, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Frank glaubt tatsächlich daran (zumindest behauptet er das inbrünstig), dass die Erfindung der Atombombe der erste Schritt zu einer neuen Menschengesellschaft, zu weltweitem Frieden sein kann: „The Army will detonate it some place where it can't hurt anyone. And when the Axis sees what we're capable of, they will have no choice. They'll have to surrender. And then there will never be another war. That's what we're doing behind those fences. We're writing the prologue to a new era. A history of peace.

Am Ende schafft es Frank, sich gegen seinen Widersacher durchzusetzen, was ihn und seine Mannschaft aber enorme, beinahe unerträgliche Opfer abverlangt. Schließlich belastet sich Frank gar selbst, um „den größten Geist seiner Generation“, Charlie Isaacs (Ashley Zukerman), aus dem Militärgefängnis zu holen. Davor stehen die gewaltsamen Tode von Sid Liao (Eddie Shin) und Reed Akley, die Verhaftung Charlies, Fritz (Michael Chernus), der aus Versehen etwas Plutonium verschluckte, Lancefield (Josh Cooke), der fälschlicherweise der Spionage verdächtigt wird, Glen Babbit (Daniel Stern), der aus dem Projekt geworfen wird, und viele weitere Einzelschicksale.

All diese tragischen Ereignisse hinterlassen beim Zuschauer einen bleibenden Eindruck, weil sich die Serie zuvor die Mühe gemacht hat, ihren Figuren - bis auf wenige Ausnahmen - ausreichend eigene Charakterisierung zuzugestehen. Manche Einzelbeobachtungen funktionieren dabei besser als andere. Mir persönlich gefielen die Geschichten um Franks einzige weibliche Mitarbeiterin Helen (Katja Herbers) und die Affäre zwischen Charlies Ehefrau Abby (Rachel Brosnahan) und Lancefields Ehefrau Elodie (Carole Weyers) besser als die Handlungsstränge von Franks Ehefrau, der verhinderten Spitzenbiologin Liza (Olivia Williams), oder die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Sids Mörder Thatcher (Stafford Douglas) und Franks Tochter Callie (Alexia Fast).

Den Autoren von Manhattan gelingt es in der ersten Staffel außergewöhnlich gut, die omnipräsente Paranoia herauszuarbeiten, die in diesem Camp geherrscht haben muss. Sid Liao wird ohne Zögern erschossen, weil geheime Dokumente bei ihm gefunden werden. Als herauskommt, dass es einen deutschen Spion im Lager geben könnte, werden die Sicherheitsmaßnahmen noch einmal drastisch angezogen. Diese sind sowieso schon hoch: Unter Beobachtung stehen die Wissenschaftler vor allem hinsichtlich der Kompartimentierung, die verhindern soll, dass unterschiedliche Teams zu viel von den Projekten der anderen erfahren, um einem eventuellen Spion Einblick in nur ein Forschungsgebiet zu gewähren. Wer dagegen verstößt, wird rigoros verfolgt.

Paranoia überall

Für diese Verfolgung ist hauptsächlich der als düsterer Schattenmann porträtierte Occam (Richard Schiff) zuständig. Kommt man als Wissenschaftler, Armeeangehöriger oder Zivilist in den Genuss seiner unnachgiebigen Befragungen, kann man sich sicher sein, dass die Geschichte keinen guten Ausgang haben wird - außer man wird von Frank Winter in einem heroischen Akt von jeglichem Verdacht freigesprochen.

Die Serie legt gleichzeitig schonungslos offen, dass die Paranoia des allmächtigen militärischen Geheimdienstes nicht die erwünschten Ergebnisse zeitigt. Beinahe alle Protagonisten, die in seine Fänge geraten, sind unschuldig oder nicht die wahren Missetäter. Der echte Spion, Jim Meeks (Christopher Denham), bleibt indes bis zum Ende unerkannt. So kommt sogar eine Figur zu ausreichender Charakterzeichnung, die zuvor lediglich als Sidekick und Comic Relief eingesetzt worden war.

Manhattan schafft es in seiner Premierenstaffel überdies, die vielen Schwierigkeiten auszuloten, denen Angehörige von Minderheiten - Frauen, Juden, Schwarze oder Homosexuelle - ausgesetzt waren (und auch heute noch sind). Die Serie tritt nicht in die gleiche Falle wie Masters of Sex in seiner zweiten Staffel, in der sich die Autoren zu sehr auf die Einbindung historischer Ereignisse konzentrierten und dabei die persönlichen Konflikte - das Interessanteste an der Serie - vernachlässigten. Manhattan wird als ironische, selbstbewusste Heldengeschichte erzählt - diese Ironie ist zwar weniger fein als in Mad Men, trotzdem muss sich das WGN-Format nicht vor seinem großen Retrovorbild verstecken. Dafür wurde es trotz wenig beeindruckender Einschaltquoten mit einer zweiten Staffel belohnt. Uns freut's.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 28. November 2014
Episode
Staffel 1, Episode 13
(Manhattan 1x13)
Titel der Episode im Original
Perestroika
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 19. Oktober 2014 (WGN America)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 1. März 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 1. März 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Dienstag, 1. März 2016
Regisseur
Thomas Schlamme

Schauspieler in der Episode Manhattan 1x13

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?