Made in Germany - Anfängerhaft durch Berlin

Made in Germany - Anfängerhaft durch Berlin

Das Young-Adult-Format „Made in Germany“ will eine betont authentische Geschichte über das moderne Deutschsein erzählen, scheitert aber trotz guter Ansätze bisweilen an nicht perfekten Schauspielleistungen.

Poster zur Serie „Made in Germany“
Poster zur Serie „Made in Germany“
© ARD Degeto und Studio Zentral und Iga Drobisz

Das passiert in der Young-Adult-Serie „Made in Germany“

Anh Nghi ist in Made in Germany Studentin und feiert gerne. Als ihre Mutter die gemeinsame Wohnung in der Innenstadt verliert, zieht sie zu ihrem Vater Trung, der in Berlin ein vietnamesisches Restaurant betreibt. Zunächst ist sie von seinen altmodischen und traditionellen Ansichten genervt, doch als ein rassistischer Gesundheitsinspektor handgreiflich wird, hält Ani bedingungslos zu ihm...

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Modernes Deutschland

Bevor wir uns näher mit den technischen Details zu „Made in Germany“ befassen, sei vorweggenommen, dass das Autoren-Team mit der Geschichte um Anh Nghi in einer Zeit, in der der Rechtsruck immer spürbarer wird, eine wichtige Lücke in der Fernsehlandschaft füllt. Der Themenkomplex Migrationshintergrund wird von Filmschaffenden in den letzten Jahren zwar immer wieder in den Vordergrund gerückt. Selten befasst sich eine Serie aber mit der Frage, was Deutschsein eigentlich bedeutet.

Das Gefühl, heimisch und Teil der Gesellschaft zu sein, hat nämlich rein gar nichts mit Hautfarbe, Religion oder sexueller Gesinnung zu tun. Zu Hause ist man dort, wo das Herz ist. Insofern sind Anh Nghi und ihre Freunde ohne Wenn und Aber „made in Germany“ - und das ist gut und richtig so.

Gute Ansätze

Ani (Maria Mai Rohmann) in der Serie „Made in Germany“
Ani (Maria Mai Rohmann) in der Serie „Made in Germany“ - © ARD Degeto und Studio Zentral und Iga Drobisz

Die Frage der guten Absichten und Ansätze stellt sich also nicht, zumal der in dem Format thematisierte Rassismus erfreulicherweise kein rein deutsches Problem ist. Anta Helena Recke, Bahar Bektas und Đức Ngô Ngọc wissen offensichtlich sehr genau, dass Fremdenfeindlichkeit und die daraus erwachsenen Vorurteile ein globales Phänomen sind, das sich nicht allein auf Personen beschränkt, die mit aller Gewalt deutscher als deutsch sein wollen.

Als Trungs Familie beispielsweise in dessen Restaurant des verstorbenen Opas gedenkt, lässt Anis Onkel einige Sprüche vom Stapel, die einem durchaus die Kehle zuschnüren. Allerdings verblasst die Situation vor dem Neonazi-Kontrolleur, der bald darauf ins Lokal platzt und den armen Mann bedrängt und sogar schlägt.

Ani, die sich bisher stets unumschränkt als Deutsche fühlte, ist entsetzt, als sie das mit dem Smartphone aufgenommene Video sieht. Von nun an wächst nicht nur das gegenseitige Verständnis zwischen Vater und Tochter, die Studentin bekommt auch einen dramatischen Eindruck davon, wie respektlos Menschen mit anderen umgehen können, wenn sie nur am längeren Hebel sitzen. Der Chef des Nazi-Gesundheitsinspektors ist nämlich ebenfalls nicht unbedingt ein Paradebeispiel für Toleranz. Sicherlich weist Trungs Küche Mängel auf, die er zurecht ankreidet.

Doch auf das von Ani gezeigte Video mit dem Gewaltausbruch seines Angestellten reagiert er mit der verbalen Drohung, das Lokal zu schließen. Als Anis Vater mit Tränen in den Augen wie ein Bettler vor ihm kniet und um seine Existenz bangt, sitzt die eigentlich so selbstbewusste junge Frau weinend hilflos daneben. Dieser Schlüsselmoment verändert die Ausgangslage der Serie und lässt die zunächst als verantwortungslos und partysüchtig darstellte Hauptfigur in einem anderen Licht erscheinen.

Zurück zur Schauspielschule, bitte

Letztlich rettet diese Wendung die Debütepisode von „Made in Germany“ vor dem Verriss, denn in den ersten Minuten fühlt sich ehrlich gesagt so gut wie gar nichts wirklich rund an. Einerseits fragt man sich zunächst, was uns die Serienmacher denn nun genau sagen wollen. Andererseits lassen aber auch die schauspielerischen Leistungen zu wünschen übrig. Dabei ist es gar nicht so, dass Hauptdarstellerin Maria Mai Rohmann vollkommen talentfrei wäre, im Gegenteil.

Doch die Unerfahrenheit der Nachwuchsschauspielerin macht ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung und sorgt für hölzern vorgetragene Dialoge, nicht exakt platzierte Gesten und einem bisweilen unpassenden Minenspiel. Warum die Verantwortlichen hier nicht bereits im Vorfeld mit ein wenig Einzelunterricht gegengesteuert haben, ist unbegreiflich, denn mit ein wenig mehr Routine seitens der Darstellenden hätte das Format noch einmal so viel besser werden können.

Paula Julie Pitsch als Anis beste Freundin Jamila wirkt vor der Kamera schlicht geübter und dadurch eben auch natürlicher, während man bei einigen Nebendarstellern das Gefühl nicht loswird, es hier mit Laien zu tun zu haben. Sollte es das Ziel gewesen sein, durch Natürlichkeit die Authentizität zu steigern, so ist diese Stilvariante zumindest in der ersten Episode nur leidlich gelungen.

Im krassen Gegensatz dazu steht beispielsweise Trung-Darsteller Long Dang-Ngoc, dessen Auftritt nicht nur glaubwürdig, sondern in der Szene mit dem fiesen Beamten beim Gesundheitsamt sogar herzzerreißend ist. Mit ihm an ihrer Seite spielt Maria Mai Rohmann endlich ihr Talent aus. Ani steht die Verzweiflung über die Demütigung ihres Vaters in der genannten Szene sehr deutlich ins Gesicht geschrieben. Das steigert die Hoffnung, dass die Mimin sich weiter in ihre Rolle hineinarbeitet und im Verlauf der sechs rund 45-minütigen Teile an ihrer Aufgabe wächst.

Fazit

Man könnte an der ProduktionMade in Germany“ einiges bemängeln. Neben den oben erwähnten schauspielerischen Schwächen gibt es auch auf technischer und narrativer Ebene einiges, das man hätte besser machen können. Die Serie will eine Geschichte über das moderne Deutschsein erzählen, vergreift sich aber vor allem beim Leiter der Gesundheitsbehörde letztlich auch kameratechnisch im Ton.

Dass Rassismus in Deutschland mehr als nur ein Problem ist und genauso offen wie versteckt zutage tritt, ist keine Frage. Doch wäre es nicht sinnvoller gewesen, hier und da etwas subtiler vorzugehen, um dem jungen Zielpublikum gerade das Thema Alltagsrassismus näherzubringen?

Weniger Holzhammer und mehr Finesse hätte der Episode durchaus mehr Schliff und Glaubwürdigkeit verliehen als eine karikaturhafte Darstellung des bösen deutschen Schreibtischtäters. Dennoch muss man die Idee loben, das moderne Deutschsein in all seinen Facetten zu thematisieren.

Wir alle sind letztlich ein Volk, egal, wen wir lieben, welche Religion wir leben und welchen kulturellen Hintergrund wir haben. Was wirklich zählt, ist unser Herz, das uns mit jedem Schlag sagt, dass wir zu Hause sind. Und das macht „Made in Germany“ dann auch durchaus richtig gut.

Dafür gibt es von uns dreieinhalb von fünf Punkten.

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