Pech 1x01

© Amazon Prime Video
Der kapitalismuskritische Oscarerfolg „Parasite“ aus Südkorea hat noch vor Beginn der Pandemiezeit eine Saat gesetzt, die 2022 auch in der westlichen Kinolandschaft eine üppige Ernte abwarf: „Triangle of Sadness“, „The Menu“ und „Glass Onion - A Knives Out Mystery“ sind allesamt empfehlenswerte Einträge im sogenannten Eat-the-Rich-Genre. Im Serienbereich fallen einem hingegen die Kritikerlieblinge Succession oder The White Lotus ein.
Längst haben auch die mächtigsten Konzerne subversive Kunst für sich entdeckt: Amazon Prime Video bot so zuletzt der bissigen Fabel I'm a Virgo des erklärten Kommunisten Boots Riley eine Plattform. Mit der mexikanischen Eigen-Produktion Pech (im Original: „Mala Fortuna“) schlägt der Versandhausriese nun in eine ähnliche Kerbe, wobei es eigentlich ein Hohn ist, das hochpolierte Soap-Drama im selben Atemzug mit all diesen anderen Werken zu nennen.
Das soll gar nicht heißen, dass die achtteilige Auftaktstaffel der spanischsprachigen, aber dafür mit deutschen Untertiteln übersetzten Serie misslungen sei. Das Showrunner-Duo Cristian Conti („Wild District“) und María Hinojos („At Midnight“) ist einfach mehr interessiert daran, Pointen zu landen, statt eine pointierte Aussage zu machen. Drehbuch und Schauspiel sind dabei eher mittelmäßig; die Inszenierung lässt sich durchaus sehen.
Worum geht's?
Das Leben kann so hart sein, wenn man nicht das Glück hatte, von seinen Eltern auf weichen Federn gebettet worden zu sein. Noch schlimmer muss es sich anfühlen, wenn man den Unterschied zwischen einem Dasein mit finanziellem Rücken- oder Gegenwind kennt. Genau so ist es bei den beiden „Pech“-Vögeln Victoria und Julio, gespielt von Macarena Achaga (Luis Miguel: La Serie) und Jorge López (Elite, Now and Then).
Die Geschwister wuchsen zwar im Wohlstand auf, doch dann machte ein landesweiter Finanzskandal das Familienidyll von heute auf morgen zunichte. Die Eltern haben hoch gepokert und verloren, sodass die Kinder nun den Preis bezahlen dürfen. Wenigstens mit einem Schatz haben sie sie dabei auf den Weg geschickt: der anerzogenen Fähigkeit, sich in den höchsten Zirkeln bewegen zu können. Und so fristen Victoria und Julio eine Existenz à la „Parasite“, bis sie eines Tages ein besonders verlockendes Wirtsobjekt entdecken...

Zu Beginn der Serie stehen Schwester und Bruder tatsächlich gar nicht in Kontakt. Seit dem Auseinanderbrechen ihrer Kernfamilie hatten sie sich aus den Augen verloren. Poetischerweise finden sie erst wieder durch den Versuch zusammen, eine neue Familie zu infiltrieren. Denn durch Zufall haben sich beide dasselbe Ziel gesetzt: Sie wollen sich das Erbe des Urquiza-Clans erschleichen, der nach dem Tod des Patriarchen kopflos ist.
Mit neuen Identitäten - Victoria nennt sich fortan „Marie Claire Lebrun“, Julio derweil „Michi Montefusco“ - machen sie sich auf zu den Orten, an denen man die Reichen am ehesten trifft. Das ist zunächst ein Turnier für Pferde, wo sich gleich mehrere Einfallstore ins Urquiza-Haus zu bieten scheinen. Interessant ist vor allem, dass sowohl sie als auch er im Prinzip dieselbe Strategie fahren: Sie setzen ganz auf ihr gutes Aussehen und ihren Charme.
Julio lernen wir gleich in der ersten Szene als Toyboy der Extraklasse kennen. Für eine schon etwas ältere Freundin geht er notfalls auch auf Tauchgang, um sie glücklich zu machen. Doch die Urquizas, allen voran die Mutter Camila (Lisa Owen) und Thronprinz Fede (Diego Klein), dürften mit ganz anderen Wassern gewaschen sein. Reichen ihre Kleinkriminellentricks auch aus, um sich mit den ganz großen Fischen anzulegen?
Wie ist es?
Alles in allem macht das mexikanische Amazon Prime Video-Original Pech einen soliden Eindruck. Vor allem fällt auf, dass der Produktionswert recht hoch zu sein scheint. Wobei die Regisseur:innen Analeine cal y Mayor („Book of Love“) und Joe Rendón („Dogma“) auch viel mit Weichzeichnern arbeiten, um den Look abzuschleifen. Mit dieser Oberflächlichkeit übertünchen sie ein Stück weit die Durchschaubarkeit ihrer Geschichte.
Eine soapige Note erkennt man bei der Serie nicht nur anhand des dick aufgetragenen Schauspiels, sondern auch anhand diverser Tropen. Das sicherlich provokanteste Merkmal dieser Art ist die unkonventionelle Beziehung des Geschwisterduos, um es mal vorsichtig zu sagen. Das Publikum soll sich wohl in den restlichen sieben Ausgaben von Staffel eins den Kopf darüber zerbrechen, ob die Zwei am Ende gegeneinander oder zusammen spielen. Aus all diesen Gründen verteilen wir drei von fünf Armbanduhren.
Hier abschließend noch der Originaltrailer zur Serie „Pech - Mala Fortuna“, die nun beim Streamingdienst Amazon Prime Video gestartet ist:
Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 18. August 2023(Pech 1x01)
Schauspieler in der Episode Pech 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?