
Es ist mir unbegreiflich, wie im Jahre 2014 eine Serie wie Manhattan Love Story über die Fernsehbildschirme laufen kann. Gleichzeitig lässt es viele Rückschlüsse auf sämtliche in diesem Projekt Involvierte zu - seien dies nun der Drehbuchautor, die Produzenten, der Regisseur, die Senderverantwortlichen oder die Schauspieler.
Frontalangriff auf die Aufklärung
Keiner dieser Menschen ist wohl während des gesamten Produktionsprozesses auch nur einmal in sich gegangen und hat sich Fragen gestellt wie: Stellt meine Serie ein Genderbild dar, das seit Jahrzehnten überholt ist? Will ich wirklich einen Charakter spielen, der absolut nicht liebenswürdig ist? Soll ich Teil dieser Anstrengung sein, die gesellschaftliche Errungenschaften - sei es nun die Gleichstellung von Mann und Frau oder jedweder sexueller Orientierungen - mit größtmöglicher Dummheit und Ignoranz einfach niedermäht?
Gegen die Geschlechterrollen, die in diesem unsäglichen Piloten ausgebreitet werden, muss die in diesem Frühjahr abgesetzte Comedy Mixology (die auch bei ABC lief) als Speerspitze der Gender-Equality-Bewegung angesehen werden. Manhattan Love Story erzählt die Geschichte vom blonden Dummchen Dana (Analeigh Tipton), das nach New York gekommen ist, um dort ihren beruflichen Traum einer Literaturredakteurin zu realisieren. Am ersten Tag ihres neuen Jobs wird sie von den Kollegen sogleich mit Eiseskälte begrüßt, weil sie einen älteren Kollegen ersetzt, der für das Unternehmen zu teuer geworden ist.
Dana ist absolut unbedarft und hat keinerlei Selbstbewusstsein. Wenn sich ihr Gegenüber abfällig über sie äußert, akzeptiert sie das widerspruchslos und macht sich eine mentale Notiz darüber, fortan ihr Verhalten zu ändern, statt sich über die abstoßende Bosheit ihres jeweiligen Gesprächspartners zu ereifern. Sie sucht stets den Fehler bei sich, weshalb ihr erster Tag bei der Arbeit (und erst zweiter Tag in New York) auch völlig schiefläuft.
Das hält sie aber natürlich nicht davon ab, einem Blind Date mit Peter (Jake McDorman) zuzustimmen, das ihr durch einen gemeinsamen Freund der beiden vermittelt wurde. Peter ist sie aber auch zu Beginn schon gleich auf der Straße begegnet, als uns die Serie - in der allerersten Szene - klarmacht, worum es hier geht: Männer mögen Brüste, Frauen mögen Handtaschen. Das ist - ohne Übertreibung - die einzige Botschaft, die uns Manhattan Love Story mitzuteilen hat. Später finden wir noch heraus, dass Männer es unwiderstehlich finden, wenn Frauen mit anderen Frauen knutschen, und Frauen weich werden, wenn man ihnen Blumen schenkt - auch wenn man sich davor wie ein absolut unsensibles Arschloch verhalten hat.
Furchtbare Menschen weit und breit
Vielleicht wäre das etwas weniger schlimm gewesen, würde Serienschöpfer und Drehbuchautor Jeff Lowell (Oh, Wunder, zu seinen sonstigen Credits gehört Two And A Half Men) das Voice-over der beiden zentralen Charaktere nicht so inflationär einsetzen. Nach Danas erstem Lächeln denkt sich Peter sofort: „Totally going back to my place.“ („Wir landen auf jeden Fall zusammen in der Kiste.“) Dana erwidert daraufhin gedanklich: „He thinks we're going back to his place. I hate that he's right.“ („Er denkt, dass wir zusammen in der Kiste landen. Ich hasse es, dass er Recht hat.“) Er ist da aber schon beim nächsten Gedanken, denn er kann seinen Blick gerade nicht von ihren Brüsten nehmen und freut sich gedanklich darüber, dass er ein Stück ihres BHs erspäht hat.
Danach will er ihr unbedingt noch beweisen, dass ein Bettler, der in dem Restaurant nach Almosen fragt, nicht wirklich taub ist, wie er auf seinen ausgeteilten Kärtchen behauptet. Natürlich behält Peter Recht, triumphierend demonstriert er dem Landei Dana sein übercooles Großstädtertum: „Welcome to New York.“ („Willkommen in New York.“) Doch damit nicht genug. Als die Sprache auf ihre Liste kommt, auf der sie alle New Yorker Sehenswürdigkeiten aufgeschrieben hat, die sie sich ansehen will, schafft er es sogar, sie mit seiner Abfälligkeit zum Weinen zu bringen. Wenn Dana weint, bekommt sie aber sofort Schluckauf (was wohl super-süß sein soll), woraufhin sie aus lauter Scham über sich selbst - nicht etwa aus Ärger über diesen Vollidioten - das Restaurant verlässt.
Am nächsten Tag gelingt es ihm jedoch nach mehreren Anläufen, dieses Mädchen, das zu simpel gestrickt ist, um Facebook richtig bedienen zu können, von sich zu überzeugen. Auf der Tour zu verschiedenen New Yorker Sehenswürdigkeiten kommt es schließlich zum negativen Höhepunkt des Piloten: Als sie an der Freiheitsstatue vorbeifahren, kommen Peter plötzlich die Tränen. Dana kommentiert daraufhin enttäuscht im Voice-over: „Great! Just when I thought I liked him, turns out that he's gay.“ („Toll! Nun, da ich festgestellt habe, dass ich ihn mag, stellt sich heraus, dass er schwul ist.“)
Mehr muss zu Manhattan Love Story nicht gesagt werden.