Made in Germany 1x01

© ARD Degeto und Studio Zentral und Iga Drobisz
Das passiert in der Young-Adult-Serie âMade in Germanyâ
Anh Nghi ist in Made in Germany Studentin und feiert gerne. Als ihre Mutter die gemeinsame Wohnung in der Innenstadt verliert, zieht sie zu ihrem Vater Trung, der in Berlin ein vietnamesisches Restaurant betreibt. ZunÀchst ist sie von seinen altmodischen und traditionellen Ansichten genervt, doch als ein rassistischer Gesundheitsinspektor handgreiflich wird, hÀlt Ani bedingungslos zu ihm...
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Modernes Deutschland
Bevor wir uns nĂ€her mit den technischen Details zu „Made in Germany“ befassen, sei vorweggenommen, dass das Autoren-Team mit der Geschichte um Anh Nghi in einer Zeit, in der der Rechtsruck immer spĂŒrbarer wird, eine wichtige LĂŒcke in der Fernsehlandschaft fĂŒllt. Der Themenkomplex Migrationshintergrund wird von Filmschaffenden in den letzten Jahren zwar immer wieder in den Vordergrund gerĂŒckt. Selten befasst sich eine Serie aber mit der Frage, was Deutschsein eigentlich bedeutet.
Das GefĂŒhl, heimisch und Teil der Gesellschaft zu sein, hat nĂ€mlich rein gar nichts mit Hautfarbe, Religion oder sexueller Gesinnung zu tun. Zu Hause ist man dort, wo das Herz ist. Insofern sind Anh Nghi und ihre Freunde ohne Wenn und Aber „made in Germany“ - und das ist gut und richtig so.
Gute AnsÀtze

Die Frage der guten Absichten und AnsĂ€tze stellt sich also nicht, zumal der in dem Format thematisierte Rassismus erfreulicherweise kein rein deutsches Problem ist. Anta Helena Recke, Bahar Bektas und Äức NgĂŽ Ngá»c wissen offensichtlich sehr genau, dass Fremdenfeindlichkeit und die daraus erwachsenen Vorurteile ein globales PhĂ€nomen sind, das sich nicht allein auf Personen beschrĂ€nkt, die mit aller Gewalt deutscher als deutsch sein wollen.
Als Trungs Familie beispielsweise in dessen Restaurant des verstorbenen Opas gedenkt, lĂ€sst Anis Onkel einige SprĂŒche vom Stapel, die einem durchaus die Kehle zuschnĂŒren. Allerdings verblasst die Situation vor dem Neonazi-Kontrolleur, der bald darauf ins Lokal platzt und den armen Mann bedrĂ€ngt und sogar schlĂ€gt.
Ani, die sich bisher stets unumschrĂ€nkt als Deutsche fĂŒhlte, ist entsetzt, als sie das mit dem Smartphone aufgenommene Video sieht. Von nun an wĂ€chst nicht nur das gegenseitige VerstĂ€ndnis zwischen Vater und Tochter, die Studentin bekommt auch einen dramatischen Eindruck davon, wie respektlos Menschen mit anderen umgehen können, wenn sie nur am lĂ€ngeren Hebel sitzen. Der Chef des Nazi-Gesundheitsinspektors ist nĂ€mlich ebenfalls nicht unbedingt ein Paradebeispiel fĂŒr Toleranz. Sicherlich weist Trungs KĂŒche MĂ€ngel auf, die er zurecht ankreidet.
Doch auf das von Ani gezeigte Video mit dem Gewaltausbruch seines Angestellten reagiert er mit der verbalen Drohung, das Lokal zu schlieĂen. Als Anis Vater mit TrĂ€nen in den Augen wie ein Bettler vor ihm kniet und um seine Existenz bangt, sitzt die eigentlich so selbstbewusste junge Frau weinend hilflos daneben. Dieser SchlĂŒsselmoment verĂ€ndert die Ausgangslage der Serie und lĂ€sst die zunĂ€chst als verantwortungslos und partysĂŒchtig darstellte Hauptfigur in einem anderen Licht erscheinen.
ZurĂŒck zur Schauspielschule, bitte
Letztlich rettet diese Wendung die DebĂŒtepisode von „Made in Germany“ vor dem Verriss, denn in den ersten Minuten fĂŒhlt sich ehrlich gesagt so gut wie gar nichts wirklich rund an. Einerseits fragt man sich zunĂ€chst, was uns die Serienmacher denn nun genau sagen wollen. Andererseits lassen aber auch die schauspielerischen Leistungen zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Dabei ist es gar nicht so, dass Hauptdarstellerin Maria Mai Rohmann vollkommen talentfrei wĂ€re, im Gegenteil.
Doch die Unerfahrenheit der Nachwuchsschauspielerin macht ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung und sorgt fĂŒr hölzern vorgetragene Dialoge, nicht exakt platzierte Gesten und einem bisweilen unpassenden Minenspiel. Warum die Verantwortlichen hier nicht bereits im Vorfeld mit ein wenig Einzelunterricht gegengesteuert haben, ist unbegreiflich, denn mit ein wenig mehr Routine seitens der Darstellenden hĂ€tte das Format noch einmal so viel besser werden können.
Paula Julie Pitsch als Anis beste Freundin Jamila wirkt vor der Kamera schlicht geĂŒbter und dadurch eben auch natĂŒrlicher, wĂ€hrend man bei einigen Nebendarstellern das GefĂŒhl nicht loswird, es hier mit Laien zu tun zu haben. Sollte es das Ziel gewesen sein, durch NatĂŒrlichkeit die AuthentizitĂ€t zu steigern, so ist diese Stilvariante zumindest in der ersten Episode nur leidlich gelungen.
Im krassen Gegensatz dazu steht beispielsweise Trung-Darsteller Long Dang-Ngoc, dessen Auftritt nicht nur glaubwĂŒrdig, sondern in der Szene mit dem fiesen Beamten beim Gesundheitsamt sogar herzzerreiĂend ist. Mit ihm an ihrer Seite spielt Maria Mai Rohmann endlich ihr Talent aus. Ani steht die Verzweiflung ĂŒber die DemĂŒtigung ihres Vaters in der genannten Szene sehr deutlich ins Gesicht geschrieben. Das steigert die Hoffnung, dass die Mimin sich weiter in ihre Rolle hineinarbeitet und im Verlauf der sechs rund 45-minĂŒtigen Teile an ihrer Aufgabe wĂ€chst.
Fazit
Man könnte an der Produktion „Made in Germany“ einiges bemĂ€ngeln. Neben den oben erwĂ€hnten schauspielerischen SchwĂ€chen gibt es auch auf technischer und narrativer Ebene einiges, das man hĂ€tte besser machen können. Die Serie will eine Geschichte ĂŒber das moderne Deutschsein erzĂ€hlen, vergreift sich aber vor allem beim Leiter der Gesundheitsbehörde letztlich auch kameratechnisch im Ton.
Dass Rassismus in Deutschland mehr als nur ein Problem ist und genauso offen wie versteckt zutage tritt, ist keine Frage. Doch wÀre es nicht sinnvoller gewesen, hier und da etwas subtiler vorzugehen, um dem jungen Zielpublikum gerade das Thema Alltagsrassismus nÀherzubringen?
Weniger Holzhammer und mehr Finesse hĂ€tte der Episode durchaus mehr Schliff und GlaubwĂŒrdigkeit verliehen als eine karikaturhafte Darstellung des bösen deutschen SchreibtischtĂ€ters. Dennoch muss man die Idee loben, das moderne Deutschsein in all seinen Facetten zu thematisieren.
Wir alle sind letztlich ein Volk, egal, wen wir lieben, welche Religion wir leben und welchen kulturellen Hintergrund wir haben. Was wirklich zĂ€hlt, ist unser Herz, das uns mit jedem Schlag sagt, dass wir zu Hause sind. Und das macht „Made in Germany“ dann auch durchaus richtig gut.
DafĂŒr gibt es von uns dreieinhalb von fĂŒnf Punkten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 4. Oktober 2024(Made in Germany 1x01)
Schauspieler in der Episode Made in Germany 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?